Zinserhöhung: Investoren erwarten wieder straffere Geldpolitik der EZB
Im Mai dürfte die Notenbank die Zinsen weiter anheben. Die Frage lautet nur: In welchem Umfang?
Foto: dpaFrankfurt. Marktakteure rechnen wieder mit stärkeren Zinserhöhungen im Euro-Raum. Nach den jüngsten Turbulenzen im Bankensektor hatten sie ihre Erwartungen zunächst deutlich reduziert.
Ende März wurden am Terminmarkt zeitweise keine weiteren Anhebungen für dieses Jahr eingepreist. Inzwischen gehen Investoren jedoch wieder von einer erneuten Straffung der Geldpolitik aus.
Hinweise dafür liefern die am Donnerstag veröffentlichten Protokolle der EZB-Ratssitzung aus dem März. Darin heißt es: „Es wurde die Auffassung vertreten, dass die Spannungen an den Finanzmärkten die Einschätzung der Inflationsaussichten nicht grundlegend ändern dürften, sofern sich die Lage nicht erheblich verschlechtert.“
Nach der Pleite der Silicon Valley Bank und den Problemen bei der Schweizer Großbank Credit Suisse hatten einige Ökonomen vor übertriebenen Zinserhöhungen gewarnt. Das schlug sich deutlich in geringeren Zinserwartungen nieder.
Inzwischen sind diese aber wieder deutlich gestiegen. Aus den Marktpreisen lässt sich derzeit ein Höhepunkt für den an den Finanzmärkten entscheidenden Einlagenzins im Euro-Raum von ungefähr 3,75 Prozent ableiten. Investoren gehen also von weiteren Erhöhungen aus. Aktuell liegt der Einlagenzins bei 3,0 Prozent.
Inflation: Uneinigkeit über die nächste Zinserhöhung der EZB
Laut den Sitzungsprotokollen halten einige Mitglieder des EZB-Rats die Inflationsprognosen der Notenbank von März für zu optimistisch. Sie hätten Zweifel geäußert, dass die Inflation im Euro-Raum so schnell zurückgeht, wie darin angenommen wird.
Die EZB-Prognosen signalisieren, dass die Inflationsrate bis 2025 allmählich auf das angestrebte Ziel von zwei Prozent sinken dürfte, während die Löhne moderat steigen und das Wirtschaftswachstum anziehen sollen.
Eine Reihe von Mitgliedern des EZB-Rats bezeichnet den Angaben nach die Risiken für die Inflationsaussichten „über den gesamten Zeithorizont hinweg als aufwärtsgerichtet“.
Der Ökonom der niederländischen Großbank ING, Carsten Brzeski, wertet die Protokolle als Anzeichen für „eine wachsende Kluft innerhalb des EZB-Rats“. Aus seiner Sicht ist es nach wie vor möglich, dass die Notenbank die Zinsen auf ihrer nächsten Sitzung am 4. Mai um einen halben Prozentpunkt anhebt. Für wahrscheinlicher hält er jedoch einen kleinen Zinsschritt um einen Viertelprozentpunkt. Angesichts der Spaltung innerhalb des Gremiums sei dies der wahrscheinlichste Kompromiss.
Knappe Entscheidung zur Zinserhöhung erwartet
Der Europa-Ökonom der US-Bank Goldman Sachs, Jari Stehn, geht ebenfalls von einer Erhöhung um einen Viertelprozentpunkt aus. Auch er erwartet eine knappe Entscheidung. Eine Anhebung um einen halben Prozentpunkt hält er für möglich, falls die Inflationszahlen für April höher ausfallen als erwartet und sich die Kreditbedingungen nicht weiter verschlechtern sollten.
>> Lesen Sie auch: Erzeugerpreise in Deutschland steigen erneut langsamer
Goldman Sachs hat seine Zinsprognose für den Euro-Raum in dieser Woche angehoben. Die Bank erwartet nun wie bereits vor der Pleite der Silicon Valley Bank, dass der Einlagenzins im Euro-Raum in diesem Jahr bis auf einen Höhepunkt von 3,75 Prozent steigen wird.
In den vergangenen Wochen haben sich aus dem EZB-Rat vor allem Verfechter einer straffen Geldpolitik zu Wort gemeldet. So sprach sich der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann für einen Zinsschritt um einen halben Prozentpunkt im Mai aus. Er begründete seine Einschätzung vor allem mit der hartnäckigen Kerninflation.
Gemeint ist die um Energie- und Nahrungsmittel bereinigte Preissteigerung, die im Euro-Raum im März auf einen neuen Rekordwert von 5,7 Prozent gestiegen ist. Notenbanker achten stark auf die Kerninflation, weil sie als guter Indikator für die mittelfristige Preisentwicklung gilt.
Isabel Schnabel sieht veränderte Ursachen für Inflation
Andere Verfechter einer straffen Geldpolitik wie Bundesbankpräsident Joachim Nagel wollten sich nicht auf einen Umfang für die nächste Zinserhöhung festlegen. Nagel betonte aber, dass „es noch viel zu tun“ gebe.
Litauens Notenbankchef Gediminas Simkus sagte, die EZB sei „noch nicht fertig“. Der niederländische Notenbankchef Klaas Knot argumentierte, dass die Geldpolitik die Wirtschaft noch nicht ausreichend bremst.
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hob am Mittwoch in einer Rede in Mannheim hervor, dass sich die Struktur der Inflation deutlich verändert habe. Zunächst sei diese vor allem durch Angebotsengpässe verursacht worden. Inzwischen sieht Schnabel aber die hohe Nachfrage als Ursache. Viele Ökonomen argumentieren, dass sich die Geldpolitik vor allem auf die Nachfrage auswirkt. Dagegen halten die meisten Experten den Spielraum der Notenbanken bei Angebotsengpässen für geringer.
Schnabel wollte sich ebenfalls nicht auf einen Umfang für die Zinserhöhung im Mai festlegen. Angesichts des komplexen Umfelds sei sie nicht sicher, wie der Beschluss ausfallen werde.
Erstpublikation: 20.04.2023, 18:09 Uhr.