BBVA will Banco Sabadell: Die geplante feindliche Übernahme einer Bank bewegt Spanien
Madrid, Frankfurt. Feindliche Übernahmen von Banken sind selten. Noch seltener sind sie erfolgreich. Dass die spanische Großbank BBVA dennoch versucht, den kleineren Rivalen Banco Sabadell gegen dessen Willen zu übernehmen, wird europaweit aufmerksam beobachtet. Denn nach erfolgreichem Zusammenschluss würde ein neuer Bankengigant mit einer Bilanzsumme von mehr als einer Billion Euro entstehen. Das Geldhaus würde unter die zehn größten Institute in Europa vorrücken.
Manche Experten deuten den aktuellen Übernahmeversuch als Zeichen, dass die Konsolidierung der Banken in Europa nach Jahren der Ruhe wieder Fahrt aufnimmt. Nicht zuletzt haben die höheren Zinsen der EZB dafür gesorgt, dass es den Geldhäusern heute wieder deutlich besser geht als noch zwei Jahre zuvor.
Befeuert werden die Übernahmephantasien auch vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Dieser sagte kürzlich: Er sei offen für die Übernahme einer französischen Bank wie der Société Genérale durch einen europäischen Konkurrenten, um eine tiefere Finanzintegration der EU voranzutreiben.
Es regt sich Widerstand
Doch die Fusionsträume der Investoren könnten schneller platzen, als sie aufgekommen sind. Viele Bankvorstände und Experten halten grenzüberschreitende Fusionen in der EU kurzfristig weiter für unwahrscheinlich. Auch gegen die Übernahme von Sabadell durch BBVA regt sich großer Widerstand.
Die spanische Regierung, die ein Vetorecht besitzt, wettert gegen den Deal. Zudem macht es die zersplitterte Aktionärsstruktur von Sabadell schwierig für BBVA, eine Mehrheit für die Übernahme zu gewinnen. Hauptstreitpunkt zwischen beiden Instituten ist die Bewertung. Aus demselben Grund waren bereits 2020 Gespräche beider Banken über eine Fusion geplatzt. Nun hat BBVA einen neuen Anlauf genommen und bot Sabadell am 1. Mai einen reinen Aktiendeal an: eine neu ausgegebene BBVA-Aktie für je 4,83 Sabadell-Papiere.
Das entsprach einem Aufschlag von 30 Prozent auf den Sabadell-Aktienkurs vor dem Fusionsvorschlag und bewertete die Bank mit rund zwölf Milliarden Euro. Nachdem das Vorhaben bekannt wurde, stiegen die Sabadell-Aktien jedoch um rund neun Prozent – während die BBVA-Papiere gut zehn Prozent verloren. Die Prämie von BBVA schmolz dadurch von 30 auf nur noch zehn Prozent.
Nun kämpfen beide Seiten mit harten Bandagen. Am 5. Mai schrieb BBVA-Verwaltungsratschef Carlos Torres einen Brief an seinen Sabadell-Kollegen Josep Oliu. Darin warb er für den Deal und stellte klar, dass BBVA sein Angebot nicht nachbessern werde.
Die Reaktion erfolgte umgehend schon am nächsten Tag. Der Sabadell-Verwaltungsrat lehnte das Angebot ab und veröffentlichte einen Tag darauf zudem den Brief von Torres. Noch einen Tag später richtete sich BBVA daraufhin mit einem feindlichen Übernahmeangebot direkt an die Sabadell-Aktionäre.
Sabadell beschwert sich bei der Marktaufsicht
Sabadell reagierte am 9. Mai mit einer Beschwerde bei der spanischen Marktaufsicht CNMV. Darin heißt es, BBVA habe gegen das Übernahmegesetz verstoßen. Sabadell bezieht sich dabei unter anderem auf Äußerungen von BBVA-Verwaltungsratschef Torres. Dieser hatte vor Analysten erklärt, dass seine Bank bereits mit einigen institutionellen Investoren von Sabadell über eine Übernahme gesprochen habe und optimistisch sei.
