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InflationWohin steuert die EZB 2025? Darüber herrscht Uneinigkeit im Rat

Neue Preisdaten lassen verschiedene Rückschlüsse auf den Kurs der Notenbank zu. Die Euro-Währungshüter stehen in den nächsten Monaten vor einem Balanceakt.Leonidas Exuzidis 28.11.2024 - 16:16 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Frankfurt: Die Europäische Zentralbank steuert auf die nächste Zinssenkung zu. Foto: Boris Roessler/dpa

Düsseldorf, Frankfurt. Wieder steigende Inflationsraten, eine unverkennbare Konjunkturschwäche, hohe politische Unsicherheiten dies- und jenseits des Atlantiks: Inmitten dieser undurchsichtigen Gemengelage steuert die Europäische Zentralbank (EZB) auf die vierte Zinssenkung im laufenden Jahr zu. Neue Preisdaten für den November dürften dieses Vorhaben kaum gefährden.

Diskussionsbedarf herrscht vielmehr über das Vorgehen im neuen Jahr. Denn die vorläufigen Inflationsdaten für Deutschland im November, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag veröffentlichte, lassen unterschiedliche Rückschlüsse auf den Kurs zu.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat legten die Verbraucherpreise um 2,2 Prozent zu. Der Anstieg ist allerdings in erster Linie auf den Rückgang der Preise im November 2023 zurückzuführen. Vor allem die Energiepreise waren damals deutlich gesunken. Im Oktober lag die Teuerung bei zwei Prozent.

Schaut man nun auf die kurzfristige Entwicklung, dann hat sich die Dynamik verlangsamt. Im Vergleich zum Vormonat sind die Preise im November um 0,2 Prozent gefallen. Auch für den Euro-Raum – die Daten folgen am Freitagvormittag – rechnen Experten mit einer sinkenden Rate im Vormonatsvergleich. Diese Betrachtung bildet kurzfristige Trends besser ab als Vorjahresvergleiche.

So fällt auch das Urteil der Marktbeobachter gemischt aus. Verbraucher könnten „etwas durchschnaufen“, sagt Sebastian Becker von Deutsche Bank Research. Der Anstieg auf 2,2 Prozent dürfte nicht als „Wiederaufflammen des Inflationsdrucks missverstanden werden“.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, sieht das anders. „Die aktuellen Inflationszahlen stehen im Widerspruch zur aktuellen Diskussion, in der Zinssenkungen als immer dringender angesehen werden“, sagt Kater. Solange die Inflationsraten nicht fallen, sind laut dem Ökonomen in den kommenden Monaten allenfalls vorsichtige Zinssenkungen möglich.

Am Kapitalmarkt zeigte sich ein überschaubarer Effekt. Der Dax verteidigte seine Tagesgewinne und lag am Nachmittag 0,7 Prozent höher. Die Renditen zehnjähriger deutscher Anleihen gaben leicht nach, was die Erwartungen eines geringeren Zinsniveaus widerspiegelt.

Die Währungshüter der EZB hatten die Märkte bereits auf ein Auf und Ab bei der Inflation eingestimmt. In den vergangenen Monaten zog die Teuerungsrate im Euro-Raum nach Rückgängen mehrfach wieder an. Der Gesamttrend rückläufiger Inflationsraten ist jedoch intakt.

Die EZB prognostiziert, in der zweiten Jahreshälfte ihr Inflationsziel von 2,0 Prozent zu erreichen. Bei diesem Wert sieht sie mittelfristig Preisstabilität.

Im Anschluss an seine nächste Sitzung legt der EZB-Rat, das Entscheidungsgremium, auch aktualisierte Prognosen zu Inflation und Wirtschaftswachstum vor. Die Daten umfassen dann erstmals die erwartete Konjunkturentwicklung bis ins Jahr 2027.

Weitere Zinssenkungen fest erwartet

Die nächste Sitzung des EZB-Rats findet in zwei Wochen statt. Händler an den Terminmärkten rechnen fest damit, dass die Notenbank den Einlagenzins um weitere 0,25 Prozentpunkte auf dann drei Prozent senken wird. Beim Einlagenzins handelt es sich um jenen Zins, den Banken von der Notenbank für überschüssiges Kapital erhalten. Auch ein XL-Schritt von 50 Basispunkten gilt als möglich.

