Börse Frankfurt: Dax trotzt schwachem Ifo-Index – und schließt deutlich im Plus
Wie sind die Perspektiven für den deutschen Leitindex?
Foto: Bloomberg Creative/Getty Images [M]Frankfurt. Die europäischen Märkte schließen nach einem bewegten Vortageshandel am Freitag im Plus. Der deutsche Leitindex Dax konnte im Tagesverlauf zulegen und kletterte immer wieder über die viel beachtete 13.000-Punkte-Marke. Zum Handelsschluss lag der Dax rund 1,6 Prozent im Plus bei 13.118 Zählern. Der Euro-Zonen-Leitindex Euro Stoxx 50 stieg sogar um drei Prozent auf 3539 Punkte.
Die überraschend schlechte Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft konnte die Investorenlaune offenbar nicht neuerlich trüben. Nach zuvor zwei Anstiegen fiel der viel beachtete Ifo-Geschäftsklimaindex unerwartet deutlich auf 92,3 Zähler von 93,0 Punkten im Vormonat, wie das Münchener Ifo-Institut zu seiner Umfrage unter rund 9000 Managern mitteilte.
Von Reuters befragte Ökonomen hatten einen leichten Rückgang auf 92,9 Punkte erwartet. „Steigende Energiepreise und die drohende Gasknappheit bereitet der deutschen Wirtschaft große Sorgen“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Führungskräfte äußerten sich zu ihrer Geschäftslage und zu den Aussichten jeweils skeptischer als zuletzt.
Der russische Einmarsch in die Ukraine sorgte für steigende Rohstoffpreise, zunehmende Lieferengpässe und erhöhte Unsicherheit bei Firmen und Verbrauchern. Das Ifo-Institut hat deshalb gerade erst seine Prognose für das Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr gesenkt – und zwar von 3,1 auf 2,5 Prozent. Im kommenden Jahr soll sich das Wachstum dann auf 3,7 Prozent beschleunigen.
Allerdings befürchten Ökonomen bei ausbleibenden russischen Gaslieferungen eine schwere Rezession im Winter. „Die Lage auf dem Gasmarkt ist bedrohlich“, sagte der Regierungsberater und Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Jens Südekum. Es drohten dann eine Rationierung des Gasbezugs und damit Produktionsstopps in der Industrie. Eine schwere Rezession könnte die Folge sein.
Auch Preis für Strom steigt
Wegen des möglichen Ausfalls gasbetriebener Elektrizitätswerke stieg der deutsche Preis für Strom zur Lieferung im Jahr 2023 zeitweise um 0,4 Prozent auf ein Rekordhoch von 262,10 Euro je Megawattstunde. Der europäische Erdgas Future gab dagegen eine Teil seiner Gewinne vom Vortag wieder ab und verbilligte sich um 2,2 Prozent auf 132 Euro je Megawattstunde. Börsianer sprachen von Gewinnmitnahmen und verwiesen auf steigende Lieferungen aus Norwegen.
Massive Sorgen um die Gasversorgung hatten neben der Furcht vor einer Rezession in Deutschland den Dax am Donnerstag um 1,7 Prozent auf 12.912 Punkte heruntergedrückt auf den tiefsten Stand seit Anfang März. Besonders verloren Bankaktien. Das Papier der Deutschen Bank aus dem Dax etwa brach um mehr als zwölf Prozent ein, das der Commerzbank um knapp zwölf Prozent.
Am frühen Freitag verloren beide Aktien zunächst weiter. Das Deutsche-Bank-Papier drehte am Mittag und schloss 4,8 Prozent im Plus. Der Commerzbank-Titel bewegte sich kaum von der Stelle und schloss 0,1 Prozent im Plus.
Aktionäre deutscher Banken sorgen sich offenbar besonders vor einer schrumpfenden Wirtschaft: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat angesichts des Rückgangs der Gaslieferungen aus Russland die zweite Stufe das Notfallplans Gas aktiviert hat. Mehrere Ökonomen warnen vor einer schweren Wirtschaftskrise in Deutschland.
Die US-Börsen hatten am Donnerstag nach einem volatilen Handelsverlauf mit Kursgewinnen geschlossen. Hochtechnologiewerte und defensive Aktien, die weniger von wirtschaftlichen Schwankungen betroffen sind, legten vor allem zu. Der marktbreite S&P-500-Index gewann rund ein Prozent, der technologielastige Nasdaq 100 etwa 1,5 Prozent.
Auch heute gewannen die US-Börsen zum Handelsstart hinzu. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte startete 1,1 Prozent höher bei 31.018 Punkte, der breiter gefasste S&P 500 um 1,4 Prozent bei 3849 Punkte. Der Index der Technologiebörse Nasdaq kletterte um 1,9 Prozent auf 11.447 Punkte. Die US-Anleger scheinen ihre Inflationssorgen beiseite zu schaffen.