Damit der Deal gelingen kann, muss allerdings mehr als die Hälfte der Sabadell-Aktionäre dem Deal zustimmen. Eine solche Mehrheit zu überzeugen, dürfte schwierig sein. Zwar liegen 55 Prozent der Aktien in den Händen von institutionellen Investoren und Fonds. Aber auch dort sind die Aktienpakete sehr klein. Größter Aktionär ist mit 3,6 Prozent die Investmentgesellschaft Blackrock.
So zählen 45 Prozent der Anteilseigner zu den Kleinaktionären, von denen viele auch Kunden der Bank sind. Einer von ihnen sagte dem Handelsblatt, Sabadell rufe bereits private Anteilseigner mit größeren Paketen an und lasse sie wissen: „Wir zählen auf Euch.“
Der Aktionär, der anonym bleiben möchte, stammt wie zahlreiche andere Anteilseigner aus der Stadt Sabadell. Viele Kleinaktionäre halten ihre Sabadell-Aktien bereits ein Leben lang. Sie sind daher kaum daran interessiert, sie für eine feindliche Übernahme zu verkaufen. „Ihnen geht es nicht nur um eine Geldanlage, da ist auch viel Patriotismus im Spiel“, sagt er. „Es wird für BBVA nicht leicht, eine Mehrheit zu finden.“
Auch Spaniens Wirtschaftsminister übt Kritik
Der spanische Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo hat die feindliche Übernahme bereits wenige Stunden nach der Bekanntgabe abgelehnt. Seine Einwände hat er auch der Chefin der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), Claudia Buch, vorgetragen. Es ging um Bedenken, „die wir hinsichtlich der Auswirkungen auf die Konzentration und damit auf den Wettbewerb haben“, sagte er.
Bereits nach der Finanzkrise 2008 hat sich der spanischen Bankenmarkt stark konsolidiert. Laut EZB-Daten von Ende 2022 vereinen die fünf größten spanischen Geldhäuser 70 Prozent aller Vermögenswerte in Spanien auf sich. Sie liegen damit leicht über dem Schnitt des Euroraums von 68 Prozent und deutlich über dem deutschen von 35 Prozent.
Manuel Romera, Experte für Finanzmanagement an der IE Business School, teilt die Ansicht vieler Experten, dass die Erfolgsaussichten von feindlichen Übernahmen im Bankensektor grundsätzlich schlecht sind. „Das Vorgehen von BBVA ist superaggressiv“, sagt er. „In Spanien hat es lange keine feindlichen Übernahmen mehr bei Banken gegeben, weil sie nicht zu einem guten Ende führen.“
Auch international gibt es kaum gelungene Beispiele. Eine der letzten realisierten feindlichen Übernahmen war der Kauf der niederländischen ABN Amro Bank durch ein Konsortium aus der spanischen Banco Santander, der Royal Bank of Scotland und der belgisch-niederländischen Finanzgruppe Fortis 2007.
Kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise zahlten die Institute 71 Milliarden Euro – damals eine der größten Bankenübernahmen überhaupt. Die Royal Bank of Scotland verhob sich damit jedoch erheblich und brauchte wenig später Staatshilfen, auch Fortis geriet in Probleme.
Auch Mark Branson, Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, weiß wie schwierig Übernahmen im Bankenbereich sind. Aus seiner Sicht sollte sich die Finanzaufsicht bei einer Konsolidierung des Bankensektors jedoch zurückhalten. „Es ist nicht unser Job, die Industriestruktur zu gestalten“, sagt er.
Die Übernahme bietet viel Synergien
Strategisch wäre ein Zusammenschluss von Sabadell und BBVA nach Ansicht von Experten sinnvoll. BBVA ist weltweit aktiv, aber dabei in hohem Maße abhängig vom Geschäft in Mexiko. Dort erzielte das Institut im ersten Quartal 56,5 Prozent seines Nettogewinns. Mit einer Stärkung des Geschäfts in Spanien, wo die Wirtschaft derzeit stärker wächst als im Rest der EU, würde BBVA sein Risiko breiter streuen.
