Geldanlage: Warum Anleger öfter eine zweite Meinung einholen sollten
Lüneburg. Ob Mandeloperation oder Implantation eines Herzschrittmachers – bei bestimmten medizinischen Eingriffen besteht ein gesetzlicher Anspruch auf eine ärztliche Zweitmeinung. Für die Kosten kommt die Krankenkasse auf. Dieser zweite Blick soll Patienten helfen, die richtige Entscheidung zu treffen und unnötige Operationen zu vermeiden.
Während es im medizinischen Bereich üblich ist, dass Patienten einen weiteren Spezialisten befragen, sieht das bei der Geldanlage anders aus. „Eine zusätzliche Kontrolle ist nicht nur unüblich, sondern in der Branche bisweilen sogar verpönt“, sagt Christian Dagg, geschäftsführender Gesellschafter der Anlageberatung Dagg Invest.
„Diese Vorbehalte sollten sich dringend ändern.“ Denn eine unabhängige Überprüfung eines Spezialisten, wie sinnvoll eine gewählte Anlagestrategie ist, sei wichtig. Man könne damit bisweilen viel Geld sparen und die Rendite erhöhen. „Der Blick von außen kann helfen, Schwachstellen klarer zu erkennen“, sagt Dagg.
Da kann es Sinn ergeben, Anlagestrategien regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen. Außerdem verändern sich im Laufe der Jahre auch individuelle Bedürfnisse und Ziele, auf die es bei der Geldanlage immer wieder zu reagieren gilt.
Auch Marcel Reyers, geschäftsführender Gesellschafter der Finakons – Finanz Konsilium, ist Befürworter einer Zweitmeinung bei finanziellen Fragen. „Wir investieren oft viel Zeit in die Auswahl von Konsumgütern, die weit weniger Bedeutung für das Leben haben als Finanzentscheidungen. Daher sollte der zeitliche und finanzielle Aufwand für eine Zweitmeinung nicht gescheut werden.“
Die Zweitmeinung eines unabhängigen Fachmanns kostet Geld. In der Regel wird dies über ein Honorar abgerechnet. Aber: „Wer einen neutralen Dritten gegen Honorar beauftragt, kann der Vertretung seiner eigenen Interessen sicher sein. Ein Interessenskonflikt, der bei Abhängigkeit der Vergütung vom Produktabschluss besteht, ist hier nahezu ausgeschlossen“, sagt Reyers, der auch Vorstand des Financial Planning Standard Board Deutschland ist.
Hin und wieder wird er selbst nach seiner Expertise gefragt, wenn es um die Anlage größerer Geldsummen geht. Zum Beispiel beim Hausverkauf oder bei größeren Abfindungen. „Es gibt aber auch die Selbstentscheider, die mit wachsendem Vermögen den Wunsch haben, einen neutralen Sparringspartner über die Gesamtvermögenssituation schauen zu lassen.“
Ziel sei nicht, eine Anlagestrategie in Zweifel zu ziehen. „Aber vier Augen sehen nun mal mehr als zwei“, sagt Dagg. Zumal es nahezu in jedem Depot etwas zu verbessern gäbe. Mal entdecken die Experten versteckte Klumpenrisiken, mal ein Durcheinander verschiedenster, teurer Produkte und häufig eine viel zu geringe Diversifikation. In vielen Fällen, so Dagg, passen die Anlagestrategien überhaupt nicht zum Risikoprofil des Investors.