Interview mit KKR-Manager: So will einer der größten Investoren vom Kampf gegen den Klimawandel profitieren
Frankfurt. Charlie Gailliot ist Co-Leiter der globalen Klimastrategie der Private-Equity-Gesellschaft KKR. Nach dem Hype rund um grüne Investments warnt der Ex-Goldman-Sachs-Banker vor Übertreibungen und zieht Parallelen zur Internetblase zur Jahrtausendwende. Aber Gailliot sieht auch große Chancen für Investoren, vor allem, wenn sie in langen Zeiträumen denken.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Gailliot, KKR bietet gerade zusammen mit der Viessmann-Familie 2,8 Milliarden Euro für die Übernahme des Hamburger Wind- und Solarparkbetreibers Encavis. Vor dem Gebot war der Börsenwert des Unternehmens innerhalb eines Jahres um ein Drittel abgesackt. Warum wollen Sie kaufen?
Eine Bemerkung vorab: Das Übernahmeangebot erfolgt über die Kerninfrastrukturstrategie von KKR und nicht über die Klimastrategie. Aber wir bei KKR sind grundsätzlich sehr optimistisch, was die langfristigen Aussichten für erneuerbare Energien angeht, und Investitionen wie in Encavis bieten für uns eine großartige Gelegenheit, einen weiteren Beitrag zur Energiewende in Europa zu leisten. In den USA haben wir im Rahmen unserer Klimastrategie, die ebenfalls Teil des Infrastrukturgeschäfts von KKR ist, gerade in Avantus investiert, einen Projektentwickler im Bereich Solar- und Energiespeicherung. Die Nachfrage nach erneuerbaren Energien wird angesichts des Bedarfs für die Elektrifizierung des Verkehrs und die Dekarbonisierung der Industrie weiter steigen. Und um diese Nachfrage zu decken, muss Europa die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen verdoppeln oder gar verdreifachen.
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Trotz solcher Prognosen sind viele Aktien aus dem Wind- und Solarsektor massiv unter Druck geraten. Liegen die Investoren an den Börsen komplett falsch?
Die jüngsten Rückschläge an den Börsen im Bereich der erneuerbaren Energien halte ich nur für einen vorübergehenden Trend. Wenn man wie wir einen Zeithorizont von 20 bis 30 Jahren hat, dann bieten sich im Bereich erneuerbarer Energien nach wie vor viele Chancen für Investoren. Und auch die makroökonomischen Faktoren sprechen klar für den Sektor.
Sehen wir hier nicht doch Symptome einer größeren Krise? In den USA ziehen Privatinvestoren Kapital aus Nachhaltigkeitsfonds ab, in Europa sind die Zuflüsse massiv gesunken.
Aus einer Investmentperspektive bieten Klimainvestitionen ein attraktives Verhältnis von Risiko und Rendite für langfristige Anleger. Wenn man sich zum Beispiel die Kosten für die Stromerzeugung in den USA ansieht, dann ist Solar in vielen Regionen mit Abstand die günstigste Energiequelle. Man muss also nicht zwingend eine Meinung zum Klimawandel haben, rein wirtschaftliche Argumente reichen oft vollkommen aus, um die Attraktivität von erneuerbaren Energien herauszustellen. Und das sind genau die Investments, nach denen wir suchen.
Privatanleger scheinen Investitionen in nachhaltigkeitsorientierte Fonds zunehmend skeptisch gegenüberzustehen. Beurteilen Großinvestoren die Lage grundsätzlich anders?
Ja und nein. In den vergangenen drei bis vier Jahren ist viel Kapital in Klimainvestments der ein oder anderen Art geflossen. Zumindest bei einem Teil dieser Investitionen fehlte meiner Meinung nach die Disziplin. In einigen Fällen, als Kapital im Überfluss vorhanden war, sind manche Investoren im Verhältnis zu den möglichen Renditen ein höheres Risiko eingegangen. Ich denke, das wird sich in den kommenden Jahren bemerkbar machen. Wenn wir über unsere Strategie nachdenken, geht sie von einer „Infrastruktur-Denke“ aus, bei der wir uns auf Risikominimierung und die Absicherung gegen Verluste stützen. Wir tun dies, indem wir in Plattformen investieren, die reale Vermögenswerte aufbauen und skalieren, die Verträge abschließen und Technologierisiken oder Rohstoffsensitivitäten vermeiden. Das ist unserer Meinung nach der richtige Blickwinkel, um in die Energiewende zu investieren.
Wie können Sie Risiken vermeiden in einem Markt, in dem sehr viel Kapital einer begrenzten Anzahl attraktiver Investitionsmöglichkeiten nachjagt?