Quelle: Finanzexperte Manuel Romera
In ihrem Heimatmarkt würden sich beide Geldhäuser gut ergänzen: BBVA ist vor allem im Privatkundengeschäft stark, während sich Sabadell auf kleine und mittelgroße Unternehmen spezialisiert hat. Bei einem Zusammenschluss gäbe es jedoch vor allem in den spanischen Regionen Katalonien und Valencia Dopplungen. „Es würden rund 4000 Arbeitsplätze wegfallen“, prognostiziert Finanzexperte Romera.
Für Aktionäre, denen das egal ist, ist die Offerte aber attraktiv. Die Ratingagentur Scope betont: „Das Potenzial für mehr Rentabilität, das durch die erwarteten Synergien bei den Kosten gestützt wird, macht die Übernahme für die Aktionäre interessant.“
Sabadell widerspricht BBVA-Prognosen
BBVA rechnet mit Restrukturierungskosten von 1,45 Milliarden Euro im kommenden Jahr und Synergien von 850 Millionen Euro. Das entspricht einem Verhältnis von Kosten zu Synergien von 1,7. Auf einer Bankenkonferenz in Madrid am Donnerstag zweifelte Sabadell-Chef César González-Bueno diese Rechnung jedoch an. Er erklärte, die Kosten seien in Wahrheit dreimal so hoch wie die erwarteten Synergien.
Das sei einer der Gründe gewesen, warum der Verwaltungsrat das Angebot abgelehnt habe. González-Bueno erklärte zudem, es habe vor dem friedlichen Fusionsangebot keinerlei Verhandlungen zwischen den beiden Banken dazu gegeben.
BBVA-Chef Torres insistierte daraufhin erneut, dass er sich Mitte April mit Sabadells Verwaltungsratschef Oliu getroffen und ihm gesagt habe, dass er Interesse an einer Fusion mit Sabadell hat. Zu den Details hätten sich beide am 30. April treffen wollen – aber just an dem Tag berichtete eine Zeitung über den Plan, und das Treffen kam nicht mehr zustande.
Experten fordern mehr Konsolidierung in Europa
Grundsätzlich ist Sabadell der Ansicht, alleine gut bestehen zu können. In den vergangenen Jahren hat das Institut IT-Probleme bei ihrer britischen Tochter gelöst und seinen Gewinn deutlich gesteigert. Am 25. April legte die Bank sehr gute Quartalsergebnisse vor und hob den Ausblick an, woraufhin die Aktie um 15 Prozent stieg.
Neben der vermeintlich zu niedrigen Bewertung von Sabadell stört sich die Bank aus Katalonien offenbar auch an einer ausschließlichen Bezahlung der Übernahme mit BBVA-Aktien. Christian Eufinger, Bankenexperte der spanischen Business School IESE, erwartet daher: „Eine Verbesserung des Angebots durch eine Ergänzung einer Barkomponente ist ein wahrscheinliches Szenario, da dies die Erfolgschancen der Übernahme deutlich erhöhen würde.“
Aus seiner Sicht ist das Übernahmeangebot aber auch ein gutes Zeichen. „Es zeigt, dass der nötige Prozess der Konsolidierung in der Branche nach der Pandemie wieder in Bewegung gerät“, sagt er. Das sei nötig, weil es gerade im Vergleich mit den USA in Europa zu viele Banken gebe. Das schwäche deren Rentabilität.
„Konsolidierung in Europa wäre eine gute Strategie für die Banken“, sagte jüngst auch José Manuel Campa, der Chef der EU-Bankenaufsichtsbehörde Eba. „Was ich an der Konsolidierung, die bislang in Spanien stattgefunden hat, mag, ist, dass sie grundsätzlich zu stärkeren Banken geführt hat. Die Guten haben gewonnen.“
Wie es jetzt in Spanien weitergeht
In Spanien müssen nun zunächst die zuständigen nationalen und internationalen Behörden dem geplanten Deal zustimmen, unter anderem die EZB. Anschließend müssen die BBVA-Anteilseigner auf einer Hauptversammlung der Ausgabe neuer Aktien zustimmen.
BBVA rechnet damit, dass dieser Prozess sechs bis acht Monate dauern wird. Erst danach würde die Frist beginnen, in der die Sabadell-Aktionäre das Angebot annehmen oder ablehnen können. Der Bankenkrimi dürfte Spanien also noch lange beschäftigen.