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Interview Perella-Weinberg-Chef: „Europäische Spacs können von den Fehlern der Amerikaner lernen“

Peter Weinberg, der CEO der Boutique-Investmentbank, und sein Europachef Dietrich Becker sprechen über ihren eigenen Spac-Börsengang und die Vorteile europäischer Börsenmäntel.
28.06.2021 - 16:22 Uhr Kommentieren
Perella-CEO Peter Weinberg (rechts) und der Europachef Dietrich Becker.
Doppelinterview

Perella-CEO Peter Weinberg (rechts) und der Europachef Dietrich Becker.

Frankfurt, New York Seit Jahren liebäugelt die Investmentbank Perella Weinberg mit einem Börsengang. Nun ist sie in New York gelistet. Allerdings wählte das Institut nicht den klassischen Weg, sondern einen Börsengang via Spac.

Diese Mantelgesellschaften waren Anfang des Jahres sehr beliebt. Doch inzwischen ist die Euphorie abgeflaut, die Kurse vieler Spacs sind unter Druck, Kleinanleger haben Geld verloren und Anschlussfinanzierungen stocken.

Perella-CEO Peter Weinberg lässt das kalt. „Börsennotiert zu sein ist die richtige langfristige Strategie für uns. Es erlaubt uns, schneller zu expandieren“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Sobald man an die Börse gegangen ist, interessiert sich rückblickend niemand mehr dafür, ob man das über einen Spac oder den regulären Börsengang gemacht hat.“

Perella Weinberg, gegründet 2006, ist über die Start-up-Phase längst hinaus und damit eine Ausnahme im Spac-Universum, das normalerweise junge Firmen ohne verlässlichen Umsatz und Gewinn anzieht. Die New Yorker Investmentbank verdient gutes Geld, bei den aktuell boomenden M&A-Märkten sowieso.

Europachef Dietrich Becker räumt ein, dass es auf den ersten Blick ein volatiles Geschäftsmodell ist. Andererseits werde die Rolle der unabhängigen Finanzberater immer wichtiger, auch in Bereichen, in denen es nicht um Fusionen und Übernahmen gehe. „Das gilt für Restrukturierungen, aber auch für Finanzierungen, Private Placements, Anleihe- und Aktienemissionen und Ähnliches. Daher bietet uns das einen großen Markt, in dem wir weiterwachsen können.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Weinberg, Herr Becker, warum haben Sie sich beim Gang an die Börse für einen Spac entschieden?
Peter Weinberg: Der große Unterschied zwischen einem klassischen Börsengang (IPO) und einem Spac ist: Ein IPO ist ein Prozess. Auf der einen Seite die Entscheidungsfindung innerhalb der Firma, auf der anderen Seite bei den Investoren. Ein Spac-Merger dagegen ist eine Transaktion zu einem vereinbarten Kaufpreis und zu festen Bedingungen, zu denen wir Ja oder Nein sagen können. Für uns war das der bessere Weg.

Dietrich Becker: Hinzu kommt: Wir beraten regelmäßig Unternehmen, die Spac-Transaktionen erwägen, und haben sogar selbst eigene Spacs aufgelegt. Dass wir selbst diesen Weg an die Börse gewählt haben, gibt uns eine zusätzliche Glaubwürdigkeit in dem Bereich. Wir haben mit einem Spac der Cohen-Familie fusioniert, die gerade im Finanzbereich einen tollen Namen und viel Erfahrung hat. Inzwischen arbeiten wir übrigens als Berater bei anderen Spac-Transaktionen mit Betsy und Daniel Cohen zusammen.

Die Stimmung am Spac-Markt hat sich deutlich abgekühlt. Die US-Börsenaufsicht SEC droht mit neuen Regulierungen. War es das jetzt schon für diesen neuen Weg, Unternehmen an die Börse zu bringen?
Weinberg: Das würde ich so nicht sagen. Es gibt immer noch viele Wachstumsunternehmen, die gute Börsenkandidaten sind, wenn man das richtig angeht. Das ist gut. Denn so haben nicht nur Profiinvestoren eine Chance, früh in zukunftsträchtige Unternehmen einzusteigen, sondern auch Kleinanleger. Sie müssen jedoch verstehen, wo die Risiken sind.

