Diversität: Wie Trumps Politik den Verkauf einer Deutsche-Börse-Tochter erschwert
Frankfurt. Die Deutsche Börse bereitet einen Börsengang ihrer Tochter ISS Stoxx vor, die Investoren unter anderem bei der Abstimmung auf Hauptversammlungen berät. Der Dax-Konzern werde in den nächsten Monaten den Markt für einen Börsengang sondieren und mehr Informationen zu ISS Stoxx veröffentlichen, kündigte Stephan Leithner am Mittwoch auf seiner ersten Pressekonferenz als Börsenchef an.
Die Börse hält 80 Prozent an ISS Stoxx. Die übrigen 20 Prozent liegen beim Finanzinvestor General Atlantic, der gern aussteigen würde. Als Alternative zu einem Börsengang könnte die Börse General Atlantic den Anteil auch abkaufen, betonte Leithner. „Beide Wege bereiten wir vor.“ Welcher am Ende gewählt werde, hänge auch von General Atlantic und dem Marktumfeld ab.
Zum Marktumfeld zählt in diesem Fall nicht nur die allgemeine Börsenentwicklung, sondern auch die wachsende Kritik in den USA an Nachhaltigkeits- und Diversitätsregeln. Sollte diese anhalten oder noch stärker werden, könnte dies das Geschäft von ISS Stoxx belasten.
Das Unternehmen berät Firmen schließlich auch in den Bereichen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) – kurz ESG. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung von ESG-Themen könnte zudem dazu führen, dass sich potenzielle Investoren bei einem Börsengang von ISS Stoxx zurückhalten.
Der wiedergewählte US-Präsident Donald Trump hat dem Minderheitenschutz den Kampf angesagt. Kurz nach seinem Amtsantritt wies er alle staatlichen Behörden per Dekret an, die sogenannten DEI-Richtlinien (Diversity, Equity, Inclusion) bei Einstellungen oder Geldvergabe nicht mehr zu berücksichtigen. Viele Unternehmen und Investoren haben ihre Geschäftspraxis dem neuen Kurs inzwischen angepasst.
In der Nacht auf Mittwoch teilte der Stimmrechtsberater ISS mit, dass er Diversität mit Blick auf Geschlecht und ethnischer Herkunft ab dem 25. Februar nicht mehr berücksichtigen wird, wenn er Empfehlungen für die Wahl oder Wiederwahl von Vorständen in US-Konzernen abgibt. ISS begründete dies mit dem Trump-Dekret und den Diskussionen über die DEI-Regeln in den USA.
Leithner findet ESG-Daten weiter wichtig
Die Deutsche Börse hatte ISS 2021 übernommen und später mit der Index-Tochter Stoxx zusammengelegt. In der Öffentlichkeit ist ISS vor allem als Stimmrechtsberater bekannt, an dessen Empfehlung sich viele Investoren bei Hauptversammlungen orientieren. Darüber hinaus ist ISS aber auch im Geschäft mit ESG-Daten aktiv.
Leithner glaubt, dass diese für Investoren trotz Trump wichtig bleiben. „Das ist ein langfristiger Trend, der nicht an Bedeutung verlieren wird.“ Der Österreicher betonte zudem, dass sich die Deutsche Börse bei den Empfehlungen von ISS grundsätzlich nicht einmischt. Diese beruhten immer auf dem „Input der Investoren“. Außerdem müsse ISS die rechtlichen Rahmenbedingungen beachten.
Leithner steht seit Anfang des Jahres allein an der Spitze der Börse. In den vergangenen Jahren war der 57-Jährige als einfaches Vorstandsmitglied bereits an allen wesentlichen Entscheidungen beteiligt und will am Kurs seines Vorgängers Theodor Weimer festhalten.
Dieser hatte im Daten-, Analytik- und Softwaregeschäfts zahlreiche Zukäufe getätigt und den Konzern damit unabhängiger von den Schwankungen an der Börse gemacht. Zudem stärkte er so das Geschäft mit der sogenannten „Buy side“, also den Investoren.
ICE und Londoner Börse ziehen davon
Seit Weimers Amtsantritt Anfang 2018 hat sich die Marktkapitalisierung der Deutschen Börse mehr als verdoppelt auf 48 Milliarden Dollar. Damit ist der Börsenbetreiber deutlich mehr wert als die Deutsche Bank (39 Milliarden Dollar) und auch die Commerzbank (24 Milliarden Dollar).
Im Vergleich zu den führendenden Börsenbetreibern in den USA und Großbritannien ist der Rückstand jedoch größer geworden. Die amerikanische Intercontinental Exchange (ICE) kommt inzwischen auf eine Marktkapitalisierung von 96 Milliarden Dollar, die Londoner Börse auf 77 Milliarden Dollar.
Größe sei im Börsengeschäft „ein entscheidender Erfolgsfaktor“, sagte Leithner. Er wolle in ausgewählten Bereichen deshalb weiter zukaufen. „Wir sind immer auf der Suche.“ Einen zu starken Fokus auf die Marktkapitalisierung will er bei Zukäufen aber nicht legen. „Es ist wichtig, dass wir uns nicht von den falschen Messgrößen treiben lassen.“
Deutsche-Börse-Aktie steigt auf Rekordhoch
Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Börse dank der milliardenschweren Übernahme des dänischen Softwarekonzerns Simcorp so viel Gewinn gemacht wie noch nie. Das Betriebsergebnis (Ebitda) stieg um 15 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro. Die Nettoerlöse legten ebenfalls um 15 Prozent zu auf 5,8 Milliarden Euro.
Besonders stark entwickelte sich mit einem Plus von 66 Prozent der Betriebsgewinn im neuen Segment Investment Management Solutions (IMS), in dem das Daten- und Analytikgeschäft gebündelt ist. Verantwortlich dafür war die Übernahme von Simcorp, die Ende 2023 abgeschlossen wurde. Die Simcorp-Ergebnisse flossen 2024 somit erstmals vollständig ins Zahlenwerk der Börse ein.
Der dänische Konzern bietet Investmentmanagement-Software für große Investoren wie Asset-Manager, Pensionsfonds und Zentralbanken an. 2024 gewann Simcorp neue Großkunden in den USA, unter anderem das Texas Teachers Retirement System.
Im laufenden Jahr sollen die bereinigten Nettoerlöse gruppenweit um acht Prozent auf 5,2 Milliarden Euro steigen, der bereinigte Betriebsgewinn um 17 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Die Nettozinserträge und Erträge für hinterlegte Sicherheiten sind dabei – anders als bisher – nicht mehr eingerechnet.
Für das abgelaufene Geschäftsjahr soll die Dividende um 20 Cent auf 4,00 Euro pro Aktie steigen. Darüber will die Börse eigene Aktien im Wert von 500 Millionen Euro zurückkaufen. Die Gesamtausschüttung steigt damit auf einen Rekordwert von 1,2 Milliarden Euro.
Bei den Aktionären kam das gut an. Die Papiere des Dax-Konzerns legten am Mittwoch zeitweise um zwei Prozent auf 246,30 Euro zu, was ein neues Allzeithoch darstellt.