Tagesgeld: ING lockt Neukunden mit 3,5 Prozent Zinsen
Die Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) treibt die Höhe der Zinsen auf Tagesgeld.
Foto: Willi NothersFrankfurt. Im Kampf um Einlagen wird die Konkurrenz unter den Banken zunehmend härter. Profiteure sind die Kunden, die sich zunehmend höhere Zinsen auf ihr Erspartes sichern können.
Zu den Vorreitern gehört dabei die Onlinebank ING Deutschland. Sie bietet Neukunden seit Dienstag 3,5 Prozent auf Tagesgeldkonten – befristet für sechs Monate. „Der Wettbewerb um Einlagen wird intensiver“, sagte ING-Privatkundenchef Daniel Llano am Montag auf der Handelsblatt-Tagung Zukunft Retail Banking. Die ING wolle mit dem neuen Angebot die Zahl ihrer Kundinnen und Kunden weiter ausbauen.
In den vergangenen Monaten habe sich die Zahl der Menschen, die nach attraktiv verzinsten Angeboten suchten und dann die Bank wechselten, bereits erhöht, berichtet Llano. „Ich erwarte, dass wir in den kommenden Monaten noch mehr Wechsel sehen werden.“
Tagesgeld: Weitere Banken heben Zinsen an
Auch die Deutsche Bank und die Commerzbank haben die Zinsen, die sie Kunden auf ihre Ersparnisse zahlen, zuletzt angehoben. „In Summe muss ich für den Kunden ein attraktives Angebot stellen, sonst geht er zum freundlichen Mitwerber“, sagte Commerzbank-Privatkundenchef Thomas Schaufler. „Danach richten sich auch die Konditionen.“
Seit der Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juli 2022 müssen Banken keine Strafzinsen mehr bezahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken, sondern erhalten selbst eine Gutschrift. Der Einlagenzins, den die EZB den Geschäftsbanken zahlt, liegt derzeit bei 3,5 Prozent.
Er geht davon aus, dass die Bank mit ihrem Festgeldangebot in den kommenden Monaten viele neue Einlagen anziehen wird.
Foto: Willi NothersDie Commerzbank zahlt ihren Neukunden wie die ING mehr Zinsen auf Tagesgeld als auf Festgeld. Schaufler begründet dies damit, dass sehr viele Kunden „eine gewisse Flexibilität haben wollen“. Die Nachfrage nach Tagesgeld sei folglich höher als nach Festgeld.
Die Deutsche Bank setzt im Gegensatz zu ING und Commerzbank stärker auf Festgeld. Seit Kurzem bietet das Institut Kunden für zwölf Monate drei Prozent Zinsen. Von den Kunden werde dieses Angebot bisher gut angenommen, berichtet Lars Stoy, der das deutsche Privatkundengeschäft der Deutschen Bank verantwortet.
Stoy geht davon aus, dass die Bank mit ihrem Festgeldangebot in den kommenden Monaten viele neue Einlagen anziehen wird. Eine Anlage für ein Jahr sei „nicht ewig lang“ und nicht wirklich kürzer als die durchschnittliche Verweildauer von Kundengeldern auf Tagesgeldkonten, argumentiert er. Grundsätzlich sei der Wettbewerb zwischen den Banken in Deutschland um die Ersparnisse von Privatkunden „ein bisschen dynamischer geworden“, sagt Stoy.
Laut einer Untersuchung der Bundesbank ist bislang noch wenig von der beispiellosen Zinserhöhungsserie der Europäischen Zentralbank (EZB) bei den Kunden angekommen. Die Zinsen für täglich fällige Einlagen seien bislang nur geringfügig gestiegen, heißt es im am Montag veröffentlichten Monatsbericht der Notenbank.
Tagesgeldkonto wechseln: Deutsche Privatkunden sind träge
Eine solche verlangsamte Reaktion der Banken sei zwar auch in früheren geldpolitischen Straffungsperioden zu beobachten gewesen. „Seit September 2022 ist die Zinsweitergabe jedoch noch träger als in der Vergangenheit.“ Auch bei den Spareinlagen seien die Zinsen bisher nur in geringem Umfang nach oben gegangen.
