Reformen: „Dass die Armen immer ärmer werden, ist ein Mythos“
Düsseldorf. Georg Cremer hat etwas, das wenige Ökonomen haben: einen Diplomabschluss in Pädagogik. Das macht ihn nicht nur zu einer Besonderheit in der deutschen Ökonomenlandschaft, sondern zu einem beständigen Grenzgänger zwischen den Systemen. So hat Cremer eine außerordentliche Professur für Volkswirtschaft an der Universität Freiburg, war aber auch oberste Führungskraft beim deutschen Caritasverband. Vor allem aber hat Cremer eine deutliche Meinung zu den Missständen im deutschen Sozialstaat.
Die allerdings, und das unterscheidet ihn von anderen Gesprächspartnern, ist nicht nur ökonomisch gut begründet – sie ist auch sehr differenziert und passt nicht in die üblichen Debattenmuster. Cremer etwa findet, dass eine starke Soziallobby dazu beigetragen hat, die Lage der Menschen schlechtzureden und den Sozialstaat um viele Milliarden aufzublähen. Gleichzeitig sagt er über die Kahlschlagversprechen mancher Konservativer: alles Illusion.
Dieses Tasten zwischen klarer Kante und dem Drang nach Differenzierung wird auch das Gespräch prägen, auf das Cremer sich Ende Dezember eingelassen hat.
Herr Cremer, der Bundeskanzler sagt, das Sozialsystem sei so nicht mehr finanzierbar. Die Arbeits- und Sozialministerin hält das für „Bullshit“. Wer ist näher an der Wahrheit?
Beide treffen einen Punkt – und beide überzeichnen. Den deutschen Sozialstaat kann man nicht „abreißen“ und neu bauen. Man muss ihn eher wie ein großes Gebäude verstehen und die einzelnen Flügel nach und nach renovieren.