Euro: EZB sieht Inflationsziel in Reichweite – Lagarde widersteht einer Versuchung
Frankfurt. Es ist Christine Lagarde anzumerken, dass sie jetzt gern endlich den Sieg über die Inflation verkünden würde. Den Bürgern die Gewissheit geben, dass die akute Geldentwertung vorüber ist. Und den versammelten Experten ein Signal, dass bald die Zeit für Zinssenkungen gekommen ist.
Die eigenen Prognosen gäben das her: Der EZB-Stab sieht die Notenbank kommendes Jahr am Zwei-Prozent-Inflationsziel. Dennoch muss Lagarde der Versuchung auch an der Frankfurter Goethe-Universität widerstehen, beim jährlichen Klassentreffen der Notenbankerszene, der ECB Watchers Conference. Die EZB-Chefin traut den Prognosen noch nicht wieder vollumfänglich, vielen Kollegen im EZB-Rat geht es ähnlich.
Ihre 25 Minuten lange Rede widmet Lagarde der schwierigen Suche nach Selbstgewissheit. Sie stellt die aktuelle Phase der EZB unter genau diese Überschrift: Confidence. Zuversicht, Selbstvertrauen, Zutrauen in die eigene Arbeit: All das ist in diesem Wort verpackt.
Fehlerhafte Inflationsprognosen
Fakt ist: Die EZB hat den Inflationsschub vor zwei Jahren unterschätzt. Fakt ist auch: Sie war damit in guter Gesellschaft, die meisten Volkswirte und Analysten lagen ebenfalls daneben. Die Irrtümer der EZB-Ökonomen hatten allerdings weitreichende Folgen. Die Notenbanker setzten nach verbreiteter Auffassung zu spät zu insgesamt zehn Zinserhöhungen an, weil sie auf Inflationsprognosen vertrauten, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten.
Lagarde nimmt für sich und die EZB in Anspruch, dazugelernt zu haben. Die Geldpolitik basiere jetzt auf einem breiteren Fundament. Der neue Ansatz mache ihre Entscheidungen robuster. „Das erforderte eine gewisse intellektuelle Anstrengung“, sagt Lagarde, „und ich bin froh, dass wir dazu in der Lage waren.“
Für dieses unterschwellige Eigenlob weicht Lagarde ausnahmsweise von ihrem Manuskript ab. Es ist ein seltener Moment der Spontaneität. Lagarde improvisiert in ihrer Rolle als EZB-Chefin kaum noch. Sie hat es sich abgewöhnt, nachdem sie anfangs schlechte Erfahrungen gemacht hat. 2020 musste sie eine unbedachte Äußerung richtigstellen, um die aufgeregten Märkte zu beruhigen.
Lagarde zeigt in ihren Ausführungen drei Inflationsrisiken auf: starkes Lohnwachstum, hohe Gewinnmargen der Unternehmen, schwache Produktivität. Sie skizziert Szenarien, unter denen die Inflation höher bleiben kann als prognostiziert. Dahinter dürfte nicht zuletzt das Kalkül stecken: Es soll ihr und der EZB niemand etwas nachsagen können, sollten ihre Prognosen wieder danebenliegen.
Für manche Experten ist die EZB längst zu spät dran mit der Zinswende. Die Inflationsraten sind unter drei Prozent gesunken, die Wirtschaft lahmt. Doch Lagarde stellt klar: Es gebe keinen Automatismus für Zinssenkungen, sobald die EZB einmal anfängt. Das wird wahrscheinlich im Juni geschehen.
„Selbst nach der ersten Zinssenkung können wir uns nicht auf einen bestimmten Zinspfad festlegen“, sagt die Französin und beginnt nochmals zu improvisieren. „So groß diese Versuchung auch sein mag, sosehr einige von Ihnen das sehen wollen: Wenn wir ehrlich sind, wenn wir diszipliniert sind, können wir das nicht.“