Unterschiedliche Meinungen im EZB-Rat offenbaren sich bei Tempo und Umfang weiterer Senkungen im nächsten Jahr. Manche Ratsmitglieder drängen auf schnelle Schritte. Chefvolkswirt Philip Lane hatte sich am Montag für weitere Zinssenkungen ausgesprochen. Befürworter einer straffen Geldpolitik hingegen sind bemüht, die Erwartungen zu dämpfen. EZB-Direktorin Isabel Schnabel mahnte am Mittwoch davor, „zu weit zu gehen“.

Isabel Schnabel: Die EZB-Direktorin hat Zinssenkungsfantasien zuletzt gedämpft. Foto: Reuters

Unterschiedliche Positionen gibt es besonders in Bezug auf die Höhe des sogenannten neutralen Zinses. Dort wird die Wirtschaft durch die Zinsen weder gebremst noch gestärkt – es geht also um die Frage, bis zu welchem Niveau die Währungshüter die Zinsen senken.

Der neutrale Zins ist ein höchst relevantes Maß, das man jedoch nur schätzen und nicht direkt bestimmen kann. Schnabel schätzt das neutrale Niveau auf zwei bis drei Prozent. Die Prognosen anderer Ratsmitglieder liegen tiefer. Die Analysten der Deutschen Bank sowie der Banque de France vermuten das neutrale Zinsniveau bei etwa 2,0 bis 2,50 Prozent.

Aktuell liegt das Zinsniveau im restriktiven Bereich, es bremst also die konjunkturelle Entwicklung und wirkt so preisdämpfend. Die „Tauben“ im Rat, also die Anhänger einer expansiven Geldpolitik, wollen diesen Bereich schnell verlassen.

Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau bekräftigte am Donnerstag in Paris, es gebe keinen Grund, restriktiv zu bleiben. Indirekt deutete er an, die EZB könne die Zinsen sogar so weit senken, dass sie die Wirtschaft stärken. Schnabel wiederum hatte am Vortag deutlich erklärt, sie halte ein Zinsniveau unter dem neutralen Satz derzeit „nicht für angemessen“.

Die Akteure am Terminmarkt widersprechen Schnabel. Daten des Finanzdienstleisters Bloomberg zufolge rechnen Händler im Mittel damit, dass der Einlagenzins Ende 2025 bei 1,8 Prozent liegen wird. Auf eine Senkung um 0,25 Prozentpunkte im Dezember müssten fünf weitere solcher Schritte im nächsten Jahr folgen.

Sorge um die wichtigsten Euro-Länder

Sorge bereitet den Währungshütern vor allem die Situation in den beiden größten Euro-Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich. Hierzulande ist das Ifo-Geschäftsklima als wichtigstes Barometer für die Konjunktur in fünf der vergangenen sechs Monate gefallen, der Einkaufmanagerindex für Industrie und Dienstleister hat das niedrigste Niveau seit neun Monaten erreicht. Nach dem Aus der Ampelregierung herrscht auch politisch de facto Stillstand.

In Frankreich zeigt der Einkaufmanagerindex ein noch düstereres Gesamtbild. Hinzu kommt: Die Regierung von Ministerpräsident Michel Barnier ist bereits nach wenigen Monaten wegen geplanter Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen angezählt.

Barnier warnt bereits öffentlich vor Turbulenzen am Finanzmarkt. Die Rendite für zehnjährige französische Bonds lag am Donnerstag zeitweise sogar über der für griechische Papiere. Das hochverschuldete Griechenland kann sich am Kapitalmarkt also zum gleichen Preis finanzieren wie Frankreich.

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Der Donald-Trump-Faktor verstärkt die Verunsicherung: Der designierte US-Präsident kündigte in dieser Woche Zölle gegen Mexiko, Kanada und China ab Ende Januar an. Sein unberechenbares und erratisches Vorgehen potenziert die ohnehin schon vorhandene Unsicherheit im Euro-Raum.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte sich im Oktober, also vor dessen Wahl, auf Nachfrage noch vorsichtig geäußert zu den Folgen einer zweiten Präsidentschaft Trumps. Am Donnerstag bekräftigte sie in einem Interview mit der „Financial Times“, ein Handelskrieg könne „in niemandes Interesse sein, weder für die Vereinigten Staaten noch für Europa“. Eine Vergeltungsstrategie lehnt die Französin ab.

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