Ergo: Budapest-Prozess um Sex-Party beginnt
Ort des Geschehens.
Foto: dpaDüsseldorf. Im Juli 2007 war die Ergo-Welt noch in Ordnung, ja sie war mehr als das. „Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Oder aber, sie sind so abgefahren, so sagenhaft und unbeschreiblich, dass es sie beinahe gar nicht geben dürfte. Aber seien Sie sicher – es gibt sie eben doch. Und zwar nur hier! Hier in der HMI!“
So stand es in der Zeitung für die freien Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer, dem HMI-Profil. Die besten von ihnen hatte die Tochter der Ergo Versicherung im Monat zuvor zu einer Sexorgie nach Budapest eingeladen – unter freiem Himmel in der historischen Gellert-Therme. Die Vertriebszeitschrift hielt fest: „Aus welchem Blickwinkel auch immer man diese Megafete betrachtet: Ein Mordsspaß war es auf alle Fälle. Jedenfalls haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch niemanden gefunden, der dabei war und nicht sofort wieder loslegen möchte.“
Die Zeiten haben sich geändert. Heute gibt es die HMI nicht mehr. Die Vertriebsorganisation wurde massiv umgebaut und gestrafft, ihr Name getilgt. Sie heißt nun Ergo Pro. Den ehemaligen HMI-Chef und den ehemaligen Vertriebsdirektor zeigte Ergo im Juni 2011 an. Was vier Jahre zuvor schwärmerisch gefeiert wurde, galt nun als schwere Untreue und sollte gesühnt werden – am besten vor Gericht.
Es war offensichtlich nicht der beste Einfall, den die Ergo-Führung je hatte. Fast fünf Jahre sind vergangen, seit es im ganzen Konzern kein anderes Thema mehr gab, als die unangenehmen Details jener Reise nach Budapest. Die Zeiten waren hart, ja für manche Mitarbeiter geradezu traumatisch. Und nun, gerade als ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist, wird die Geschichte noch einmal aufgewärmt.
Nach Informationen des Handelsblatts soll der Budapest-Prozess ab dem 14. Juni beginnen. Es wird offenbar eine längere Veranstaltung. Das Landgericht Hamburg gibt an, man wolle das Verfahren bis Februar 2017 abschließen. Bei zwei Verhandlungstagen pro Woche wären das 70 Sitzungen zum Thema Budapest, Ergo und Sex.
Dabei müssen die aus Ergo-Sicht eigentlich Verantwortlichen den Gerichtssaal nicht einmal betreten. Gegen einen ehemaligen Hamburg-Mannheimer-Vorstand ermittelte die Staatsanwaltschaft nur kurz, beim ehemaligen Vertriebsdirektor wurde das Verfahren nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung gegen eine Geldauflage eingestellt.
Angeklagt sind stattdessen zwei Männer, gegen welche die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen im Laufe der Zeit ausdehnte: ein ehemaliger Vertriebsleiter der Hamburg-Mannheimer und ein Vertreter, der zugleich Geschäftsführer der Reiseagentur war, die den Budapest-Ausflug organisierte. Sie sollen einen Schaden von 52.000 Euro verursacht haben und sind der schweren Untreue beschuldigt. Ergo hatte ihnen vorgeworfen, mit der Beauftragung von Prostituierten gegen Richtlinien des Unternehmens verstoßen zu haben.
Was sich 2011 unmittelbar nach Bekanntwerden des Skandals gut anhörte, war ein Jahr später Makulatur. Ergo-Chef Torsten Oletzky beteuerte, die Revision habe „fast jeden Stein umgedreht“ und dabei nichts mit Budapest Vergleichbares gefunden, sondern nur „kleinere Regelverstöße“. Auf Nachfrage, was ein kleinerer Regelverstoß ist, sagte Oletzky: „Auf einer Reise ist zum Beispiel ein Mit‧arbeiter im offensichtlich angetrunkenen Zustand gegenüber einer Rezeptionistin ausfallend geworden. Er wurde auf eigene Kosten nach Hause geschickt.“
Es waren Worte, die sich rächen sollten. Im August berichtete das Handelsblatt über einen ganzen Reigen weiterer Reisen des Versicherers. Sie führten 2005 in ein Bordell auf Mallorca und 2009, 2010 und 2011 in das „Hedonism II“ auf Jamaika. Ein Geschäftsstellenleiter gab an, er habe die Reise in den Swinger-Klub gebucht, weil schon seine erste Wettbewerbsreise vor 25 Jahren dorthin geführt habe. All dies war in Revisionsberichten festgehalten, die dem Ergo-Vorstand seit Juni 2011 vorlagen. Auch von der Budapest-Reise hatte Oletzky nachweislich seit Juni 2010 gewusst – die Anzeige erfolgte aber erst, als die Orgie in der Zeitung stand.
Nun münden die Widersprüche in einem Prozess. Den Angeklagten geht es nicht darum, vor Gericht ihre Unschuld zu beweisen. Sie wollen darlegen, dass sie nicht schuldig sein können, weil Sex als Belohnung für gute Vertriebsarbeit bei der Hamburg-Mannheimer über Jahre normal war.
Für die Ergo ist etwas Schlimmeres kaum vorstellbar. Oletzky muss die Suppe nicht mehr auslöffeln – er verließ den Versicherer 2015, obwohl sein Vertrag noch bis 2018 lief. Sein Nachfolger heißt Markus Rieß. Er darf sich nun mit der Vorstellung vertraut machen, dass in einem öffentlichen Gerichtsverfahren monatelange nacherzählt wird, mit welchen Methoden bei der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer der Vertrieb zu Höchstleistungen angestachelt wurde.
Ergo äußert sich zu dem laufenden Verfahren nicht. Viele altgediente Vertriebskanonen sind sich einig, dass der Konzern seinen besten Männern in den Rücken fiel, als er das Thema Budapest an die Polizei übergab. Galt 2011 noch eine Wagenburgmentalität, so haben die Männer, die nun auf der Anklagebank sitzen, aber auch viele der im Landgericht erwarteten Zeugen den Respekt vor dem Management verloren. Wenn sie gefragt werden, was wirklich ablief im Vertrieb des Versicherers, so werden sie womöglich keinerlei Zurückhaltung üben.
Sollte es so kommen, kann sich Rieß der uneingeschränkten Aufmerksamkeit der Medien sicher sein. Die Details der Freiluftorgie seines Unternehmens sind bereits historisch geworden. Ende 2014 nahm das Haus der Geschichte in Leipzig die Budapest-Reise in eine Ausstellung auf. Ihr Titel: „Schamlos. Sexualmoral im Wandel.“
Im Museum liegen nun die Ergo-Armbändchen aus der Gellert-Therme neben Aufklärungsbüchern von Oswalt Kolle und Sexspielzeug von Beate Uhse. Auch damit hat Ergo eine Alleinstellung in der Branche.