Digitalisierung: Rechtsabteilungen: Der Bedarf an Technologie steigt
Das Angebot an Legal Tech ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Zahlreiche Anbieter aus dem In- und Ausland bieten Lösungen für ganz unterschiedliche Bereiche der täglichen Arbeit an.
Foto: dpaFrankfurt. Rechtsabteilungen in Unternehmen sehen sich mit einer Vielzahl neuer und in der Komplexität wachsenden rechtlichen Herausforderungen konfrontiert, die zudem oft Ausdruck europäischer Harmonisierungsbestrebungen sind. Diese Entwicklungen zwingen sie dazu, ihre Kapazitäten auszubauen – sei es in personeller oder digitaler Hinsicht.
Dass dieser Trend kein neuer ist, verdeutlicht die Zahl der Juristinnen und Juristen in Rechtsabteilungen. Sie ist in den letzten 16 Jahren um 165 Prozent gestiegen. Angesichts knapper Budgets müssen Rechtsabteilungen diesen Wachstumsbedarf vermehrt dadurch ausgleichen, dass sie technologische Lösungen für rechtliche Standardaufgaben (Legal Tech) einsetzen.
Das Angebot an Legal Tech ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Zahlreiche Anbieter aus dem In- und Ausland bieten Lösungen für ganz unterschiedliche Bereiche der täglichen Arbeit an.
„Von einer Abteilung, die ein Vertragsmanagementsystem gehabt hat, haben wir uns zu einer deutlich digitaleren Rechtsabteilung entwickelt“, sagt Nikolai Vokuhl, Group General Counsel und Chief Compliance Officer bei der Hugo Boss AG in Metzingen. „Unser E-Billing, in Deutschland längst ausgerollt, wollen wir demnächst auf 126 Länder der Welt ausweiten.“
Der Trend wird weiter verstärkt. Aufgrund anhaltender Entwicklungen im Bereich der Nachhaltigkeit (Environment, Social, Governance, kurz ESG), der Regulierung datenzentrierter Geschäftsmodelle, strengerer Compliance-Anforderungen und insbesondere der Sorgfaltspflicht in der Lieferkette, geht der Bedarf an Legal Tech weiter in die Breite.
In der 2022 veröffentlichten Studie „Legal Departments on the Move“ der European Company Lawyers Association und Wolters Kluwer gaben 78 Prozent der Rechtsabteilungen in Europa an, dass sie klare Vorteile bei der Bewältigung der rechtlichen Herausforderungen rund um ESG sehen, wenn die eigene Abteilung angemessen digitalisiert ist.
Neue Herausforderungen
„Für Juristen bedeutet die Zunahme an ESG-Aufgaben eine Herausforderung. Bereits mehr als die Hälfte der Rechtsabteilungen berichtet, dass die Nachfrage nach ESG-Beratung in diesem Jahr gestiegen ist“, konstatiert Aswin Parkunantharan, Director Segment Legal Departments von Wolters Kluwer Deutschland. „Mit ESG gehen viele neue Dokumentations- und Berichtspflichten einher, was dazu führt, dass Rechtsabteilungen nach den passenden Softwaretools fragen“, stellt er zudem fest.
In diesem Zusammenhang bekamen viele Abteilungen in den letzten Jahren Hilfe von unverhoffter Seite: Die Coronapandemie wirkte wie ein Katalysator auf Digitalisierungsbestrebungen. „Das betraf zunächst die elektronische Unterschrift, die elektronische Stimmabgabe und die technisch unterstützte Zusammenarbeit“, fügt Parkunantharan hinzu. Der Digitalisierungsprozess hat sich zuletzt weiter beschleunigt.
Mehr über Misserfolge reden
Unternehmensjuristen springen mittlerweile von Krise zu Krise – wie in diesem Jahr mit dem Krieg in der Ukraine, der zahlreiche Sanktionen zur Folge hatte, auf die sich die Unternehmen einstellen mussten.
Bei der digitalen Transformation gilt es, zwei zentrale Strategien zu verfolgen. Laufende und geplante Digitalisierungsprojekte sollten nicht zu lange mit dem Argument hinausgezögert werden, sich auf die juristische Kerntätigkeit fokussieren zu müssen. Zudem sollten sich Unternehmensjuristen mehr über Misserfolge bei der Einführung von Legal Tech austauschen, als nur über Erfolgsgeschichten zu reden, um mehr verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen.
Marcus M. Schmitt ist Rechtsanwalt und General Manager der European Company Lawyers Association (ECLA). Dieser Artikel stammt aus der Kooperation zwischen dem Handelsblatt und der Fachzeitschrift „In-house Counsel“.