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Selbstoptimierung Dopaminfasten: Heißer Trend oder heiße Luft?

Start-up-Gründer und Tech-Experten scheuen neuerdings vor zu vielen Reizen zurück. Was hinter dem jüngsten Hype aus dem Silicon Valley steckt.
27.02.2020 - 16:37 Uhr Kommentieren
Durch digitale Meditationsangebote wollen Unternehmen die Belastung ihrer Mitarbeiter mildern.
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San Francisco Auf den Tag genau lässt sich bestimmen, wann Dopaminfasten zum „heißen neuen Silicon-Valley-Trend“ wird: Es ist der 7. August 2019. An diesem Tag, einem Mittwoch, stellt Psychiater Cameron Sepah von der Universitätsklinik San Francisco einen Text mit folgender Überschrift auf LinkedIn: „Dopamine Fasting – The Hot Silicon Valley Trend“.

Schon vor dem 7. August habe er öffentlich gesagt, „dass ich ihn viral gehen lassen würde. Und das habe ich geschafft“, schreibt Sepah dem Handelsblatt in einer E-Mail. Und das nicht zum ersten Mal, merkt der Psychiater an: Seinen Post über Unternehmenskultur hätten bislang mehr als eine Million Menschen gelesen. „Ich weiß, wenn ich etwas mit diesem Potenzial habe. Wenn es den kulturellen Zeitgeist trifft.“ So wie Dopaminfasten.

Was Sepah im August auf LinkedIn schreibt, ist vernünftig, aber nicht revolutionär. Es ist auch keine neue wissenschaftliche Erkenntnis. Moderne Menschen seien süchtig nach kleinen Belohnungen, die den Neurotransmitter Dopamin im Gehirn freisetzten – etwa der Gang zum Kühlschrank, um sich einen Snack zu holen. Das obsessive Checken ihrer Social-Media-Profile, um zu sehen, ob ein Like eingetroffen sei. Pornografie und Masturbation.

Sepah schreibt, er behandele in seiner Privatpraxis viele Manager. In Gesprächen stelle er fest, dass die Dopaminjagd „unsere Fähigkeit behindert, aufmerksam zu bleiben, unsere Emotionen unter Kontrolle zu halten und einfache Aufgaben zu genießen, die vergleichsweise langweilig sind“.

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    Er empfiehlt daher den Abhängigen, sich feste Zeiträume zu setzen, in denen sie Dinge vermeiden, die nur für den Dopaminkick taugen. Einmal verzichten: für ein paar Stunden, einen Arbeitstag, einen Tag in der Woche oder eine ganze Woche.

    Das alles klingt wie eine elterliche Ermahnung mit ein paar Fachwörtern. Nicht einmal der Name „Dopaminfasten“, den der Psychiater verwendet, ist dabei neu. Ein „Lifecoach“ namens Richard schilderte etwa auf seinem Youtube-Account „Improvement Pill“ mit zwei Millionen Abonnenten schon im November 2018 in einem Video, dass er nach Sauftouren im Studium häufiger eine Fastenzeit einlege – einen Tag lang keinen Alkohol trinken, nicht online gehen, mit keinem Menschen reden.

    Und ein niederländischer Unternehmer, der ein „Personal Growth Lab“ leitet, schreibt im gleichen Jahr in einem Blogbeitrag über seine 24-stündige Dopamin-Fastenzeit: Wasser trinken, meditieren, „nachdenken“.

    „Der langweiligste Trend der Welt“

    Dennoch: Erst Ende 2019 bricht die mediale Welle los. „6500 Erwähnungen auf Google News in mehr als zwölf Ländern“, berichtet Sepah dem Handelsblatt stolz. Der US-Fernsehsender ABC berichtet sowie die englische BBC, in Deutschland schreiben etwa die „Welt“ und die „Süddeutsche Zeitung“ über den neuen Trend. Allerdings erst Monate nach Sepahs LinkedIn-Beitrag. Und wohl nicht unbedingt davon ausgelöst.

    Die meisten Berichte sind zudem spöttisch. Die Autoren witzeln über den „vielleicht langweiligsten Trend der Welt“, sprechen von „verwöhnten Unternehmern“, deren „Luxusprobleme überhandnehmen“. „Haben die Tech-Bros, die dopaminfasten, nur Scheiße im Kopf?“, fragt etwa das Männermagazin „Mel“.

