Geldpolitik: Nagel bekräftigt: „Kampf gegen die Inflation noch nicht vorbei“ – Lagarde deutet weitere Zinsschritte an
Deutschlands oberster Zentralbanker gilt als Befürworter einer strengen Geldpolitik.
Foto: ReutersFrankfurt. Bundesbankchef Joachim Nagel spricht sich ungeachtet der Sorge vor einer neue Finanzkrise für weiter steigende Zinsen in der Euro-Zone aus. „Unser Kampf gegen die Inflation ist noch nicht vorbei“, sagte er der „Financial Times“. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte am Mittwoch, das höhere Zinsniveau beginne allmählich zu wirken. Ansteckungsrisiken für Europas Bankensektor sehen sie nicht.
Er habe nach wie vor den den Eindruck, dass „der Preisdruck in der gesamten Wirtschaft stark und breit angelegt ist“, sagte Nagel. Mit Blick auf das Zinsniveau sagte er: „Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, aber wir nähern uns dem restriktiven Bereich.“ Das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) sprach sich zudem dafür aus, dass die Notenbank Forderungen nach einer Zinssenkung widerstehen müsse, nachdem sie mit ihren Anhebungen aufgehört hat.
Lagarde bekräftigte auf der Konferenz „The ECB and its Watchers“ in Frankfurt, dass die Geldpolitik der EZB robust in eine restriktive Richtung wirke. „Und dieser Prozess beginnt nun langsam seine Wirkung zu entfalten.“ Die Inflation sei aber nach wie vor hoch, und die Unsicherheit bezüglich ihrer weiteren Entwicklung habe weiter zugenommen. „Folglich ist für die Zukunft eine solide Strategie unabdingbar.“
Auch die Französin kündigte weitere Anhebungen an. „Wir werden für Preisstabilität sorgen, und die Rückführung der Inflation auf mittlere Sicht zu einem Wert von zwei Prozent ist nicht verhandelbar“, sagte sie.
Zugleich machte Lagarde deutlich, dass sich die Währungshüter nach den Wirtschaftsdaten richten werden. „Dies bedeutet zuallererst, dass wir nicht darauf festgelegt sind, die Zinsen weiter anzuheben, und dass wir auch nicht am Ende der Zinserhöhungen angelangt sind.“
Wenn sich das Basisszenario der jüngste EZB-Projektionen bestätigen sollte, bleibe noch einiges zu tun, um sicherzugehen, dass die Notenbank den Inflationsdruck beseitigt habe. In der Vorwoche hatte die EZB neue Prognosen vorgelegt. Sie erwartet für 2023 eine durchschnittliche Inflation von 5,3 Prozent, für 2024 rechnet sie mit 2,9 Prozent. Mit Blick auf die vielbeachtete Kerninflation ist die Notenbank pessimistischer.
Die EZB hat ihren Leitzins in der vergangenen Woche das sechste Mal in Folge angehoben, und zwar von 3,0 auf 3,5 Prozent. Das macht Kredite für Investitionen teurer, kann dadurch die Nachfrage dämpfen und so die Inflation bremsen – aber auch die Konjunktur.
Die Teuerung hält sich hartnäckig auf hohem Niveau. Im Februar kletterten die Verbraucherpreise um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an, wird dieses Ziel aber nach eigener Einschätzung noch längere Zeit verfehlen.
Mit Blick auf die gegenwärtigen Turbulenzen im Bankensektor erklärte Bundesbank-Chef Nagel, er sehe derzeit keine Gefahr einer Ansteckung des „widerstandsfähigen“ Bankensystems der Euro-Zone. „Wir stehen nicht vor einer Wiederholung der Finanzkrise von 2008“, sagte Nagel. „Wir können das bewältigen.“
Der deutsche Notenbankchef schloss nicht aus, dass die europäischen Banken nach den Turbulenzen um die angeschlagene Credit Suisse und der Pleite der Silicon Valley Bank bei der Kreditvergabe nun vorsichtiger werden. Eine Kreditklemme befürchtet er aktuell aber nicht. Es sei „zu früh“, um zu diesem Schluss zu kommen. Als Kreditklemme wird eine unzureichende Kreditvergabe an die Realwirtschaft bezeichnet, die die Konjunktur empfindlich treffen kann.
Lagarde bekräftigte ebenso, die Institute in der Euro-Zone seien widerstandsfähig und robust. Sie sagte auch, die EZB sei angesichts der aktuellen Marktspannungen bereit, das Finanzsystem erforderlichenfalls mit Liquiditätshilfen zu unterstützen und die reibungslose Transmission der Geldpolitik aufrechtzuerhalten. Sie wiederholte damit ihre Ausführungen aus der Vorwoche.
Auch EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hält es inzwischen für eher er unwahrscheinlich, dass sich die jüngsten Bankenturbulenzen noch zu einer großen Krise hochschaukeln. „Wir spielen immer Szenarien durch, was passiert, wenn wir beschleunigende Effekte bekommen, oder Sachen, die sich gegenseitig verstärken“, sagte er auf der Konferenz. Das sei aber vom gegenwärtigen Standpunkt aus betrachtet unwahrscheinlich.