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Mayschoß in Rheinland-Pfalz

Zerstörungen im Ortskern von Mayschoß. Zahlreiche Häuser in dem Ort wurden von der Flutwelle stark in Mitleidenschaft gezogen oder ganz fortgerissen.

(Foto: dpa)

Hochwasser-Katastrophe Klimachef der Munich Re über die Flut: „Erklärungsbedürftig ist vor allem die Zahl der Opfer“

Ernst Rauch sieht große Unterschiede zwischen den aktuellen Unwettern und früheren Naturkatastrophen. Zur Prävention brauche es mehr Daten.
22.07.2021 - 09:38 Uhr Kommentieren

München Er ist einer der renommiertesten Experten, wenn es um die Analyse von Naturkatastrophen geht. Offiziell trägt Ernst Rauch den Titel „Chief Climate & Geo Scientist“ bei der Munich Re. Damit ist der Geophysiker, der seit 1988 in Diensten des weltgrößten Rückversicherers steht, der oberste Klimaexperte des Dax-Konzerns.

In der aktuellen Flutkatastrophe erkennt er Unterschiede zu früheren schweren Unwettern. So sind bei früheren großen Überschwemmungen wie dem August-Hochwasser 2002 die Pegel großer Flüsse langsam angestiegen. Diesmal führten Sturzfluten dazu, dass teils kleine Stadtbäche innerhalb weniger Stunden rapide anwuchsen. „Erklärungsbedürftig ist vor allem die Zahl der Toten“, sagt Ernst Rauch. In früheren Fällen war die deutlich niedriger.

Eine Pflichtversicherung für Hausbesitzer gegen Elementarschäden, wie es sie bis 1994 in Baden-Württemberg gab, lehnt er dennoch ab. „Das ist kontraproduktiv, weil es die wahre Risikosituation verschleiert“, sagt Rauch. Die Risikoprämie müsse dem Risiko entsprechen.

Entscheidend für einen besseren Schutz vor künftigen Naturgefahren sei die bessere Verfügbarkeit von Daten und Datenanalysemethoden. „Wichtig sind selbstlernende Systeme zur Datenanalyse“, sagt Rauch. Generell geht er davon aus, dass die weltweiten Schäden in den kommenden Jahren weiter steigen werden. Das bisherige Rekordjahr 2017 dürfte schon bald übertroffen werden. „Auf höhere Schäden sind wir vorbereitet, das würde uns nicht überraschen.“

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    Lesen Sie hier das Interview:

    „Viel wichtiger als auf individueller Ebene ist es, die Entscheidungsträger zu unterstützen“, sagte Rauch im Interview. Quelle: imago images/argum
    Ernst Rauch

    „Viel wichtiger als auf individueller Ebene ist es, die Entscheidungsträger zu unterstützen“, sagte Rauch im Interview.

    (Foto: imago images/argum)

    Herr Rauch, wenn Sie die Bilder der Flutkatastrophe sehen: Wie bewerten Sie diese im Vergleich zum August-Hochwasser 2002 oder dem Juni-Hochwasser 2013?
    Das ist meteorologisch und mit Blick auf das Schadensbild ein anderer Charakter. Damals gab es insbesondere Überschwemmungen infolge von tagelangen Starkniederschlägen. Danach stiegen Flüsse langsam an.

    Diesmal war das Schadenbild stärker geprägt von den Sturzfluten, die innerhalb weniger Stunden aufgrund von extremem Regen entstanden. Die Schäden sind hoch, aber nicht unbekannt. Erklärungsbedürftig ist vor allem die Zahl der Opfer. Bisher gab es in solchen Fällen schon bedauerliche zehn bis 20 Todesopfer. Bei großen Überschwemmungen waren es 40 bis 50 Todesopfer, nun sind es schon über 160, vermutlich mehr. Die Ursachen gilt es zu klären.

    Anders als in der Vergangenheit bringen kleine Flüsse oder gar Bäche größere Gefahren als die großen Ströme. Woran liegt das?
    Das ist die unterschätzte Gefahr aus sogenannten Sturzfluten. Die Flüsse sind in der Risikowahrnehmung weit nach vorne gerückt. Wer hingegen an einem Stadtbach wohnt, hat nicht die Wahrnehmung, dass innerhalb kurzer Zeit aus 50 Zentimetern Pegel fünf Meter werden können. Der unmittelbare Anstieg ist ein Element für die hohen Opferzahlen. Dieser Überschwemmungstyp, der praktisch überall auftreten kann, wird zu wenig als Gefahr wahrgenommen.

    Vielerorts ist nun die Forderung nach einem generellen Elementarschutz für Gebäude zu hören, wie es sie einst in Baden-Württemberg gab. Wäre das eine Lösung?
    Hier geht es um die Frage der Ausgestaltung. In Deutschland ist jedes Haus in eine Überschwemmungs-Gefährdungszone mit entsprechenden Preisen eingeordnet. So bekommt jeder Hausbesitzer Transparenz über sein Risiko und kann Vorsorge treffen.

    Das System aus Baden-Württemberg war ein Pflichtsystem mit überall gleicher Prämie. Das ist kontraproduktiv, weil es die wahre Risikosituation verschleiert. Es hat sogar die negative Anreizwirkung, ein Haus in einem Gebiet mit hohem Risiko zu bauen, weil nur eine Pauschalprämie zu bezahlen ist. Die Risikoprämie muss dem Risiko entsprechen.

