Geldpolitik: US-Notenbank legt Zinspause ein – „Wir müssen uns nicht beeilen“
Washington. Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), hatte beim Zinsentscheid am Mittwoch vor allem zwei Botschaften: „Wir müssen uns nicht beeilen“ und die Geldpolitiker müssten nun zunächst „abwarten und schauen.“
Es war die erste Sitzung der Fed, seitdem US-Präsident Trump erneut ins Weiße Haus eingezogen ist. Und Powell signalisierte unmissverständlich, dass sich die mächtigste Notenbank der Welt bei ihrem weiteren Zinskurs nicht drängeln lassen wolle. Wie erwartet hielt die Fed den Leitzins am Mittwoch unverändert in der Spanne von 4,25 bis 4,5 Prozent. Mit dieser Zinspause beginnt eine neue Phase in der amerikanischen Geldpolitik.
Die Fed hatte im September die lang ersehnte Zinswende eingeleitet und den Leitzins gleich drei Mal gesenkt. Das sei vorerst genug. Nun müssten die Geldpolitiker weitere Daten über die US-Wirtschaft und die Pläne von Donald Trump sammeln, bevor sie entscheiden, wie es mit der Zinspolitik weitergeht.
Marktbeobachter gehen davon aus, dass dies der Beginn einer längeren Zinspause sein könnte, statt nur einer kurzfristige Unterbrechung. Zinshändler rechnen Ende Juni mit dem nächsten Zinsschritt, wie Daten der Derivatebörse CME zeigen.
„Die Lage am Arbeitsmarkt ist weiterhin solide. Die Wirtschaft wächst in stetigem Tempo“, sagte der US-Notenbankchef Jerome Powell bei einer Pressekonferenz im Anschluss an den Zinsentscheid. Die Notenbanker wollten sich jedoch nicht festlegen, wann weitere Zinssenkungen angemessen sein könnten. „Wir müssen uns nicht beeilen“, stellte Powell klar.
Gegen den Willen Trumps
Damit geht er auf Kollisionskurs mit Präsident Trump: „Ich verlange, dass die Zinsen fallen“, hatte Trump erst vergangene Woche bei einem Auftritt am Weltwirtschaftsgipfel in Davos betont.
Gleich in der ersten Frage in der Pressekonferenz wurde Powell dazu aufgefordert, Stellung zu beziehen – doch er wich aus. „Ich habe keine Reaktion und keinen Kommentar zu den Äußerungen des Präsidenten. Das ist einfach nicht angemessen“, sagte der Fed-Chef.
Der US-Präsident hat eine ganze Reihe an Maßnahmen angekündet, gleichzeitig sind viele Details aber noch nicht bekannt, daher seien auch die möglichen Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Inflation nicht abschätzbar.
Immer wieder betonte Powell diese Botschaft: „Wir wissen nicht, was mit Zöllen, der Einwanderung, der Steuern und Deregulierungsinitiativen geschehen wird.“ Die Dinge müssten sich erst einmal entfalten, bevor die Fed reagieren könne.
Trump indes will mit niedrigeren Leitzinsen offenbar die Kreditkosten für Amerikaner senken und die Wirtschaft weiter anheizen. Der Leitzins der Fed beeinflusst unter anderem die Zinsen, die US-Amerikaner für Häuser- und Autokredite und Kreditkartenschulden bezahlen. Auch die Zinsraten, mit der sich Unternehmen am Kapitalmarkt finanzieren, werden davon beeinflusst. Gleiches gilt für US-Staatsanleihen, über die sich die US-Regierung finanziert.
Die abwartende Strategie der Geldpolitiker hält Ökonomie-Professor Markus Brunnermeier von der Elite-Uni in Princeton daher für genau richtig: „In einer Welt, die sich stark verändert, müssen sich Notenbanker maximale Flexibilität bewahren, um auf Schocks reagieren zu können.“
Ökonomen sorgen sich, dass Trump mit seinen scharfzüngigen Aussagen die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Fed beschädigen könnte. „Eine unabhängige Notenbank, die sich nicht vom Druck aus dem Weißen Haus leiten lässt, ist extrem wichtig für die weltweiten Finanzmärkte“, sagt Komal Sri-Kumar von Sri-Kumar Global Strategies.
Der Präsident reagierte am Mittwoch kämpferisch auf die Zinspause der Fed. Sie habe es versäumt, das von ihr geschaffene Problem der Inflation zu stoppen, schrieb der Republikaner am Mittwoch in seinem sozialen Netzwerk Truth Social. Zudem habe die Fed bei der Bankenregulierung „schreckliche Arbeit“ geleistet.
