Inflation: Darum traut die EZB den langsameren Preissteigerungen noch nicht
Frankfurt. 2,6 Prozent Inflation: Niedriger war die Teuerungsrate im Euro-Raum zuletzt im Juli 2021. Mit der Schnellschätzung der Statistikbehörde Eurostat für Februar rückt das Zwei-Prozent-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) in Reichweite. Dennoch zögert die EZB eine Zinssenkung hinaus.
Maßgeblicher Grund dafür ist das Lohnwachstum. Dem schenkt die EZB momentan größte Beachtung. Die Tariflöhne im Euro-Raum sind laut der Notenbank im vierten Quartal 2023 um 4,5 Prozent gestiegen. Das ist etwas weniger als zuvor. Doch es ist zu viel, um dauerhaft Preisstabilität zu gewährleisten.
Der Zeitpunkt für die erste Zinssenkung hängt in erster Linie davon ab, wie sich das Lohnwachstum im laufenden ersten Quartal entwickelt. Mäßigen sich Gewerkschaften und Arbeitnehmer, dürfte der Weg zur ersten Zinssenkung bald frei sein. Andernfalls ist keineswegs ausgeschlossen, dass führende Vertreter im EZB-Rat monatelang mit der Zinswende warten wollen.
Hohe Lohnzuwächse schlagen unter Umständen anhaltend auf die Inflation durch. Das gilt insbesondere, wenn die Produktivität so schwach bleibt wie zuletzt. Und wenn die Unternehmen höhere Lohnkosten an ihre Kunden weiterreichen, statt sie über geringere Margen abzufedern. Darauf setzt die EZB.
Lohnwachstum im Fokus der EZB
Um sich frühzeitig ein Bild von der Lohndynamik machen zu können, haben Fachleute der EZB eine Art Frühmeldesystem entwickeln. Dazu werten sie bruchstückhaft umgehend jeden Tarifabschluss in sieben der 20 Euro-Länder aus. So müssen sie nicht auf offizielle Statistiken warten, die erst mit wochen- oder monatelanger Verzögerung vorliegen.
Das Frühmeldesystem zur Lohnentwicklung – intern als „Wage Tracker“ bezeichnet – signalisiert: Im ersten Halbjahr 2024 dürfte der Lohndruck zeitweise etwas nachlassen. Anschließend werden die Tariflöhne mutmaßlich allerdings wieder etwas stärker Richtung fünf Prozent anziehen.
Gesicherte Erkenntnisse sind das zwar nicht. Zumal derzeit ungewöhnlich viele Tarifverträge auslaufen, die Ungewissheit also beträchtlich ist. Dem EZB-Rat liefern sie gleichwohl wichtige Anhaltspunkte, mit Bedacht vorzugehen.
Mit gewisser Nervosität dürfte man in der Notenbank registrieren, dass Gewerkschaften nicht der Sinn nach Zurückhaltung steht. Die hohe Inflation des vergangenen Jahres wirkt bei den Beschäftigten nach. Das Statistische Bundesamt meldete am Freitag, dass die Tariflöhne 2023 um 3,7 Prozent gestiegen sind. Sie blieben damit deutlich hinter der Inflationsrate von durchschnittlich 5,9 Prozent zurück.
Die Folge: Tarifbeschäftigte hatten nach Abzug der Inflation merklich weniger Geld zur Verfügung. Dem gewerkschaftsnahen Institut WSI zufolge ist die Kaufkraft der Tariflöhne auf das Niveau von 2016 gesunken. Die angelaufene Tarifrunde 2024 werde deshalb „im Zeichen deutlicher Reallohnzuwächse stehen“, kündigte WSI-Tarifexperte Thorsten Schulten an.
Kerninflation hartnäckiger
Gewerkschaften und Arbeitnehmer verhandeln aus einer Position der Stärke: Die Arbeitsmärkte sind nach wie vor gut ausgelastet, nicht nur in Deutschland. Die Arbeitslosenquote in der Euro-Zone befindet sich mit 6,4 Prozent auf historischen Tiefständen. Der Mangel an Fachkräften lädt ebenfalls zu selbstbewussten Lohnforderungen ein.
Der jetzige Inflationsrückgang ist hauptsächlich durch gesunkene Preise für Lebensmittel zu erklären. Die Kerninflationsrate ohne Preise für Lebensmittel und Energie ist mit 3,1 Prozent höher. Sie werde sich, getrieben durch kräftige Lohnerhöhungen, bis weit ins kommende Jahr über zwei Prozent halten, schätzt Sebastian Becker von der Deutschen Bank.
Bis auch die Kerninflation sich dem Zwei-Prozent-Inflationsziel nähert, dürfte es also eine Weile dauern. Auch wenn Ökonomen die Fortschritte im Kampf gegen die phasenweise sehr hohe Inflation der vergangenen zwei Jahre für ermutigend halten: Nicht wenige warnen aufgrund dieser Gemengelage vor verfrühtem Optimismus.
Erstpublikation: 01.03.2024, 11:01 Uhr.