Ende der Inflation: EZB-Vertreter sehen weitere Zinserhöhungen skeptisch
EZB-Direktorin Isabel Schnabel will die Inflation nicht unterschätzen.
Foto: Reuters„Mitglieder der Europäischen Zentralbank haben weiter kaltes Wasser über die Möglichkeit erneuter Zinsanhebungen gegossen“, meint Börsenstratege Matthew Ryan vom Finanzhaus Ebury am Freitag. Die Chancen für eine erneute Zinserhöhung bis Jahresende würden nur noch mit 1:4 bewertet. Eine Zinssenkung im ersten Halbjahr 2024 werde als gut möglich eingestuft. Einige EZB-Vertreter wollen allerdings die Tür für weitere Zinsanhebungen offen halten.
Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau hatte am Donnerstag im Handelsblatt gesagt, seit der September-Zinssitzung habe die EZB gute Inflationszahlen und einen starken Anstieg der langfristigen Zinssätze gesehen. „Deshalb glaube ich, dass es derzeit keine Rechtfertigung für eine weitere Anhebung der EZB-Zinsen gibt.“
Aus Sicht des niederländischen Notenbankchefs Klaas Knot ist die EZB inzwischen dabei, die Inflation in den Griff zu bekommen. Die Geldpolitik sei in einer guten Position, sagte er am Freitag auf einer Konferenz im slowakischen Strbske Pleso. „Mit dem gegenwärtigen Niveau der Zinsen haben wir eine glaubwürdige Perspektive, die Inflation im Laufe des Jahres 2025 wieder auf zwei Prozent zu bringen.“
Aus Sicht der von Barnaby Martin und Ioannis Angelakis von der Bank of America haben sich die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen schon deutlich verschärft. „Wir glauben, dass die Geldpolitik bereits straff ist – wahrscheinlich zu straff – für eine Wirtschaft in der Eurozone mit einer potenziellen Wachstumsrate von etwas über einem Prozent.“
Die EZB erwartet für 2023 nur ein Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent und 2024 von 1,0 Prozent. Bostjan Vasle, Notenbankchef Sloweniens, sagte auf der Konferenz in der Slowakei, die aktuell schwächelnde Konjunktur steuere auf eine sanfte Landung zu. Es sei keine Rezession nötig, um die Inflation zurückzubewegen zum Notenbankziel von zwei Prozent.
Isabel Schnabel: Nicht zu früh Sieg über Inflation verkünden
Portugals Notenbankchef Mario Centeno hatte bereits am Mittwoch gesagt, man könne davon ausgehen, „dass der Zinserhöhungszyklus mittlerweile und unter den gegenwärtigen Bedingungen abgeschlossen ist“. Sein EZB-Ratskollege Peter Kazimir aus der Slowakei sagte am Donnerstag, die Zinsanhebung im September sei wahrscheinlich vorerst die letzte gewesen.
Einige Währungshüter wollen die Möglichkeit weiterer Anhebungen nicht vom Tisch nehmen. So warnte EZB-Direktorin Isabel Schnabel in der kroatischen Zeitung „Jutarnji List“ davor, die Inflation vorzeitig für besiegt zu erklären.
Es könnte zu neuen Schocks kommen. Sollten bestehende Risiken Realität werden, „könnten irgendwann weitere Zinserhöhungen notwendig werden,“ sagte sie. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte bereits gesagt, die Inflation sei noch nicht besiegt. Die EZB müsse daher ihren restriktiven Kurs fortsetzen, bis sicher sei, dass die Teuerung wieder zum mittelfristigen EZB-Zielwert von zwei Prozent zurückkehre.
Erstpublikation: 06.10.2023, 10:18 Uhr.