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Umstrittener Hype Skepsis bei Investoren und Warnschüsse von der SEC: Die Euphorie um Spacs ist verflogen

Börsenmäntel sind eine Innovation am Kapitalmarkt, aber nicht alle haben funktioniert. Investoren schauen mittlerweile viel stärker nach Qualität. Auch in Deutschland.
28.06.2021 - 15:46 Uhr Kommentieren
Im bisherigen Jahresverlauf wurden in den USA 349 Spacs im Wert von 107 Milliarden Dollar aufgelegt. Quelle: Reuters
New York Stock Exchange

Im bisherigen Jahresverlauf wurden in den USA 349 Spacs im Wert von 107 Milliarden Dollar aufgelegt.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Am Freitag war es so weit: Die Investmentbank Perella Weinberg ist an die Börse gegangen und nun an der Nasdaq gelistet. Am Montag wurde das Debüt groß in New York gefeiert. Die Firma wählte die Abkürzung an die Börse – über einen Spac, eine leere Mantelgesellschaft.

Wenn CEO Peter Weinberg nach den Gründen dafür gefragt wird, klingt seine Antwort fast schon entschuldigend: „Sobald man an die Börse gegangen ist, interessiert sich rückblickend niemand mehr dafür, ob man das über einen Spac oder den regulären Börsengang gemacht hat“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Seit Freitag bezieht sich unser Aktienkurs nur noch darauf, wie Investoren unser Unternehmen beurteilen.“

Was ist passiert? Noch zu Jahresbeginn hatte es einen regelrechten Hype um Spacs gegeben. Sie wurden als große Innovation gelobt, um kapitalsuchende Wachstumsfirmen und renditehungrige Investoren schnell zusammenzubringen.

Doch inzwischen ist gerade auf dem US-Markt Ernüchterung eingekehrt. Es herrscht Flaute, viele über Spac-Vehikel gelistete Firmen entwickeln sich eher schwach, Anschlussfinanzierungen stocken, Investoren wenden sich ab. Ist der Boom schon wieder vorbei, bevor er auch in Europa richtig begonnen hat? 

Spac steht für „Special Purpose Acquisition Company und bezeichnet einen zunächst leeren Börsenmantel, der dann innerhalb von zwei Jahren durch die Übernahme einer nicht notierten Gesellschaft gefüllt wird. Klassischerweise gingen bisher Start-ups wie E-Auto-Hersteller oder Flugtaxi-Produzenten via Spac an die Börse, die noch keine Produkte und keine Umsätze haben und am Kapitalmarkt frisches Geld aufnehmen wollen, um ihre Visionen Realität werden zu lassen. Oft waren die Deals so strukturiert, dass vor allem die Initiatoren dieser Spacs profitierten – und die Kleinanleger am Ende auf Kursverlusten sitzen blieben. 

Laut dem Analysehaus Dealogic wurden im bisherigen Jahresverlauf in den USA 349 Spacs im Wert von 107 Milliarden Dollar aufgelegt, 2020 waren es zur Halbzeit 248 im Volumen von 82 Milliarden Dollar. Damit zeichnet sich zwar ein gutes Ergebnis für das Gesamtjahr 2021 ab, allerdings schauen die Anleger stärker auf Qualität. 

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Außerdem zeigt sich eine ganze Reihe von Problemen, die mit Spacs verbunden sind: So waren zunächst vor allem jene Spacs beliebt, die rosige Zukunftsvisionen hatten, wie der Wasserstoff-Lkw-Hersteller Nikola und Elektroauto-Start-ups wie Lucid und Lordstown Motors. Anleger wollten unbedingt das nächste Tesla finden.

Doch viele Unternehmen, die nun börsennotiert sind, werden noch über Jahre keine Umsätze, geschweige denn Gewinne generieren. Stattdessen gibt es Verzögerungen bei der Produktion und bisweilen auch Betrugsskandale, bei denen die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt. Daher haben viele Anleger das Interesse an den Aktien schnell wieder verloren.

Der Spac-50-Index des US-Börsensenders CNBC hat seit seinem Allzeithoch im Februar rund 20 Prozent verloren. Er misst die Aktienperformance der 50 größten Spacs, bevor sie offiziell mit ihrem Übernahmeziel verschmelzen. Der Tesla-Angreifer Lucid Motors, der im dritten Quartal mit dem Spac Churchill Capital IV von Investor Michael Klein fusionieren wird, hat rund 60 Prozent vom Allzeithoch im Februar verloren. Nach Shortseller-Angriffen bei Nikola und Lordstown liegen die Aktien jeweils um die 70 Prozent im Minus.

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„Investoren nähern sich Spacs nun etwas vorsichtiger als zuvor“, sagt James Angel, Finanzprofessor an der Georgetown University in Washington DC. „Der anfängliche Enthusiasmus ist verflogen.“ Hinzu kommt der Druck der Aufseher. So fürchtet die US-Börsenaufsicht SEC, dass viele Anbieter von Spacs, sogenannte Sponsoren, die Anleger mit überoptimistischen Geschäftsaussichten hinters Licht führen.

Da es sich bei Spacs um Übernahmen und nicht um klassische Börsengänge handelt, gelten weniger strenge Regeln. Wer über den regulären Weg an die Börse geht, darf gar keine Prognosen über die künftige Geschäftsentwicklung abgeben, das wird Analysten überlassen.