Am Anleihemarkt spiegelt sich die Rezessionssorgen der Investoren dagegen wider: Die Kurse von Staatsanleihen in Europa liegen seit Donnerstag zu angesichts schwächer als erwartet ausgefallener Einkaufsmanagerindizes für die Euro-Zone. Die Rendite der in Europa marktbestimmenden zehnjährigen Bundesanleihen sind im Gegenzug um 0,2 Prozentpunkte auf 1,4 Prozent gesunken, verbuchten damit zuletzt den stärksten Renditerückgang seit November 2011.
Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, betont, dass schwächere Konjunkturdaten auch in Zukunft dafür sorgen, dass Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten zwischenzeitlich von der sinkenden Risikoneigung an den Kapitalmärkten profitieren. Damit diese Erholung nicht nur temporär ausfalle, bedürfe es allerdings eines nachhaltigen Rückgangs der Inflationsrate.
Und es gibt weitere Signale für einen wirtschaftlichen Abschwung: Die Preise für Industriemetalle sind unter Druck. Nachdem am 7. März die Kupferpreise mit 10.845 US-Dollar je Tonne auf einem Rekordhoch gehandelt wurden, sanken sie zunächst wegen der Lockdowns in China deutlich.
Ölpreise steigen wieder
Nach einer kurzen Erholungsphase keimten Sorgen hinsichtlich der globalen Konjunkturentwicklung auf, beschreibt Stratege Stephan: Kupfer ist seit dem 8. Juni um zwölf Prozent auf ein 16-Monats-Tief gesunken. Am Freitag fiel der Preis für das Industriemetall um bis zu 4,3 Prozent auf ein Eineinhalb-Jahres-Tief von 8397 Dollar je Tonne. Auch der Preis für Zinn, der sich 2021 noch verdoppelt hatte, fiel zeitweise um mehr als zwölf Prozent zum Vortagesschluss.
Die Rohölpreise sind ebenfalls auf Wochensicht deutlich gesunken. So sackte ein 159-Liter-Fass der Nordseesorte Brent in der vergangenen Woche um knapp neun Prozent auf gut 114 Dollar. „Sollten sich die Rezessionsängste aber als übertrieben herausstellen, dürften diese Rohstoffe jedoch allesamt wieder Aufwärtspotenzial aufweisen“, meint Stephan von der Deutschen Bank. Die Nachfrage nach Industriemetallen sollte insbesondere aus China wieder stark zunehmen.
So stieg der Preis für die Nordsee-Sorte Brent heute wieder – das Fass kostete 113,55 Dollar. Die US-Leichtöl WTI steht bei 108,13 Dollar.
Einzelwerte im Blick:
Zalando: Regelrecht eingebrochen ist am Freitag die Zalando-Aktie. Die Papiere sackten zunächst um bis zu 15 Prozent ab, nach der Nachricht, dass der Modehändler infolge sinkender Kauflust der Kunden seine Jahresziele zusammenstreicht. Das gab Zalando Donnerstagabend bekannt. In diesem Jahr dürfte der Umsatz von Zalando im besten Fall nur um drei Prozent auf 10,7 Milliarden Euro steigen, teilte der Onlinehändler mit. Der Erlös könnte bei 10,4 Milliarden Euro stagnieren, nachdem der Vorstand Anfang Mai noch von einem Wachstum von bis zu 19 Prozent ausgegangen war.
„Die Warnung wurde zwar allgemein erwartet, ihr Umfang ist aber deutlich größer als gedacht“, kommentierte Analystin Georgina Johanan von der Bank JPMorgan. Sie rate wegen der trüben Konsumaussichten davon ab, den aktuellen Kursrücksetzer für einen Einstieg zu nutzen. Zum Handelsschluss lag die Aktie noch 1,6 Prozent im Minus. Im Sog von Zalando rutschten auch die Titel des Rivalen About You um 1,5 Prozent ab.
Deutsche Post: Gefragt waren dagegen Aktien der Deutschen Post, die sich um bis zu 2,6 Prozent verteuerten. Sie profitierten vom optimistischen Ausblick des US-Rivalen FedEx , sagte ein Börsianer. Die geplanten Einsparungen sollten die Belastungen durch steigende Lohn- und Treibstoffkosten bei dem Paketzusteller abfedern, prognostizierte Analystin Helane Becker vom Vermögensverwalter Cowen. FedEx-Titel rückten im vorbörslichen US-Geschäft 2,3 Prozent vor.
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