Der gesamte Markt für Klimainvestments ist sicher ziemlich eng besetzt, das gilt vor allem für Bereiche mit vergleichsweise niedrigem Risiko wie erneuerbare Energien und Bereiche mit eher hohem Risiko wie die Entwicklung neuer Technologien zur Marktreife. Die größten Chancen sehen wir genau in der Mitte, einem Bereich, für den bislang vergleichsweise wenig Kapital zur Verfügung steht. Dazu zählen zum Beispiel die Elektrifizierung, das Verkehrswesen, die Landwirtschaft, die Energieeffizienz und die Schwerindustrie.
Nach allem, was man hört und liest, sammelt KKR gerade Kapital für einen eigenen Klimafonds ein. Braucht es denn angesichts der von Ihnen geschilderten Marktsituation noch ein neues Angebot?
Sie werden Verständnis haben, dass ich keine Aussagen zu konkreten Fondsplänen von KKR machen kann. Es wurde in der Vergangenheit von anderen jedoch so manches Klimainvestment getätigt, bei dem zu viele Risiken eingegangen wurden, insbesondere Technologierisiken. Als Reaktion darauf suchen viele nach einem neuen, disziplinierteren Investmentansatz mit einem realistischen und klar definierten Rendite-Risiko-Verhältnis. Und genau das wollen wir mit unserer globalen Klimastrategie anbieten.
Die Beratungsfirma Bering zeichnete kürzlich ein etwas dramatischeres Bild. Die Experten verglichen die Situation von Private-Equity- und Wagniskapitalinvestoren bei Klimainvestments mit der chaotischen Produktion des Antikriegsfilms „Apocalypse Now“. Die Dreharbeiten beschrieb Regisseur Francis Ford Coppola so: „Wir waren im Dschungel, wir waren viel zu viele, wir hatten viel zu viel Geld zur Verfügung, und wir wurden langsam verrückt.“ Eine Übertreibung?
In der Finanzgeschichte hat es immer wieder Blasen gegeben, so wie bei der Interneteuphorie zur Jahrtausendwende. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich hinter solchen Megatrends nicht attraktive Investmentgelegenheiten verbergen können, erst recht, wenn man in Zeiträumen von zehn oder 20 Jahren denkt. Ich bin überzeugt davon, dass man mit unserem Investmentansatz die Risiken erheblich reduzieren kann.
Können Sie diesen Ansatz ein bisschen näher erklären?
Wir konzentrieren uns auf Unternehmen, die mit einer bereits etablierten Technologie arbeiten, fünf bis zehn Jahre Erfahrung haben und denen wir helfen können, ihr Geschäftsmodell zu skalieren. Wir wollen keine Technologierisiken übernehmen, mit wirtschaftlichen und Wachstumsrisiken können wir bei KKR dagegen sehr gut umgehen. Ein Beispiel dafür ist unser Investment in Zenobe. Das Unternehmen zählt zu den Marktführern in Großbritannien, Australien und Neuseeland und ist in zwei Geschäftsbereichen tätig: der Elektrifizierung von Bussen sowie der Energiespeicherung. Für beide Bereiche gibt es erhebliche Wachstumsmöglichkeiten. So könnten allein in Großbritannien 300.000 Busse elektrifiziert werden. Zenobe gehören die Busse, die Batterien und die Ladetechnik, die Fahrzeuge werden dann an die Betreiber für 15 Jahre verleast. So lassen sich langfristig stabile Einkommensströme generieren.
Gibt es neben der Elektrifizierung des Verkehrs andere Bereiche, die für Ihren Investmentansatz infrage kommen?
Grundsätzlich sind alle Bereiche interessant, in denen Kunden bereit sind, langfristige Lieferverträge abzuschließen. Beim Thema grüner Stahl stehen wir, meine ich, kurz vor diesem Stadium. Grüne Baustoffe wie Zement entwickeln sich schnell, sind aber noch ein bisschen weiter von diesem Ziel entfernt.
Was ist mit Technologien wie Erdwärme oder Kohlenstoffspeicherung?
Ich denke, diese Technologien werden bei der Transformation der Wirtschaft in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Aber für uns sind sie im Moment noch nicht relevant.
Wo auf der Welt finden Sie denn die meisten Investitionsmöglichkeiten?
Wir gehen davon aus, dass es zu Beginn ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten in den USA und in Europa geben wird. Aber auch Asien wird im Fokus stehen, wo wir ebenfalls ein Team vor Ort haben.
Und wer liegt im Moment technologisch vorn: die USA oder Europa?
Ich würde sagen, Europa ist im Moment einen kleinen Schritt voraus – sowohl technologisch als auch hinsichtlich der Markt- und Verbraucherakzeptanz, zum Beispiel bei der Dekarbonisierung des Verkehrs oder der Nutzung von Wasserstoff als Energieträger in der Industrie. Aber die USA holen schnell auf.
Herr Gailliot, vielen Dank für das Gespräch.