KKR-Europachef Johannes Huth: „Mittlerweile wollen sehr viele in Deutschland bleiben“
„In den USA sind wir jetzt seit zehn Jahren in einem Bullenmarkt“, sagt der 57-jährige Europachef des Beteiligungskonzerns KKR.
Foto: Carsten Dammann für HandelsblattDie Beteiligungsgesellschaft KKR hat den Raum „Schöneberg II“ im Parterre des Interconti-Hotels in Beschlag genommen. Seit dem frühen Morgen trifft Europachef Johannes Huth hier die Investoren und Beteiligungsexperten am Rande der Berliner Branchenkonferenz Super Return. In seinem Terminkalender stehen insgesamt 13 Meetings, zwei Podiumsauftritte und das Interview mit dem Handelsblatt.
Herr Huth, im nächsten Jahr wird es 30 Jahre her sein, dass KKR den Nahrungsmittelkonzern RJR Nabisco feindlich übernommen hat. Der ebenso spektakuläre wie kontroverse Deal wurde im Buch „Barbarians at the Gate“ verewigt und ist für manche der Urknall der Private-Equity-Branche. Ist das ein Grund zum Feiern?
Ein gutes Jubiläum sollte man immer feiern. Aber leider war dieser Deal nicht gerade unser lukrativster. Es war vor allem ein großer Deal, der Aufsehen erregte.
Sollten die Zeiten für solche Megadeals nicht ohnehin vorbei sein? Schließlich hat sich nicht nur RJR Nabisco nicht gerechnet, sondern auch viele andere Mammut-Transaktionen waren weniger erfolgreich als geplant.
Pauschal kann man das nicht so sagen. Die Renditen für Mega-Buy-outs sind durchaus vergleichbar mit denen von mittelgroßen Transaktionen. Historisch gesehen wirft Wagniskapital für junge Technologiefirmen am wenigsten Rendite ab. Aber Größe an sich ist für uns kein Maßstab, wenn wir Übernahmeziele suchen.
Wenn Sie die 30 Jahre seit RJR Nabisco einmal Revue passieren lassen: Wie hat sich KKR seither verändert?
Wir haben uns enorm gewandelt. Angefangen hat alles mit Private Equity, aber mittlerweile sind wir in allen alternativen Anlageklassen tätig, angefangen bei Infrastruktur über Hedgefonds und private Kreditfonds bis hin zu Wachstums- und Immobilienfonds. Und nach den wilden Anfangsjahren ist die Branche längst viel professioneller geworden.
In einem Punkt haben sich die Beteiligungsfirmen allerdings kaum verändert: Frauen sind weiterhin rar gesät in den Topetagen der Branche, obwohl die Gründerlegenden bei KKR, Carlyle und Apollo jüngst ihre Nachfolgeregelungen genannt haben.
Das ist eindeutig ein Defizit. Wir arbeiten bei KKR hart daran, es zu beseitigen. Und das ist keine PR-Strategie. Wir glauben, dass gemischte Teams viel besser funktionieren und bessere Ergebnisse erzielen.
Wo liegt der Frauenanteil heute?
Bei 20 bis 25 Prozent. Aber letztlich wäre eine ausgeglichene Belegschaft das natürliche Ziel.
Sie haben sich zuletzt besorgt gezeigt wegen der wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft. Jetzt haben die KKR-Gründer Henry Kravis und George Roberts für 2017 jeweils rund 170 Millionen Dollar verdient. Wie passt das zusammen?
Wir werden ja dafür bezahlt, dass wir Gewinne für unsere Investoren machen, und davon bekommen wir dann 20 Prozent. Dieses Modell ist aus meiner Sicht gerecht.
Aber zahlen Sie auch einen fairen Anteil an Steuern?
Ja.
Wirklich? Einkünfte, die Beteiligungsmanager aus der Gewinnbeteiligung erzielen, werden nicht mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuert. Warum ist das gerecht?
Wir halten uns zu 100 Prozent an die Regeln und zahlen die Steuern, die das System vorschreibt.
Aber Sie sagen selbst, dass Sie wegen der zunehmend ungleich verteilten Vermögen besorgt sind. Dass Beteiligungsmanager ihre hohen Einkünfte mit einem deutlich niedrigeren Satz versteuern müssen als normale Arbeitnehmer, ist doch eine der vielen Ursachen dafür ...
Ich bin nicht für die Steuergesetzgebung in Deutschland oder Großbritannien verantwortlich. Wie unsere Gewinne besteuert werden, bleibt dem Staat überlassen.
