Euler Hermes Ratings: Allianz verkauft Ratingtochter an Scope
Die Länder-Ratings sind von dem Verkauf unberührt, erklärte der Versicherer.
Foto: dpaFrankfurt. Sie bewerten die Bonität von Schulden im Wert von Hunderten Billionen Dollar, und sie entscheiden mit über die Refinanzierungskosten von Staaten, Banken und Unternehmen: Ohne Ratingagenturen läuft in der Finanzwelt wenig. Jetzt kommt Bewegung in den Markt. Das Berliner Unternehmen Scope kauft die Allianz-Tochter Euler Hermes Ratings und will so seine Position im umkämpften Ratingmarkt stärken.
Euler Hermes Ratings beurteilt die Kreditwürdigkeit von kleineren und mittelgroßen Unternehmen und Projektfinanzierungen. Die Länder-Ratings, die Europas größter Kreditversicherer Euler Hermes zur Einschätzung der Export- und Importrisiken in einzelnen Ländern verwendet, sind von dem Verkauf nicht berührt.
Euler Hermes gehört Europas größtem Versicherer Allianz. Anteile an Scope halten zu je 40 Prozent Scope-Gründer und -Chef Florian Schoeller sowie BMW-Großaktionär Stefan Quandt. 20 Prozent liegen bei einer Stiftung. Scope-Chef Schoeller sieht den Kauf als weiteren Schritt zum Aufbau eines „europäischen Ratingschwergewichts“. Der Weg hin zum etablierten europäischen Ratinghaus scheint indes noch weit.
Laut im Dezember 2020 veröffentlichten Berechnungen der europäischen Wertpapieraufsicht Esma dominierten die US-Agenturen S&P, Moody’s und Fitch den europäischen Ratingmarkt im Jahr 2019 mit Umsatzanteilen von zusammen mehr als 90 Prozent. Scope‧ kam auf einen Anteil von 0,6 Prozent, Euler Hermes auf 0,2 Prozent.
Hoffnung auf einen Bedeutungsgewinn kann sich Scope mit Blick auf die Europäische Zentralbank (EZB) machen. Auch die EZB greift auf Ratings zurück, unter anderem bei ihren Anleihekaufprogrammen. Voraussetzung dafür ist, dass die Agenturen eine bestimmte Anzahl von Anleiheschuldnern und Anleihen nachweisen.
EZB könnte bald auch Scope-Ratings berücksichtigen
Aktuell berücksichtigt die EZB die Ratings von S&P, Moody’s, Fitch und DBRS-Morningstar. Die ursprünglich kanadische DBRS gehört seit 2019 zu dem vor allem für seine Fondsanalysen bekannten US-Haus Morningstar. Scope erfüllt seit Ende 2018 die Voraussetzung einer Mindestabdeckung von Ratings und könnte so Ende des Jahres in den von der EZB beachteten Kreis der Ratingagenturen aufgenommen werden.
Den Ruf nach einer europäischen Ratingagentur gibt es schon seit der Finanzkrise. Damals waren S&P, Moody‘s und Fitch in Verruf geraten, weil sie schwache US-Hypothekenanleihen zunächst zu gut bewertet hatten und so die weltweite Finanzkrise mit ausgelöst hatten.
In der Euro-Schuldenkrise einige Jahre später standen die US-Ratingagenturen zusätzlich bei europäischen Politikern in der Kritik, weil sie die Bonität von Euro-Krisenländern trotz der Milliarden-Rettungspakete zu deutlich herabgestuft hatten. Als Folge der Krisen werden die Ratingagenturen reguliert, in Europa ist dafür die Esma zuständig. Sie hat aktuell 27 Bonitätsbewerter in Europa zugelassen.
Dennoch ist es bislang nicht gelungen, die Dominanz der US-Häuser zu brechen. Große Neugründungen von europäischen Ratingagenturen scheiterten. Lange präsentierte sich Fitch als europäisch, weil die Agentur bis vor drei Jahren der französischen Holding Fimalac gehörte. Fitch hatte jedoch auch immer einen Hauptsitz in New York und gehört inzwischen zudem komplett zum US-Medienhaus Hearst.