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KontaktnachverfolgungSormas nicht in allen Gesundheitsämtern angekommen

Gesundheitsämter sollen zur Kontaktnachverfolgung das System Sormas nutzen. Im Hintergrund tobt aber ein Machtkampf um politischen Einfluss und Marktanteile.Lukas Hoffmann, Jürgen Klöckner, Julian Olk und Annette Dönisch 30.06.2021 - 20:06 Uhr Artikel anhören

Das System ermöglicht die digitale Vernetzung zwischen den Gesundheitsämtern zur Pandemie-Bekämpfung.

Foto: dpa

Seit fast einem halben Jahr ist die Frist verstrichen, Bund und Länder haben ihr Ziel aber noch immer nicht erreicht: Die Software Sormas für die Kontaktnachverfolgung ist nach wie vor nicht in allen Gesundheitsämtern installiert. Das geht aus einem Bericht des Bundesgesundheitsministeriums hervor, der Handelsblatt Inside vorliegt.

Demnach haben zwar immerhin 91 Prozent der Ämter einen Nutzungsvertrag unterzeichnet, von diesen setzen nur 190 die Software allerdings auch tatsächlich ein, heißt es aus informierten Kreisen. Bei der Diskussion um Sormas geht es nicht bloß um Technik. Vielmehr ist daraus längst ein Machtkampf zwischen dem Bund auf der einen sowie den Städten, Kreisen und Herstellern der alten IT-Systeme auf der anderen Seite geworden. Es geht um politischen Einfluss im Öffentlichen Gesundheitsdienst und Marktanteile der Industrie.

Zu Beginn des Jahres hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten beschlossen, dass bis Ende Februar alle Gesundheitsämter an Sormas angeschlossen werden. Die Software dient der Nachverfolgung von Kontaktpersonen, die sich in der Nähe eines Corona-Infizierten aufhielten. Im Januar waren nur 111 Gesundheitsämter in der Lage, Sormas zu nutzen.

Die Gesundheitsämter bevorzugen größtenteils aber ihre eigenen Softwarelösungen. Das erschwert den Datenaustausch über Landkreise hinweg. Das Bundesgesundheitsministerium hatte daher das Helmholtz-Institut für Infektionsforschung unterstützt, mit Sormas eine bundesweite Lösung durchzusetzen. Doch die Regelungshoheit über die Gesundheitsämter haben vor allem die Städte und Kreise.

Bislang scheiterte Sormas vor allem an fehlenden Schnittstellen zu den bisherigen IT-Systemen der Ämter. Die Behörden schreckten vor Sormas zurück, weil sie die Daten zweifach eingeben mussten – in Sormas und in ihr bisheriges System. Erst mit der Erweiterung Sormas X wurde eine Schnittstelle zum am weitesten verbreiteten System in Gesundheitsämtern namens Survnet geschaffen. Im Ministeriumsbericht heißt es, in schätzungsweise 90 Gesundheitsämtern sei Sormas X inzwischen im Einsatz. Die Integration weiterer IT-Systeme, unter anderem der Nummer zwei im Markt Octoware, sei „weit vorangeschritten“.

Schnittstelle in welche Richtung?

Der Machtkampf um Sormas steht bei einem auf dem ersten Blick technisch anmutenden Thema, den sogenannten bidirektionalen Schnittstellen, vor seinem Höhepunkt. Die bisher implementierten Schnittstellen bei Sormas X laufen nur in eine Richtung: Daten aus Survnet zum Beispiel können in Sormas übertragen werden, aber nicht andersherum. Einige Beteiligte halten das für problematisch.

In Baden-Württemberg verwenden nur fünf der 38 Gesundheitsämter Sormas X. Dort nutzt man vor allem Octoware. Der Hauptgeschäftsführer des Landkreistags Baden-Württemberg, Alexis von Komorowski, stellt Sormas deshalb kein positives Zeugnis aus. „Es fehlen bidirektionale Schnittstellen für den Datenaustausch“, sagt er. Die geplante Octoware-Schnittstelle wird wieder nur in eine Richtung verlaufen.

Doch was würde eine Anpassung in beide Richtungen überhaupt bringen? Einerseits könnten die Gesundheitsämter ihre gewohnten Systeme einfach weiter nutzen, indem sie die Daten, die landkreisübergreifend bei Sormas eingehen, beispielsweise in Octoware übertragen. In der Realität ist es aber häufig nicht so einfach. Jede Schnittstelle stellt einen technischen Knackpunkt mehr dar, der zu Problemen führen kann und Geld kostet.

Ein ranghoher Sormas-Projektverantwortlicher sieht in der Forderung nach einer bidirektionalen Schnittstelle vielmehr den Versuch der Hersteller, sich an ihre Marktmacht zu klammern. Denn gehen die Schnittstellen nur in eine Richtung, könnten in Sormas einfach mehr Funktionen integriert werden und ausschließlich genutzt werden. Die Forderung nach einer bidirektionalen Schnittstelle sei bei manchem nichts anderes als ein Deckmantel für die Blockade von Sormas.

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