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Nach AufsichtsratssitzungInvestoren und Politiker kritisieren Führungsvakuum bei der Commerzbank

Nach dem Rücktritt von Vorstands- und Aufsichtsratschef ist völlig offen, wer das Geldhaus künftig führen wird. Aktionäre und Politiker sind empört.Andreas Kröner 09.07.2020 - 17:07 Uhr

Nur noch 51 Prozent der Beschäftigten würden die Commerzbank Freunden und Bekannten als Finanzdienstleister weiterempfehlen.

Foto: dpa

Frankfurt. Fast zehn Stunden hat der Commerzbank-Aufsichtsrat am Mittwoch getagt. Doch mit den Ergebnissen ist im Anschluss kaum jemand zufrieden. Denn knapp eine Woche nach den Rücktrittsankündigungen von Vorstandschef Martin Zielke und Chefkontrolleur Stefan Schmittmann ist weiter völlig offen, wer Deutschlands zweitgrößte Privatbank künftig führen wird.

Der deutsch-britische Finanzmanager Nicholas Teller, der seit 2014 im Aufsichtsrat sitzt und von vielen als künftiger Vorsitzender gehandelt wurde, hatte bereits vor der Sitzung abgewinkt. Und da sich aus dem Gremium auch sonst niemand aus der Deckung wagte, vertagten die Mitglieder die Entscheidung über einen Chefkontrolleur auf die nächste Sitzung am 3. August. An diesem Tag wird Amtsinhaber Schmittmann sein Amt niederlegen.

Bei Investoren kommt die Hängepartie nicht gut an. „Es ist schwach, dass sich alle Aufsichtsräte vor der Verantwortung gedrückt haben und niemand bereit war, den Vorsitz zumindest für eine Übergangszeit zu übernehmen“, schimpft ein Großaktionär. „Wenn es beim Fußball zum Elfmeterschießen kommt, können auch nicht alle Spieler sagen, dass sie nicht schießen.“

Auch aus der Politik hagelt es Kritik. „Das Führungschaos bei der Commerzbank mitten in der Coronakrise ist eine schwere Hypothek“, sagt der Linken-Finanzexperte Fabio De Masi. „Die Bundesregierung kann die Dinge als Eigentümer nicht länger so laufen lassen.“

Der Grünen-Abgeordnete Danyal Bayaz sieht das ähnlich. „Keine Bank kann sich in dieser Wirtschaftskrise ein allzu langes Führungsvakuum leisten“, mahnt er. Die Bundesregierung habe zu lange zugeschaut und müsse bei der Neuausrichtung der Commerzbank nun endlich eingreifen. „Wenn Milliarden von Steuergeldern in ein Unternehmen fließen, darf es nicht eine solche Passivität geben.“

Der Bund ist nach der staatlichen Rettung der Commerzbank in der Finanzkrise mit 15,6 Prozent an dem Institut beteiligt. Zudem stellt er mit Jutta Dönges und Frank Czichowski zwei Aufsichtsräte. Beide wollen Insidern zufolge jedoch nicht den Vorsitz übernehmen.

Millionenzahlung zum Abschied

Dönges wurde allerdings beauftragt, einen neuen Aufsichtsrat zu finden, der nach dem Rückzug von Schmittmann Anfang August in das Gremium einzieht. Es sei offen, ob der Neuzugang dann gleich den Vorsitz übernehme oder doch ein schon länger amtierendes Aufsichtsratsmitglied, sagten mehrere mit dem Thema vertraute Personen. Als ein möglicher interner Kandidat gilt weiterhin der Schweizer Tobias Guldimann.

Bei der Suche nach einem neuen Vorstandschef entschied der Aufsichtsrat Insidern zufolge, neben internen auch externe Kandidaten unter die Lupe zu nehmen. Es herrscht jedoch Konsens, dass über einen neuen CEO erst entschieden wird, wenn ein neuer Chefkontrolleur gefunden ist.

Intern werden Firmenkundenchef Roland Boekhout und Finanzchefin Bettina Orlopp die besten Chancen auf den Vorstandsvorsitz eingeräumt. Über beide wurde bei der Aufsichtsratssitzung Finanzkreisen zufolge jedoch nicht diskutiert. Wenn alles optimal läuft, könnte die Bank nach Einschätzung von Beteiligten im September einen neuen Vorstandschef präsentieren. Es ist jedoch auch denkbar, dass dies erst im Spätherbst oder Winter gelingt.

Die Commerzbank betonte, Vorstandschef Zielke werde die Geschäfte bis zur Berufung eines Nachfolgers in vollem Umfang weiterführen. Spätestens Ende des Jahres scheidet er jedoch aus.

Der Aufsichtsrat hat die einvernehmliche Aufhebung von Zielkes Vertrag, der eigentlich noch bis November 2023 gelaufen wäre, am Mittwoch formell beschlossen.

Nach seinem Ausscheiden werde Zielke zwei Jahresgehälter bekommen, sagten mehrere mit dem Thema vertraute Person. Da der Vorstandschef zuletzt ein Grundgehalt von 1,7 Millionen Euro pro Jahr bezog, würde er somit 3,4 Millionen Euro erhalten.

Mit der Abfindung für Zielke halte sich die Commerzbank an die Empfehlungen des Deutschen Corporate Governance Kodexes, sagte eine mit den Diskussionen vertraute Person. Dort heißt es, Abschiedszahlungen an scheidende Vorstände sollten „den Wert von zwei Jahresvergütungen nicht überschreiten“. Im Bundesfinanzministerium sieht man Insidern zufolge deshalb aktuell keinen Grund einzuschreiten.

„Zielke hinterlässt einen Scherbenhaufen“

Bei vielen Commerzbank-Mitarbeiten und auch in der Politik kommen die geplanten Millionenzahlungen an Zielke jedoch nicht gut an. „Verträge sind einzuhalten“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller. „Moralisch muss sich aber jede Spitzenkraft hinterfragen, ob sie solche Klauseln dann auch nutzen will.“

Noch schärfer fällt die Kritik des Linken-Abgeordneten De Masi aus. „Herr Zielke schmeißt hin, hinterlässt einen Scherbenhaufen, aber kassiert zwei Jahresgehälter“, sagt De Masi. „Kein Arbeitnehmer würde bei einer solchen schlechten Leistung so fürstlich entlohnt.“

Der Commerzbank-Vorstand stellte bei der Aufsichtsratssitzung auch ausführlich seine neue Strategie vor, die er eigentlich Anfang August präsentieren wollte. Sie sieht unter anderem den Abbau von rund 10.000 Arbeitsplätzen vor.

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Aus Sicht von Investoren, die zuletzt mehrfach harte Einschnitte gefordert hatten, gehen die Pläne der Commerzbank grundsätzlich in die richtige Richtung. Abschließend festgelegt und beschlossen werden soll die neue Ausrichtung jedoch erst, wenn ein neuer Vorstandschef an Bord ist.

Mitarbeit: Martin Greive

Mehr: Beim Umbau des Geldhauses muss auch die Firmenkundensparte von Roland Boekhout Federn lassen. Noch größere Einschnitte gibt es bei den Filialen.

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