Dann lassen Sie uns über Ihre Beteiligungen sprechen. Vor einem halben Jahr haben Sie uns gesagt, dass es bei Ihren 200 Portfoliounternehmen so gut laufe wie noch nie und dass das nicht ewig so weitergehen könne. Ist Ihnen immer noch unwohl?
Na ja, in den USA sind wir jetzt seit zehn Jahren in einem Bullenmarkt, und auch in Europa läuft es schon lange gut. Das wird nicht ewig so weitergehen. Aktuell stehen aber alle makroökonomischen Ampeln auf Grün.
Steigende Zinsen machen Ihnen keine Sorgen?
In Europa steigen sie doch noch gar nicht. Auch in den USA sind sie auf absolutem Niveau noch unheimlich niedrig. Auf Sicht der nächsten zwölf Monate sehe ich makroökonomisch keine Gefahren.
Ihr vierter Europafonds ist so gut wie ausinvestiert. Wird der nächste Fonds größer, auch angesichts der guten wirtschaftlichen Ausgangslage?
Dazu kann ich nichts sagen. Aber der generelle Trend in der Branche geht hin zu größeren Fonds.
Der derzeitige Fonds ist deutlich kleiner als der Vorgängerfonds. Warum mussten Sie damals kleinere Brötchen backen?
Das Timing war einfach nicht optimal. Vor fünf Jahren waren wir mitten in der Euro-Krise. Wenn Sie damals in die USA gegangen sind, um Geld einzusammeln, fragten die Investoren, ob Europa überhaupt noch beisammenbleibt oder ob es kollabiert.
Ihr Asienfonds ist 9,3 Milliarden Dollar schwer, der US-Fonds bringt 13,9 Milliarden Dollar auf die Waage, der Europafonds aber lediglich 3,6 Milliarden Euro – das passt doch nicht zusammen, schließlich liegt die Wirtschaftskraft der jeweiligen Regionen gar nicht so weit auseinander.
Dazu darf ich leider aus rechtlichen Gründen nichts sagen, weil wir bald einen neuen Fonds auflegen werden.
Dort planen Sie einen größeren Stellenabbau. Ist GfK ein Sanierungsfall?
Nein. Es geht darum, die Gesellschaft fit zu machen für die digitale Zukunft. Wenn man das nicht angeht, endet man auf dem Abstellgleis. Und natürlich wird das auch Folgen haben für die Aufstellung des Unternehmens. Ein Sanierungsfall ist die GfK deshalb aber nicht.
Welche Folgen hat die digitale Revolution eigentlich für die Private-Equity-Häuser selbst?
Wir investieren stark in die Digitalisierung.
Inwiefern, investieren Sie in Bitcoins?
(Lacht) Nein, aber die Prozesse können wir natürlich noch effizienter gestalten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor einem Verkauf müssen 20 Rechtsanwälte oft 10.000 Seiten an Dokumenten durchforsten. Lässt sich das automatisieren? Ja, ganz klar, das geht. Das bringt zusätzliches Tempo in die Abläufe.
Haben Sie noch ein Beispiel parat?
Bei der wirtschaftlichen Detailprüfung eines möglichen Deals schauen wir uns jetzt immer die digitalen Herausforderungen an. Bei einem Konsumartikelhersteller analysieren wir beispielsweise sehr genau die Chats in den sozialen Medien.
Sie digitalisieren nicht nur, sie eröffnen auch ganz analog neue Büros. Seit Januar haben Sie eines in Frankfurt, nachdem Sie Deutschland zuvor jahrzehntelang aus London heraus abgedeckt haben. Warum jetzt dieser Schritt?
Wir mussten feststellen, dass es wegen des angekündigten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union schwieriger geworden ist, junge Talente nach London zu holen. Bis vor Kurzem ist das nie ein Thema für uns gewesen, früher wollte jeder gerne nach London. Mittlerweile wollen sehr viele in Deutschland bleiben.
Durch den Brexit wird London also tatsächlich unattraktiver?
Ja, das ist so. Wir werden oft gefragt: Kann ich in Paris oder in Frankfurt bleiben? London bleibt zwar für unsere Branche der wichtigste Standort in Europa, aber an den Rändern bröckelt es bereits ab.
Dann könnten Sie doch auch von Paris, wo Sie seit einem Jahr wohnen, an den Main ziehen.
Wenn die Eintracht Meister wird, vielleicht … (lacht). Aber im Ernst: Im Moment bin ich sehr zufrieden in Paris.
Herr Huth, vielen Dank für das Interview.