Trump wolle das Problem der Inflationsbekämpfung nun selbst in die Hand nehmen, „indem wir die amerikanische Energieproduktion ankurbeln, Regulierung abbauen, den internationalen Handel neu ausbalancieren und die Produktion wieder ankurbeln“, schrieb Trump weiter. Powell wurde von einem Reporter gefragt, ob niedrigere Energiepreise tatsächlich die Inflation bekämpfen könnten. Auch dazu wollte sich der Fed-Chef nicht äußern. Eine Reihe von Ökonomen hat darauf verwiesen, dass niedrigere Energiepreise die Inflation nicht senken, sondern verstärken könnten. Würde zum Beispiel der Benzinpreis deutlich sinken, hätten gerade Haushalte der unteren und mittleren Einkommensschichten mehr Geld zum Konsum zur Verfügung. Seine Forderung nach Zinssenkungen wiederholte Trump am Mittwoch zunächst nicht.
Beim Thema Einwanderung würden sich dem Fed-Chef zufolge erste Entwicklungen abzeichnen. Es gebe allen Grund zu erwarten, dass der Zustroms von Migranten an der Grenze weiter zurückgehen werde. In der Baubranche habe er von Einzelfällen gehört, dass es plötzlich schwieriger geworden sei, Arbeiter zu finden. In den Gesamtdaten sehe man das noch nicht.
Einen wichtigen Satz aus dem Statement vom Dezember haben die Notenbanker nun indes entfernt. Damals hatten sie bestätigt, dass „Fortschritte bei der Inflation“ zu sehen seien, die dabei helfen könnten, das Zwei-Prozent-Ziel der Fed zu erreichen.
Dieser Verweis fehlt nun, was an der Wall Street zunächst für zusätzliche Spekulation sorgte. Notenbanker drücken sich häufig bewusst vage aus, um nicht zu schnell festgenagelt zu werden. Entsprechend groß sind die Diskussionen über mögliche Interpretationen.
Powell warnte davor, die Entscheidung zu überinterpretieren. „Damit sollte kein Signal gesetzt werden, außer vielleicht: Wir streben weiterhin an, das Inflationsziel auf nachhaltigem Weg zu erreichen.“ Die Fed hat zwei Ziele: Sie soll die Inflation langfristig bei rund zwei Prozent halten und für Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt sorgen.
Angesichts der hartnäckigen Inflation, die sich zuletzt bei rund 2,9 Prozent hielt, hatte es Diskussionen gegeben, ob die Fed eine höhere Inflationsrate tollerieren könnte. Powell lehnt das ab, will jedoch nicht voreilig handeln. Sollte die Fed die Zinsen zu schnell wieder anheben, könnte sie eine Rezession verursachen.
Wie weit die Notenbank die Zinsen am Ende senken können, ließ der Fed-Chef ebenfalls offen. Es sei praktisch unmöglich, den sogenannten neutralen Zinssatz, bei dem die Wirtschaft weder wächst noch schrumpft, genau zu bestimmen. Dennoch gehe Powell davon aus, dass das derzeitige Zinsniveau deutlich darüber liege. Somit stellte er – wie von Trump gefordert – mittelfristig eine Reihe von weiteren Zinssenkungen in Aussicht.
Märkte reagieren enttäuscht
Wie schnell sich Dinge unter der Trump-Regierung ändern können, zeigte sich unter anderem am Mittwoch. Die Trump-Regierung zog einen Ausgabenstopp für Bundesmittel in Höhe von mehreren Hundert Milliarden Dollar zurück, den sie erst kurz zuvor verkündet hatte. Der Vorstoß hätte die Wirtschaft schwächen können, war jedoch am Widerstand einer Bundesrichterin gescheitert.
Der Dow Jones lag kurz nach dem Zins-Entscheid 0,4 Prozent im Minus, der S&P notierte 0,7 Prozent schwächer, der Nasdaq verlor 0,9 Prozent. Die Rendite der wichtigen US-Staatsanleihe mit zehnjähriger Laufzeit legte leicht zu, auf 4,58 Prozent. Sie signalisiert, dass Investoren längerfristig mit höheren Zinsen rechnen.
Die Notenbanker hatten im Dezember ihre Zinsprognosen für dieses Jahr nach unten revidiert, von vier auf zwei Zinssenkungen. Mittlerweile halten es einige Ökonomen sogar für wahrscheinlicher, dass die Fed die Zinsen angesichts des höheren Inflationsdrucks wieder anheben könnte. Ökonomen warnen: Besonders Zölle, Steuersenkungen und Massenabschiebungen könnten die Preise erneut antreiben.
Die jüngsten Turbulenzen am Aktienmarkt geben Powell indes keinen Grund zur Sorge. „Es war ein großes Ereignis in Teilen des Aktienmarktes“, betonte er. Doch die Kurseinbrüche hätten das makroökonomische Umfeld nicht beeinträchtigt. Die Notenbanker würden die Entwicklungen indes genau verfolgen.
Das chinesische Start-up Deepseek hatte zum Wochenstart die Kurse von Nvidia und anderen großen Tech-Konzernen spürbar geschwächt. Deepseek gibt an, auf Modelle, die auf KI basieren, zu deutlich geringeren Kosten entwickeln zu können als die US-Konkurrenz. Das hatte Investoren verschreckt.
