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Nach ProtestenAls wäre nichts geschehen – Finanzmarkt Hongkong zeigt sich erstaunlich stabil

Nach Inkrafttreten des drakonischen Sicherheitsgesetzes sehen Analysten noch keine Zeichen für den befürchteten Kapitalabfluss. Doch große Unsicherheiten bleiben.Dana Heide, Mathias Peer 09.07.2020 - 12:14 Uhr

Alles, was die chinesische Regierung als gefährdend betrachtet, steht in Hongkong neuerdings unter Strafe.

Foto: dpa

Peking, Bangkok. Eine geheim operierende chinesische Sicherheitsbehörde, weitreichende Möglichkeiten für Durchsuchungen und Beschlagnahmung von Dokumenten, hohe Strafen für alles, was Peking als die nationale Sicherheit gefährdend ansieht – das in der vergangenen Woche in Kraft getretene Sicherheitsgesetz für Hongkong ist noch heftiger ausgefallen, als von Beobachtern erwartet worden war.

Doch die Finanzmarktinvestoren scheint das derzeit wenig zu interessieren, obwohl die ersten Unternehmen bereits die Stadt verlassen haben und internationale Regierungen scharfe Kritik üben. Momentan sieht es nicht danach aus, dass die Investoren in Scharen ihr Kapital aus der Stadt abziehen.

„Der Hongkong-Dollar wird seit April auf der starken Seite des Spektrums gehandelt – zum Kurs von 7,75 Hongkong-Dollar pro US-Dollar. Das bedeutet, dass es einen konstanten Zufluss in die Stadt gibt“, sagte Vincent Tsui, Asienanalyst beim internationalen Analysehaus Gavekal Dragonomics in Hongkong, dem Handelsblatt. Der Hongkong-Dollar ist an den Kurs des amerikanischen Dollars gekoppelt und kann sich lediglich in einem Rahmen von 7,75 und 7,85 pro US-Dollar bewegen.

„Ich sehe derzeit kein Anzeichen von Kapitalflucht, auch wenn die Nachfrage nach Offshore-Accounts weiter ansteigt“, sagte Max Zenglein, Leiter des Wirtschaftsprogramms beim Berliner China-Think-Tank Merics. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte Anfang Juni berichtet, dass internationale Banken wie die britischen Geldhäuser HSBC und Standard Chartered sowie die amerikanische Citigroup einen Ansturm auf Auslandskonten verzeichnet haben.

Als Ende Mai bekannt wurde, dass die Regierung in Peking mit einem Sicherheitsgesetz für Hongkong ihre Befugnisse in der chinesischen Sonderverwaltungszone stark ausweiten will, war die Börse in Hongkong heftig eingebrochen, ausländische Unternehmen hatten sich besorgt gezeigt. In den darauffolgenden Wochen hatte es immer wieder Spekulationen um eine Kapitalflucht gegeben.

Überwachungsbehörde eröffnet

Das neue Sicherheitsgesetz bedeutet eine Zäsur in der Finanzmetropole. Im Gegensatz zum chinesischen Festland gab es in Hongkong bislang ein funktionierendes und unabhängiges Rechtssystem, von dem auch Investoren profitierten.

Doch das neue Sicherheitsgesetz schafft unter dem Vorwand der Bewahrung der nationalen Sicherheit erhebliche Eingriffsmöglichkeiten Pekings in Hongkong. Die hiesige Rechtsanwaltskammer sieht in dem Gesetz eine Untergrabung der Kernpfeiler des Prinzips „Ein Land, zwei Systeme“, „einschließlich einer unabhängigen Justiz“.

So schnell, wie es durchgepeitscht wurde, so schnell schafft Peking trotz scharfer internationaler Kritik Fakten. Bereits eine Woche nach Inkrafttreten des umstrittenen Sicherheitsgesetzes wurde am Mittwoch die Behörde für Nationale Sicherheit in der Finanzmetropole eröffnet.