    Hausbesitzer in der Nähe von Flussufern kommen heute schon schwer oder zu sehr hohen Kosten an eine Versicherung. Wird man in Deutschland ähnlich wie in Florida in einigen Jahren an die Grenzen der Versicherbarkeit stoßen?
    Insgesamt betrachtet sind die beiden Regionen überhaupt nicht zu vergleichen, die Risikoexponierung ist in vielen Küstengebieten Floridas wesentlich höher. Aber ein Haus, in dem jedes Jahr Wasser im Keller steht, kann nicht zu den gleichen Rahmenbedingungen in der Solidargemeinschaft versichert werden wie ein Haus in einer durchschnittlichen Risikozone.

    Bei der Munich Re-Tochter Ergo sind alle Gebäude versicherbar, aber die Prämien entsprechen dem Risiko. Dazu können flankierende Maßnahmen wie Selbstbehalte, Auflagen oder Deckelungen bei der Schadensumme kommen. Das wird fälschlicherweise oft als nicht mehr versicherbar bezeichnet.

    Wer hoch gefährdet ist, muss auch über eigene Maßnahmen nachdenken. In der Kölner Altstadt zum Beispiel sind meines Wissens nach viele Keller gefliest und werden bei Hochwasser nur leer geräumt.

    Viel ist nun von mehr Umweltschutz die Rede. Wird das dabei helfen, solche Katastrophen künftig zu verringern?
    Nicht unmittelbar. Hier müssen wir über Zeitskalen reden. Auf kurze Sicht geht es hier um bautechnische Anpassungsmaßnahmen, auch auf kommunaler Ebene. Das wird wichtiger. Eine Sturzflut ist nicht mehr allein mit individuellen Maßnahmen einzelner Hausbesitzer zu stemmen. Die Infrastruktur muss resilienter gemacht werden. Hier hätte man besser vor fünf Jahren angefangen.

    Langfristig muss es zur Reduktion von Emissionen kommen. Deren Wirkung wird aber erst die Enkel- und Großenkelgeneration spüren. Wer diesen langfristigen Trend vernachlässigt, erfährt die Auswirkungen auch aus ökonomischer Sicht.

    Mehr zum Thema:

    Sind Daten der entscheidende Faktor, um Naturkatastrophen besser einschätzen zu können?
    Die Verfügbarkeit von Daten und Datenanalysemethoden hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren radikal verbessert. So lassen sich Wetterphänomene besser vorhersagen, was nach meinem Informationsstand diesmal auch geschehen ist.

    Für uns steht die Analyse der Schadenmuster im Vordergrund. Wichtig sind selbstlernende Systeme zur Schadenanalyse. Wir haben Daten aus 40 Jahren im Naturgefahrenbereich und hier noch bei Weitem nicht alles herausgeholt, was möglich ist. Es geht, wie im aktuellen Fall, nicht nur um die Warnung, sondern um die Interpretation der Warnung.

    Jeder kann mithelfen, die Umwelt weniger zu belasten? Stimmt das oder braucht es vor allem ein konsequentes Umdenken in Industrie und Technik?
    Das einzelne Handeln im Kleinen ist sicher nicht verkehrt. Aber nur mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zu fahren geht an der Dimension des Problems vorbei. Die Skala des Problems ist größer. Viel wichtiger als auf individueller Ebene ist es, die Entscheidungsträger zu unterstützen, beispielsweise bei der Frage nach einem Windpark in meiner Gemeinde.

    Beim Umbau unserer Infrastruktur kommen wir immer wieder an die Frage, ob wir als Gesellschaft kritische Elemente akzeptieren. Wer mit dem Fahrrad fährt und den Windpark nicht will, hat die Dimension nicht erkannt: Wir haben drei Jahrzehnte, in denen es uns gelingen muss, die gesamte Energie, Technologie und Infrastruktur umzubauen.

    Hat Corona und die damit eingeschränkte Mobilität etwas für die Umwelt gebracht?
    Es war marginal. Wir bewegen uns gerade wieder auf die Geschwindigkeit zu wie vor Corona. Einschränkung kann nicht der bevorzugte Weg der Emissionsreduktion sein. Es gibt auch sicher keinen gesellschaftlichen Konsens, dass wir unsere wirtschaftlichen Leistungen herunterfahren und vieles gar nicht mehr tun. Stattdessen sollten wir Alternativen entwickeln. Der große Schritt zur Klimaneutralität kommt über Technologie, nicht über Verzicht.

    Das Jahr 2017 brachte mit 340 Milliarden Dollar die größte weltweit gemessene Schadensumme bislang. Wann wird sie übertroffen?
    Das Jahr kann Ihnen keiner sagen, es wird aber mutmaßlich nicht so lange dauern. Es gibt den Trend zu immer höheren volkswirtschaftlichen und versicherten Schäden, schon allein weil die Werte zunehmen. Auf höhere Schäden sind wir vorbereitet, das würde uns nicht überraschen.

    Am 29. Juli ist erneut der sogenannte Weltüberlastungstag, an dem rein rechnerisch alle ökologischen Ressourcen eines Jahres aufgebraucht sind. Ist es denkbar, dass dieser Tag irgendwann wieder in den Herbst oder im Idealfall erst auf den Jahreswechsel fällt?
    Ich bin halboptimistisch. Die Umkehr wird nicht zu schnell passieren. Aber als Menschheit sind wir in der Lage, mit den Ressourcen unserer Umwelt deutlich sorgsamer umzugehen. In unserer Generation wird die große Umkehr vielleicht schwierig, unsere Kinder haben das aber deutlich stärker erkannt. Am Ende werden wir uns als Menschen zumindest anpassen können und neue Ideen haben, wie dann vielleicht zehn Milliarden Bewohner auf der Welt ihren Platz haben.

    Herr Rauch, ich danke für das Interview.


    Die Fragen stellte Christian Schnell


    Mehr: Hausrat, Wohngebäude, Kfz – Versicherer erwarten Schäden in Rekordhöhe

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