Die Aufseher um den neuen SEC-Chef Gary Gensler haben in den vergangenen Wochen wiederholt angedeutet, dass sie hier die Bedingungen angleichen wollen. Auch dass so viele Promis Spacs in den vergangenen Wochen beworben haben, kam bei den Aufsehern nicht gut an. „Es ist nie eine gute Idee, in einen Spac zu investieren, nur weil jemand Berühmtes ihn herausgibt oder in ihn investiert“, mahnte die SEC bereits im März.

„Die SEC hat signalisiert, dass sie die Deals genauer unter die Lupe nehmen wird. Das sind Warnschüsse, die die Anbieter jetzt schon zu mehr Disziplin zwingen, noch bevor neue Vorschriften tatsächlich verabschiedet wurden“, sagt Angel. Er geht jedoch nicht davon aus, dass Spacs komplett vom Markt verschwinden werden. Spacs hätten auch Vorteile. „Sie sind so etwas wie Private Equity für den kleinen Mann“, sagt Angel. Kleinanleger bekämen die Chance, früh in zukunftsträchtige Unternehmen einzusteigen. Bislang konnten das nur Profi-Investoren und reiche Einzelpersonen.

Knappes Dutzend Spacs für Deutschland erwartet

Auch auf dem deutschen Markt ist der Realismus in Sachen Spacs angekommen. Selbst unter den notorisch optimistischen Investmentbankern in Frankfurt glaubt man nicht mehr an eine Welle von Spac-Transaktionen, eher an einen stetigen Strom neuer Deals. „Der Spac-Boom hat sich abgekühlt, in Deutschland werden wir vielleicht noch ein knappes Dutzend neuer Börsenmäntel sehen“, glaubt Thorsten Pauli, Managing Director & Leiter Equity Capital Markets für den deutschsprachigen Raum bei der Bank of America (BofA).

Die Sponsoren müssten eigenes Geld mitbringen. Es reiche nicht, nur die Kosten einer Emission abzudecken, vielmehr müssen die Sponsoren auch ihre „friends and family“ mobilisieren. „Bei einem Spac von beispielsweise 200 Millionen Euro sollten erfahrungsgemäß 80 bis 100 Millionen vom Sponsor aufgebracht werden, um erfolgreich zu sein“, erläutert Pauli die gestiegenen Anforderungen. „Den Boom, den wir in den USA hatten, werden wir hier in Europa nicht erleben. Trotzdem werden wir hier auch weiter Spacs sehen, aber eher selektiv“, glaubt Ebrahim Attarzadeh, CEO bei der Investmentbank Stifel.

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Ein Grund für die realistischere Beurteilung des Spac-Markts ist die eher schlechte Performance der Unternehmen. Laut Investmentbanker Attarzadeh sind zwei Drittel der in den USA notierten Unternehmen, die mit einem Börsenmantel verschmolzen wurden, mit ihrem Kurs im Minus.

Trotzdem wird das Instrument wohl weiter seinen Platz haben im Kapitalmarkt. „Wir sehen in Europa, aber auch Deutschland, dass sich Spacs immer weiter etablieren und Investoren diese als visible Investitionsmöglichkeit wahrnehmen“, erklärt Patrick Frowein, Co-Leiter des Investmentbankings der Deutschen Bank in Europa, Nahost und Afrika.

In Deutschland wurden bislang drei Börsenmäntel platziert, der prominenteste war Lakestar Spac I mit dem Investor Klaus Hommels an der Spitze. Am ersten Handelstag war die Performance mit plus 14 Prozent sehr positiv, doch seitdem ist der Kurs abgebröckelt.

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Dabei hatte Lakestar Anfang Juni gemeldet, man habe mit dem Ferienhausvermittler Hometogo „eine unverbindliche Absichtserklärung bezüglich eines Unternehmenszusammenschlusses“ vereinbart. Dass der Kurs des Lakestar-Spacs beim Ausgabekurs von rund zehn Euro stehe, sei eher ungewöhnlich, meint ein Investmentbanker. Der Kurs sollte theoretisch höher stehen. Offenbar muss man hier noch Überzeugungsarbeit bei den Investoren leisten. 

Auch der in Frankfurt notierte 468 Spac I liegt unter dem Ausgabekurs, hier ist die Übernahme des Spielzeugherstellers Boxine geplant, der mit Tonies-Hörfiguren und dem dazugehörigen Audiowürfel wächst. Auch der European Fintech-Börsenmantel in Amsterdam, bei dem der ehemalige Commerzbank-Chef Martin Blessing mitmischt, war zuletzt mit Kursen um die 9,80 Euro unter Wasser.

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Allerdings kann man eine endgültige Bilanz für einen Spac erst dann ziehen, wenn die angekündigte Fusion auch vollzogen ist. Normalerweise müssen die Sponsoren eines Börsenmantels innerhalb von zwei Jahren ein Übernahmeziel finden, dem die Hauptversammlung zustimmen muss. „In den letzten zwölf Monaten wurden 101 Spac-Fusionen vollzogen beziehungsweise ‚geclosed‘. Im Durchschnitt beträgt der aktuelle Börsenkurs 13,01 Dollar, die Kurse haben sich also positiv entwickelt“, sagt Philipp Schlüter, Vorstand bei der Cowen Germany AG.

Mehr: Perella-Weinberg-Chef: „Europäische Spacs können von den Fehlern der Amerikaner lernen“

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