Auch in Europa gibt es Initiatoren von Spacs, die nach geeigneten Übernahmekandidaten suchen. Können die Europäer aus den Fehlern der Amerikaner lernen?
Becker: Auf jeden Fall. In Europa ist die Zahl der Spacs noch ziemlich gering. Die Struktur europäischer Spacs ist zumeist weniger aggressiv. Und der Zugang zu Risikokapital ist in Europa immer noch schwieriger als in den USA. Aus meiner Sicht bieten Spacs sehr gute Möglichkeiten für Start-ups, um an Kapital zu kommen – ganz ohne den Hype und die Übertreibungen, die wir in den USA gesehen haben. Es gibt sehr vielversprechende Unternehmen in Europa. Daher bin ich sehr optimistisch, was die Rolle angeht, die Spacs in Europa spielen können.

Ihr Kerngeschäft ist die Beratung bei Fusionen und Übernahmen (M&A). Das Geschäft boomt gerade, ist aber zyklisch. Was bedeutet das für Ihre Aktie?
Weinberg: Es stimmt, der M&A-Markt ist volatil. Aber wir sehen große Wachstumsmöglichkeiten. Wir haben gerade einen Partner eingestellt, der Finanzinstitute in Europa betreuen soll. In den USA haben wir uns in den Bereichen Gesundheit und Chemie verstärkt, weil sich dort verstärkt Deals abzeichnen. Und dann haben wir noch unser Restrukturierungsgeschäft, das mit Unternehmen arbeitet, die in finanzielle Schwierigkeiten sind. Das ist ein Wachstumsfeld und wird die Volatilität abfedern.

Becker: Die Rolle der unabhängigen Finanzberater wird immer wichtiger, auch in Bereichen, in denen es nicht um Fusionen und Übernahmen geht. Das gilt für Restrukturierungen, aber auch für Finanzierungen, Private Placements, Anleihe- und Aktienemissionen und Ähnliches. Daher bietet uns das einen großen Markt, in dem wir weiterwachsen können.

Wie kommt es, dass unabhängige Investmentbanken derzeit so gefragt sind?
Weinberg: Es gibt zwei Gründe. Erstens: Diese Firmen haben extrem talentierte und erfahrene Leute angezogen, die gern mit Kunden arbeiten und sie unabhängig beraten wollen. Sie wollen einfach ein strategischer Berater sein und nicht nebenbei noch eine Reihe von Produkten verkaufen. Die großen Firmen lasten ihren besten Beratern Managementverantwortung auf, das ist uns allen passiert. Und bei kleinen Häusern wie unserem gibt es einfach viel weniger davon.
Und zweitens?
Weinberg: Das Geschäftsmodell. Mit unabhängigen Beratern können Unternehmen viel früher Gespräche führen. Die großen Banken haben ein kompliziertes Geschäft, bei dem viele verschiedene Chefs das Sagen haben. Sie haben Wertpapierhandel, Research-Abteilungen, Emissionsgeschäft, sie investieren in Unternehmen – da ist nichts dran auszusetzen. Kunden suchen jedoch oft eine unabhängige Stimme, die frei ist von dem Druck anderer Geschäftsbereiche. Und genau das ist der Grund, warum unabhängige Firmen wie wir unsere Marktanteile ausbauen können. Ich denke, das wird auch noch eine Weile so weitergehen.

Perella Weinberg ist auch in Deutschland sehr aktiv. Aktuell beraten Sie zum Beispiel Vonovia bei der Übernahme der Deutschen Wohnen. Was sind Ihre Pläne für den deutschen Markt?
Becker: Wir haben unser Büro in München kurz vor der Pandemie eröffnet, doch wegen der Lockdowns haben wir das Büro an sich noch nicht besonders viel nutzen können. Wir haben zwei extrem erfahrene Partner in München: Marcus Schenck, der im Vorstand der Deutschen Bank war, und Stefan Jentzsch, einst Dresdner-Bank-Vorstand. Beide haben auch viele Jahre bei Goldman Sachs verbracht. Sie sind längst in den Vorstandsetagen bei vielen wichtigen Entscheidungen dabei. München ist eine sehr wichtige Niederlassung für uns.