    Die Geschichte des „heißen Trends“ ist eine von gutem Marketing und Klischees, die zu schön sind, um sie zu hinterfragen. Sie zeigt, wie das Silicon Valley als Synonym nicht mehr nur für technologischen Fortschritt gilt, sondern auch für höchst alberne Selbstoptimierungsmarotten, die von dort in die ganze Welt schwappen.

    Achtsame Tech-Millionäre folgen dem neuen Trend und kontrollieren den eigenen Körper. Quelle: mauritius images / fStop
    Verzicht auf das Glas Wein

    Achtsame Tech-Millionäre folgen dem neuen Trend und kontrollieren den eigenen Körper.

    (Foto: mauritius images / fStop)

    Doch natürlich steckt in den meisten Klischees ein Körnchen Wahrheit: War Steve Jobs mit seinem Drogenkonsum und seinen Wurzeln in der Counterculture noch ein Paradiesvogel unter den hart arbeitenden Ingenieuren im kleinstädtischen Silicon Valley, erleben „New Age“-Spiritualität und Meditation dort seit einigen Jahren ein Revival.

    So war das Esalen-Institut im Big Sur in Zentralkalifornien in den Sechzigern ein Hotel, in dem sich Hippies tummelten. Heute geht es dort in Kursen um Depression, Technologie- oder Internetsucht. Und auch Twitter-Chef Jack Dorsey, der einst blaue Haare und Nasenring trug, ähnelt inzwischen optisch zunehmend einer Mischung aus Steve Jobs und Jesus. Seinen Tag beginne er um fünf Uhr morgens mit einer halben Stunde Meditation und drei siebenminütigen Work-out-Einheiten, berichtet er.

    Wen überrascht es da noch, dass die ach so achtsamen Tech-Millionäre gerne dem neuen Trend folgen: ihren eigenen Körper kontrollieren, ihn zu steuern suchen, um ihn leistungsfähiger zu machen?

    Doch der wahrscheinlich einzige Unternehmer im Silicon Valley, der streng dopaminfastet, ist James Sinka. Der 24-jährige Chemiker mit dem braunen Lockenkopf hat in San Francisco Sleepwell.ai gegründet, eine Plattform, die datengestütztes Schlafcoaching anbietet. „Sie trinken eine Kanne Kaffee und sind immer noch nicht wach? Sie müssen Sleepwell.ai ausprobieren“, lautet der Firmen-Claim.

    Schlaf ist Sinkas Hauptthema. Er sei der „drittwichtigste Faktor zum menschlichen Überleben, nach Sauerstoff und Wasser“. Kaffee auch. Vor Sleepwell hatte Sinka in seiner Unistadt, dem verschlafenen Rochester an der Grenze zu Kanada, bereits Moonshot Brewing gegründet – ein Start-up, das Kaffee mit besonders viel Koffein herstellt.

    Worum es beim Dopaminfasten nicht geht: die Vermeidung von Dopamin. Quelle: mauritius images / fStop Images
    Das Smartphone aus der Hand lassen

    Worum es beim Dopaminfasten nicht geht: die Vermeidung von Dopamin.

    (Foto: mauritius images / fStop Images)

    Der August 2019 ist ein aufregender Monat für Sinka: Elf Tage nachdem Sepah seinen Post veröffentlicht, wird Sleepwell.ai in das renommierte Start-up-Programm „Y Combinator“ (YC) aufgenommen. Das haben schon Unternehmen wie Airbnb oder Dropbox durchlaufen.

    Y Combinator ist eine Eliteausbildung für Start-ups im Schnellverfahren: Jedes halbe Jahr nimmt der Investor oft mehr als 100 Start-ups auf, investiert 150.000 Dollar und coacht sie drei Monate lang, während sie ihre Produkte für den „Demo Day“ weiterentwickeln. An diesem Tag präsentieren sie ihre Fortschritte der Welt. Ihren „Batch“, den Halbjahrgang, tragen die Start-ups ihr Leben lang: Dropbox? S 07. Airbnb? W 09. Sleepwell.ai? W 19.