Das Sicherheitsbüro soll überwachen, dass das neue Gesetz durch die Hongkonger Regierung umgesetzt wird. Die Behörde ist befugt, Beschuldigte vor Gerichte auf dem chinesischen Festland zu bringen. Sie operiert geheim und unterliegt keinerlei juristischer Kontrolle.

All das scheint Investoren jedoch noch nicht dazu zu bewegen, ihr Geld abzuziehen, wie auch ein Blick nach Singapur zeigt. Gäbe es einen signifikanten Kapitalabfluss, würde der zu einem großen Teil in die asiatische Metropole gehen. Singapur ist für wohlhabende Bankkunden und Investoren, die dem Finanzplatz Hongkong misstrauen, die naheliegende Alternative.

Einige Klienten aus dem chinesischen Festland hätten ihr Vermögen von der Sonderverwaltungszone in neue Family Offices in dem südostasiatischen Stadtstaat verlegt, berichteten Bankmanager in den vergangenen Monaten.

Alicia Garcia-Herrero, Chefvolkswirtin der französischen Investmentbank Natixis im Asien-Pazifik-Raum, glaubt, dass Singapur eindeutig von der Situation profitiere. Der Umfang der Vermögensabwanderung sei aber begrenzt, kommentierte sie vergangene Woche im Fachmagazin „Asian Banking & Finance“. Alle Geschäfte mit Bezug zum chinesischen Festland würden in Hongkong verbleiben. „Dabei handelt es sich um den Großteil der Finanztransaktionen Hongkongs.“

„Keine Entweder-oder-Situation“

Auch Singapurs Behörden spielten zuletzt die Folgen für den lokalen Finanzplatz herunter: „Medienberichte, wonach es große Guthabenbewegungen von Hongkong nach Singapur gegeben habe, sind inkorrekt“, teilte die Zentralbank MAS vor einem Monat mit.

Zuvor hatte ein starker Anstieg der Fremdwährungsguthaben in Singapur Spekulationen ausgelöst, dass dieser mit Hongkongs politischen Turbulenzen in Verbindung steht. Laut MAS kam zwar auch Geld aus Hongkong, aber nicht der überwiegende Teil: „Keine Region und kein Land haben dabei dominiert“, hieß es.

Bereits im vergangenen Jahr, als Straßenproteste Hongkong zeitweise lahmlegten, wies Singapurs Führung den Eindruck zurück, der Stadtstaat könne als Profiteur der Krise hervorgehen. „In Singapur gedeihen wir am besten, wenn die Region stabil ist und es anderen Ländern gut geht, mit denen wir Geschäfte machen“, sagte Premierminister Lee Hsien Loong mit Blick auf die Situation in Hongkong.

Beobachter sehen mehrere Gründe dafür, dass der Finanzmarkt Hongkong sich bislang so unbeeindruckt von den signifikanten Veränderungen in der Metropole zeigt.

Foto: AFP/Getty Images

Auch Hedgefonds-Manager, die bislang überwiegend Hongkong Singapur als Sitz vorgezogen hatten, planen bisher offenbar keinen Umzug: Das nationale Sicherheitsgesetz gebe zwar ohne Zweifel Grund zur Sorge, schrieb der Chef der Alternative Investment Management Association, Jack Inglis, im Juni an seine Mitglieder.

Ein Ende der Hedgefonds-Industrie Hongkongs vorherzusagen sei aber verfrüht. Auch wenn Singapur seinen Ruf als Zentrum für Fondsmanager verbessert habe und der Trend daher derzeit zum Zweitbüro in der Metropole gehe. „Es ist keine Entweder-oder-Situation.“

Auch Eddie Yue, Chef der Hong Kong Monetary Authority, betonte zuletzt Anfang Juni, dass es weder vom Hongkong-Dollar noch vom Bankensystem signifikante Abflüsse gegeben habe.

