Bundesbank: Ordoliberal und marktwirtschaftlich – Dieser Mann wird wohl Deutschlands oberster Währungshüter
Nagel war 17 Jahre lang bei der Bundesbank tätig – davon sechs Jahre im Vorstand.
Foto: Deutsche BundesbankFrankfurt. Der Volkswirt Joachim Nagel hat die besten Chancen, Jens Weidmann an der Spitze der Bundesbank zu beerben. Laut zwei Insidern aus Kreisen der Ampelkoalition ist er nun der klare Favorit. Zuletzt galten Nagel sowie Finanzstaatssekretär Jörg Kukies und EZB-Direktorin Isabel Schnabel als aussichtsreichste Kandidaten.
Kukies ist inzwischen nicht mehr im Rennen. Er sei für den designierten Regierungschef Olaf Scholz zu wichtig im Kanzleramt, erfuhr das Handelsblatt ebenfalls aus Kreisen der Ampelkoalition. Auch Isabel Schnabel soll keine Chance mehr haben, hieß es dazu in Berlin. Eine Entscheidung soll spätestens bis Montag Mittag fallen.
Zuerst hatte die „Financial Times“ (FT) am Donnerstag berichtet, dass Nagel der „bevorzugte Kandidat“ sei. Ein Sprecher des designierten Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab.
Nagel gilt als Kompromisskandidat, der für Kontinuität bei der Bundesbank steht. Er ist SPD-Mitglied und arbeitete zwischen seinem Volkswirtschaftsstudium in Karlsruhe und der Promotion als Referent für den SPD-Parteivorstand in Bonn.
Der Ökonom war 17 Jahre lang bei der Bundesbank tätig – davon sechs Jahre im Vorstand. Bei einem Wechsel zur Bundesbank würde der als ordoliberal geltende Ökonom an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren.
„Nagel würde ein gewisses Maß an Bundesbank-Kontinuität gepaart mit Markt- und internationaler Erfahrung signalisieren“, kommentiert der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. Er könne zu einer Brücke zwischen der EZB und der deutschen Öffentlichkeit werden, indem er die Entscheidungen der Notenbank mitgestalte und sie gleichzeitig der deutschen Öffentlichkeit erklären helfe.
Lange Erfahrung bei der Bundesbank
Nagel war 2010 als erstes Eigengewächs der Bundesbank von der Position des Zentralbereichsleiters in den Bundesbank-Vorstand aufgerückt, wo er den früheren SPD-Politiker Thilo Sarrazin ersetzte. Dort war er zuletzt unter anderem für den wichtigen Bereich Märkte zuständig und damit für die konkrete Umsetzung der Geldpolitik. In dieser Zeit hat er die Anleihekäufe der EZB kritisch kommentiert. Außerdem leitete er den Krisenstab der Bundesbank und vertrat die Institution in vielen globalen Gremien.
Auch nachdem er die Notenbank 2017 verließ, kümmerte sich Nagel im Vorstand der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) um internationale Themen, speziell um die Förderung von Entwicklungs- und Schwellenländern. Aktuell arbeitet er für die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), eine Art Dachverband der Notenbanken weltweit. Dort ist er Vize-Chef für Banken.
Innerhalb der Bundesbank hatte Nagel während seiner Tätigkeit einen guten Ruf. Dass er die Notenbank dennoch verließ, führten Beobachter damals unter anderem darauf zurück, dass eine zweite Amtszeit aus politischen Gründen nicht sicher war.
Die SPD hatte ihn 2014 für den damals frei werdenden Vizechefposten der Bundesbank favorisiert. Seinerzeit war die CDU jedoch deutlich stärker als die SPD. Und sie entschied sich für Claudia Buch und gegen Nagel. Nun haben sich die politischen Mehrheitsverhältnisse grundlegend geändert, wovon Nagel profitieren könnte.
Gegen die EZB-Direktorin Isabel Schnabel spricht, dass bei einem Wechsel zur Bundesbank ihr aktueller Posten im EZB-Direktorium frei würde und nachbesetzt werden müsste. Damit wäre ein größerer personeller Umbau nötig. In der Vergangenheit sind jedoch bereits mehrfach EZB-Direktoriumsmitglieder aus Deutschland vorzeitig aus dem Amt geschieden.
So trat Sabine Lautenschläger vor knapp zwei Jahren ebenso vorzeitig zurück wie zuvor Jörg Asmussen und der frühere EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Das hatte in anderen Euro-Ländern in der Vergangenheit schon für Unverständnis gesorgt. Würde Schnabel zur Bundesbank wechseln, müsste die neue Regierung auch eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für sie bestimmen und das Europaparlament diesem Personalvorschlag zustimmen.
Schnabel ist neben Notenbankchefin Christine Lagarde die einzige Frau von insgesamt sechs Mitgliedern im EZB-Direktorium, das die Geschäfte der EZB führt. Unter den 19 nationalen Notenbankchefs im Euro-Raum gibt es derzeit keine einzige Frau.