Volksbank Böblingen: Erste Klagen wegen Falschberatung zu Immobilienfonds
Frankfurt. Die Querelen um den offenen Immobilienfonds Uni Immo Wohnen ZBI, der um mehr als 860 Millionen Euro abgewertet worden ist, haben ein erstes juristisches Nachspiel. Die Kanzlei Goldenstein Rechtsanwälte hat eine Klage gegen die Volksbank Böblingen wegen Falschberatung eingereicht. Das teilte die Kanzlei mit.
Mitarbeiter des Instituts sollen den Immobilienfonds auch nach der Zinswende und den dadurch offenkundigen Kreditproblemen zahlreicher Immobilienunternehmen als sichere Anlage für risikoscheue Investoren verkauft haben. Nach den Worten von Kanzleigründer Claus Goldenstein haben sich bereits über 400 Betroffene gemeldet, die jeweils durchschnittlich 25.000 Euro investiert hatten.
Der Uni Immo Wohnen ZBI hat vor allem in Mietwohnungen investiert, deren Wert von unabhängigen Sachverständigen Ende Juni um über 860 Millionen Euro auf knapp 4,3 Milliarden Euro heruntergesetzt wurde. Der tägliche Rücknahmepreis der Anteile war infolgedessen um mehr als 17 Prozent abgesackt.
„Auf Union Investment und dessen Vertriebspartner, die Volks- und Raiffeisenbanken, rollt nun eine Klagewelle zu“, prognostiziert Rechtsanwalt Goldenstein. Die Volksbank Böblingen sagt zu dem laufenden Verfahren nichts, der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) ebenfalls nicht.
Union Investment äußert sich auch nicht zu der konkreten Klage, zumal sich diese nicht gegen den Fondsanbieter richtet. Grundsätzlich stellt das Fondshaus fest: „Nach unserer Rechtsauffassung begründet die Sonderbewertung beim Uni Immo Wohnen ZBI keinen Anspruch auf Schadenersatz, weder gegenüber der Bank noch gegenüber Union Investment beziehungsweise der ZBI Fondsmanagement.“
Ein etwaiger Anspruch auf Schadenersatz gegen eine Bank stehe selbstverständlich unter dem Vorbehalt, dass der Beratungsprozess anhand der für den Vertrieb des Fonds erforderlichen Unterlagen ordnungsgemäß durchgeführt und dokumentiert wurde, heißt es dort weiter. Der Chef des Fondshauses, Hans-Joachim Reinke, hatte sich in einem Interview indes bereits bei Privatanlegern und bei beteiligten Banken für die hohe Abwertung entschuldigt.
Christian Palme von der auf Anlegerrecht spezialisierten Kanzlei Tilp ist skeptisch, ob die Klage gegen die Volksbank erfolgreich sein wird. „Die Beratungsprotokolle bei langjährig laufenden hausinternen Produkten der Volksbanken sind inzwischen derart ausgefeilt, dass sie kaum Angriffsfläche bieten“, sagt er.
In Finanzkreisen heißt es dazu, dass der Fonds zwar im Verkaufsprospekt, wie für offene Immobilienfonds üblich, als defensives Produkt eingestuft worden sei. Das bedeute aber keineswegs, dass es nicht auch zu Wertschwankungen und Verlusten kommen könne.
Union Investment betont, dass die von ihnen erstellten und den Vermittlern überlassenen Dokumente zu dem Fonds keinerlei Unrichtigkeiten oder Unvollständigkeiten aufwiesen. „Insbesondere stehen die bisherigen Risikoeinstufungen sowie auch die Sonderbewertung des Fonds unseres Erachtens im Einklang mit den einschlägigen rechtlichen Vorschriften und begründen daher keinen Anspruch auf Schadenersatz gegenüber Union Investment beziehungsweise ZBI Fondsmanagement.“ Dem Vernehmen nach gebe es zudem bei der Volksbank bisher keine konkreten Beschwerden von Kunden.
Rechtsanwalt Palme und seine Kollegen erkennen allerdings eher Chancen für Anleger, wenn sie gegen den Fondsanbieter ZBI vorgehen. „Wir vermuten unter anderem, dass beim Kauf der einzelnen Immobilien die Werte der Liegenschaften zu positiv angesetzt wurden.“ Das wiederum könnte unter anderem dazu geführt haben, dass der Fonds auf dem Basisinformationsblatt, das den Käufern ausgehängt werden muss, zu positiv dargestellt worden sei.
Der Fonds wird von der ZBI Zentral Boden Gruppe Immobilien in Erlangen gemanagt, die Union Investment ab 2017 schrittweise mehrheitlich übernommen hatte.
Ein Opfer des eigenen Erfolgs
Als der Uni Immo Wohnen ZBI vor rund sieben Jahren aufgelegt wurde, war die Stimmung am Immobilienmarkt blendend: Die Preise für Wohnungen und Wohnhäuser stiegen immer weiter, und Deutschland befand sich in einer Art Immobilienrausch. Der Fonds wurde bei zahlreichen Volks- und Raiffeisenbanken zu einem Verkaufsschlager.
Binnen weniger Monate hatten Anleger bereits mehrere Milliarden Euro investiert. So wurde der Fonds, ein Opfer seines eigenen Erfolgs, wie Sonja Knorr, Analystin der Ratingagentur Scope erklärt.
„Die Manager des Fonds mussten große Wohnungspakete kaufen, darunter auch alte Gebäude in schlechten Lagen, um das Geld der Anleger zu investieren“, sagt Steffen Sebastian, der an der Universität Regensburg Immobilienfinanzierung lehrt und zu Immobilienfonds forscht.
Mit der Zinswende Anfang 2022, also stark steigenden Zinsen, wurden Kredite deutlich teurer. Die Nachfrage nach Wohnungen brach ein. Viele Immobilien wurden abgewertet. Bislang ist der Uni Immo Wohnen ZBI aber der einzige Fonds, der in solchem Umfang abgewertet wurde.
In der Branche erklärt man die Abwertung mit der Zinswende und den dadurch ausgetrockneten Immobilienmarkt. Anleger gaben Fondsanteile zurück, als es infolge der steigenden Zinsen wieder Erträge für Geld auf Konten gab.
Der Uni Immo Wohnen ZBI musste, um das Geld auszahlen zu können, Immobilien verkaufen. Die unabhängigen Sachverständigen stuften den Wert der Objekte dann nach einer Sonderbewertung deutlich niedriger ein. „Die Sonderbewertung war eine notwendige Maßnahme, um den aktuellen Marktbedingungen gerecht zu werden und im Sinne unserer Anleger Liquidität bereitzustellen, um die vorliegenden Rückgabewünsche weiterhin erfüllen zu können“, heißt es dazu bei Union Investment.
Nach den Problemen des Fonds hatten einige Experten eine Kettenreaktion erwartet, bei der auch Anleger anderer Fonds ihre Anteile zurückgegeben hätten. Dies ist nach Ansicht von Fachleuten bislang nicht eingetreten. Durch die lange Kündigungsfrist würden die tatsächlichen Rückgaben erst Mitte 2025 sichtbar – aber die Stimmung bei den übrigen Fonds sei besser als beim Uni Immo Wohnen ZBI.
Erstpublikation: 18.09.2024, 15:22 Uhr