Der Anteil an den Notenbankzinsen, den Banken an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben, wird im Fachjargon „Deposit Beta“ genannt. In den vergangenen Monaten ist das „Deposit Beta“ branchenweit gestiegen – allerdings nicht so stark, wie von vielen Instituten ursprünglich kalkuliert. Der Zuwachs falle „weiterhin niedriger aus, als wir erwartet hatten“, sagte Deutsche-Bank-Finanzchef James von Moltke kürzlich auf einer Analystenkonferenz.
Laut Nikola Glusac, Partner bei der Unternehmensberatung Bain, liegt dies unter anderem daran, dass deutsche Privatkunden „grundsätzlich eher wenig wechselbereit“ seien. Zudem seien viele Zinsangebote zeitlich limitiert und vom Volumen her begrenzt. „Deshalb sieht man, betrachtet auf den Gesamtmarkt, keine tektonischen Verschiebungen.“
Seit Beginn der Zinswende haben die privaten Großbanken und die Sparkassen die größten Einnahmeabflüsse verkraften müssen. Bei ihnen flossen laut Bundesbank-Daten von November 2022 bis April 2023 Einlagen von netto jeweils zwei Prozent ab. Auslandsbanken haben dagegen zwei Prozent mehr Einlagen angezogen.
>> Lesen Sie hier: Tagesgeld und Festgeld – welche Angebote sich jetzt lohnen
Die Commerzbank geht davon aus, dass mittelfristig alle Banken einen größeren Anteil der Notenbankzinsen an ihre Kunden weitergeben müssen. „Historisch gesehen lag das ‚Deposit Beta‘ abhängig vom Zinsniveau oft zwischen 35 und 45 Prozent“, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp kürzlich. „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass wir dieses Level dieses Mal nicht erreicht werden.“
ING unter den drei Banken mit den höchsten Tagesgeld-Zinsen
Die Kunden seien genauso gut oder sogar besser gebildet als in der Vergangenheit. Zudem sei es dank der Digitalisierung einfacher geworden, Einlagen von einer zur anderen Bank zu verschieben. „Aus meiner Sicht ist deshalb nicht die Frage, ob wir dieses Level wieder erreichen, sondern nur wie schnell“, sagte Orlopp.
In Deutschland zahlt die ING, die Ende 2022 gut neun Millionen Kunden hatte, traditionell vergleichsweise hohe Tagesgeldzinsen. Mit ihrem Angebot von 3,5 Prozent Zinsen zählt das Institut laut dem Vergleichsportal Verivox zu den drei Banken mit den höchsten Tagesgeldzinsen für Neukunden. Höhere Sätze erhielten Sparer zuletzt nur bei der Suresse Direkt Bank, die zur spanischen Großbank Santander gehört sowie bei der Raiffeisenbank Hochtaunus.
ING: Keine Anpassungen bei der Baufinanzierung
Deutlich schwächer als das Einlagengeschäft entwickelt sich bei allen Banken die Baufinanzierung. Die Deutsche Bank will diesen Geschäftsbereich deshalb straffen und dabei mehrere Hundert Stellen abbauen.
Derart harte Einschnitte planen die Commerzbank und die ING nach eigenen Angaben nicht. Allerdings verschieben auch sie Personal von der Baufinanzierung in andere Einheiten. Darüber hinaus überprüfe die Commerzbank eine weitere Straffung ihrer Prozesse, sagte Privatkundenchef Schaufler. „Wir werden das anpassen.“
Deutsche-Bank-Manager Stoy geht davon aus, „dass der Markt nach und nach wieder in Takt kommt“. Das Geschäft werde aber nicht wieder das Niveau der „Sonderkonjunktur“ während der Negativzinsphase erreichen.
Mit der Zinswende sind die Zinsen für private Immobilienkredite deutlich gestiegen, das Neugeschäft ist eingebrochen. In den ersten vier Monaten 2023 fiel das Neugeschäft gegenüber dem Vorjahr um etwa die Hälfte.
Stoy zufolge geht ein kleiner zweistelliger Prozentteil des Neugeschäfts inzwischen auf energetische Sanierungen zurück. Bei der Hypo-Vereinsbank (HVB) mache der Anteil rund 15 Prozent aus, sagte Privatkundenchefin Monika Rast.
Erstpublikation: 26.06.2023, 12:04 Uhr (zuletzt aktualisiert: 26.06.2023, 15:00 Uhr).