Beobachter sehen mehrere Gründe dafür, dass der Finanzmarkt Hongkong sich bislang so unbeeindruckt von den signifikanten Veränderungen in der Metropole zeigt. „Derzeit sind einige IPOs in der Pipeline, sodass die Nachfrage nach Hongkong-Dollar eher ansteigt“, sagt Merics-Experte Zenglein. Chinesische institutionelle Investoren störe das Nationale Sicherheitsgesetz nicht, so Zenglein.

Gavekal-Analyst Tsui sieht es ähnlich. Der starke Hongkong-Dollar und der Kapitalzufluss in die Finanzmetropole könnten auf die Zinsdifferenz (der Hongkonger Leitzins HIBOR ist nach wie vor höher als der Londoner Leitzins LIBOR) und die Positionierung ausländischer Investoren für die bevorstehenden großen Börsengänge zurückzuführen sein, so Tsui.

Unternehmen haben Bewertung des neuen Gesetzes noch nicht abgeschlossen

Der Grund für den Anstieg der Börsengänge in Hongkong könnte ausgerechnet in den USA liegen. Der US-Senat hatte im Mai einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der IPOs von chinesischen Firmen in den USA erschwert. Nach diesem Gesetz müssen ausländische Unternehmen einen Nachweis darüber bringen, dass sie nicht im Besitz oder unter der Kontrolle ausländischer Regierungen sind, bevor sie an einer US-Börse gelistet werden können. Daraufhin hatten mehrere in den USA gelistete chinesische Firmen eine Zweit-Listung in Hongkong hingelegt, etwa der E-Commerce-Riese JD.com und das IT-Unternehmen Netease. Weitere Börsengänge sind in Planung.

Peking versucht, den Finanzplatz zu stützen. Für die chinesische Wirtschaft ist die Metropole von großer Bedeutung. Weil in der Volksrepublik strenge Kapitalverkehrskontrollen herrschen, fließt ein Großteil der Direktinvestitionen über Hongkong nach Festland-China. Um den Finanzplatz weiter aufzuwerten, verkündete die Regierung kurz vor Verabschiedung des Sicherheitsgesetzes ein Programm, das es Investoren in Festland-China erleichtern soll, ihr Geld in Hongkong zu investieren.

Allerdings bestehen weiterhin große Unsicherheiten, die den Finanzplatz Hongkong ernsthaft gefährden. Zum einen haben viele Unternehmen die Bewertung des Gesetzes noch nicht abgeschlossen, erst am Montag hatte die Hongkonger Regierung weitere Verschärfungen vorgenommen.

Zudem ist unklar, wie die weiteren Reaktionen der USA aussehen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte jüngst unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtet, dass in den USA Möglichkeiten erwogen werden, den Mechanismus der Koppelung von Hongkong-Dollar und US-Dollar als Sanktionsmaßnahme zu untergraben.

Dieser Schritt hätte ernsthafte Folgen für den Finanzstandort. Als Reaktion auf den Bloomberg-Bericht waren am Mittwoch die Aktien der stark in Hongkong investierten Banken HSBC und Standard Chartered eingebrochen.

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Iris Pang, China-Chefökonomin bei der ING Bank, vermutet, dass die Wahrscheinlichkeit allenfalls sehr gering ist, dass die USA so weit gehen würden. Sie schätzt, dass sich an der Kapitalsituation in Hongkong in naher Zukunft nicht viel ändern dürfte. „Ich glaube, dass die meisten multinationalen Unternehmen eine abwartende Haltung einnehmen, bevor sie sich entscheiden, an einen anderen Standort zu ziehen, und es sollte einen besseren Standort als Hongkong geben, um dort Geschäfte zu machen.“ Die Möglichkeiten seien sehr begrenzt, da Hongkong so nahe am chinesischen Festland liegt, dass Unternehmen, die sich für Hongkong entscheiden, es in der Tat vorziehen, in der Nähe des chinesischen Festlands zu sein.

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