Warum nicht Frankfurt? Das wäre doch eigentlich der logischere Ort für eine Investmentbank.
Becker: Darüber haben wir natürlich nachgedacht. Aber in Frankfurt gibt es mehr Banker als Kunden. In München ist es genau umgekehrt. Das schätzen wir. Denn wir sind nicht nur im M&A-Bereich und bei Restrukturierungen aktiv, sondern auch bei Finanzierungen und Kapitalerhöhungen. Stefan Jentzsch und Marcus Schenck haben in den Bereichen viel Erfahrung. Stefan hat den Börsengang der Telekom damals begleitet, als er bei Goldman Sachs war. Es ist also nicht das jüngste Team, aber es ist auf jeden Fall sehr erfahren. Und deren Aufgabe ist es auch, die nächste Generation an Beratern aufzubauen, die uns in diesem Markt vertreten werden. Deutschland war schon immer einer unserer wichtigsten Märkte.

Erwarten Sie nach der Pandemie auch eine Restrukturierungswelle in Deutschland?
Becker: Ja, es gibt viele Unternehmen, die in der Pandemie – und schon davor – mehr Schulden aufgenommen haben, als sie langfristig verkraften können. Und einige gehen durch eine wichtige Transformation, sei es mit Blick auf neue Technologien oder auf die ESG-Standards.

Das sind Standards in Bezug auf Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung, die von Investoren zunehmend eingefordert werden ...
Becker: Und das alles erzeugt Restrukturierungsdruck, aus strategischen, operativen und finanziellen Gründen. Gleichzeitig sind wir noch in einem Nullzinsumfeld, das Schulden sehr attraktiv macht. Aber wenn die staatlichen Unterstützungsprogramme wegfallen, was definitiv der Fall sein wird, und wenn die Zinsen auch nur ein bisschen steigen, dann wird das eine überdurchschnittlich große Auswirkung auf all jene Unternehmen haben, die hoch verschuldet sind.

Über das Risiko steigender Inflation und die Frage, wie lange sie anhält, wird an der Wall Street gerade leidenschaftlich diskutiert. Auf welcher Seite stehen Sie, Herr Weinberg?
Weinberg: Ich glaube nicht, dass wir Inflationsraten wie in den 70er-Jahren sehen werden, wie es manche befürchten. Sollte das der Fall sein, dann würde es sich drastisch auf alle Bereiche des Lebens auswirken, mal ganz zu schweigen vom M&A-Markt. Ich glaube, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte: Ein paar Preissteigerungseffekte werden vorübergehend sein, weil sie auf die starke wirtschaftliche Erholung zurückzuführen sind, die wir gerade sehen. Da stimme ich mit der US-Notenbank Fed überein. Aber auch darüber hinaus wird es Inflationsdruck geben, was mittelfristig zu etwas höheren Zinsen führen wird. Doch die Chancen stehen ganz gut, dass wir alles in allem ein paar gute wirtschaftliche Jahre vor uns haben.

Ein anderes Reizthema in der Finanzwelt sind die Kryptowährungen. Die Preise von Bitcoin und Co. sind in den vergangenen Wochen drastisch eingebrochen, auch aus Sorge vor mehr Regulierung. Gleichzeitig investieren Risikokapitalgeber Milliarden in den Bereich.
Becker: Wir haben Kunden aus dem Kryptobereich, und ich glaube, dass wir eine Reihe von Transaktionen sehen werden, sowohl in der Finanzbranche als auch anderswo. Man muss die Aussichten für jedes Kryptounternehmen gesondert betrachten. Was haben sie für ein Geschäftsmodell? Gibt es dafür einen Platz in der Wirtschaft? Es gibt viele interessante Unternehmen da draußen, und erst im April haben wir den Börsengang von Coinbase gesehen. Wie man Kryptowährungen reguliert und besteuert, ist eine andere Frage. Aber egal, wie volatil der Markt ist: Kryptowährungen, digitale Assets und die Blockchain-Technologie werden ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft sein.

Herr Weinberg, Herr Becker, vielen Dank für das Interview.

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