    „Gespräche machen nicht süchtig“

    In Sinkas Start-up-Klasse ist auch Janey Muňoz, eine Bioingenieurin von XGenomes, das DNS-Sequenzierung demokratisieren will. Am 2. Oktober schreibt sie auf Twitter über eine Begegnung mit Sinka, die „so sehr Bay Area war, wie es nur geht“: „Ich bin jemandem aus meinem YC-Jahrgang begegnet, der mir erzählte, er faste gerade in Bezug auf Dopamin und müsse die Konversation jetzt beenden (weil er sonst zu viel Dopamin produziert).“

    Der Tweet wird Tausende Male gelikt, mit vielen hämischen Kommentaren über die selbstbezogenen, albernen Start-upper. Muňoz versucht, diese Wirkung einzufangen. Sie selbst komme aus Florida und wisse, „wie falsch oder auch nur nervig die Verwechslung einer Idee mit einer Gegend sein kann“. Cameron Sepah schaltet sich ein: „Er kann meinen Artikel nicht gelesen haben (oder hat ihn falsch verstanden). Die meisten Gespräche machen nicht süchtig.“

    Und Sinka? Der freut sich über die Aufmerksamkeit und bietet sich unter dem Tweet einer Journalistin an, „alle Fragen biochemischer oder anderer Art“ zu beantworten.

    Tatsächlich meldet sich eine Journalistin bei ihm, um eine Geschichte über Dopaminfasten zu schreiben: Nellie Bowles von der „New York Times“. Sie besucht Sinka und seine beiden Mitgründer in ihrem Büro im urbanen Stadtteil Dogpatch. Bowles beschreibt drei Männer, die sich von ihrem Fotografen nicht mal mit dem Blitz fotografieren lassen, weil das zu aufregend wäre. Sie hätten zudem Angst, dass ihre Sammelkarten an Wert gewännen. Die Freude darüber würde ihr Belohnungszentrum aktivieren.

    Kleine Belohnungen setzen Dopamin im Gehirn frei – etwa der Gang zum Kühlschrank. Quelle: mauritius images / fStop Images
    Hot Dog

    Kleine Belohnungen setzen Dopamin im Gehirn frei – etwa der Gang zum Kühlschrank.

    (Foto: mauritius images / fStop Images)

    Sinka erzählt ihr, dass er neben Augenkontakt auch volle Straßen meide, wenn er faste. Bowles fragt eine Historikerin, die die Amish erforscht, ob man den Lebensstil der extrem traditionell lebenden Christensekte mit dem Dopaminfasten vergleichen könne. Die Historikerin bejaht.

    Die erste Welle der weltweiten Aufmerksamkeit beginnt nach Muňoz’ Tweet, die zweite nach dem „New York Times“-Artikel. Der Ton ist gesetzt: Dopaminfasten sei eine Marotte verhaltensauffälliger Silicon-Valley-Mönche, die vor Frauen davonlaufen.

    Sepah ist sauer, als er den Artikel liest. Und schreibt „eine Antwort auf die Fake News“, wie er es gegenüber dem Handelsblatt nennt. Er habe Dopaminfasten bekanntgemacht, und sein Beitrag habe in nur 24 Stunden mehr als 100.000 Klicks bekommen.

    „Unglücklicherweise haben ihn ein paar Klickbait-Journalisten und Leute mit einer Agenda benutzt, um sich über das Silicon Valley und seine Männer lustig zu machen.“ Dabei habe er in seinem Blogbeitrag doch deutlich gemacht, „worum es beim Dopaminfasten NICHT geht“ – nämlich um die Vermeidung von Dopamin.

    Das stimmt zwar. Nur: Warum spricht er von „Dopaminfasten“, wenn es doch nur um die Verhaltensweisen geht, die einen kurzen Dopaminkick erzeugen? Und eben nicht darum, die Dopaminproduktion komplett zu unterbinden? „Fasten von suchterzeugendem Verhalten, das zu Dopamin führt“, sei wohl der akkuratere Begriff, räumt Sepah auf Nachfrage ein. „Aber ich musste einen konsumentenfreundlichen Begriff verwenden, der half, es viral gehen zu lassen. Also bereue ich nichts.“

    Dopaminfasten ist nun einmal um die Welt gegangen. Medien in vielen Ländern, wahrscheinlich weit mehr als zwölf, haben darüber geschrieben. Alle zitieren als Quelle Sepahs ursprünglichen LinkedIn-Beitrag oder, noch häufiger, Janey Muñoz’ Tweet oder Bowles’ „New York Times“-Geschichte. Bowles spricht darin zwar von einer „wachsenden Gruppe von Dopaminvermeidern“ in San Francisco, nennt aber keine weiteren Beispiele. Auf eine Handelsblatt-Anfrage reagiert sie nicht.

    Er kann meinen Artikel nicht gelesen haben. Die meisten Gespräche machen nicht süchtig. Cameron Sepah (Psychiater am Uniklinikum San Francisco)

    Fragt man gut vernetzte Unternehmer in der Bay Area, ob sie aktive Dopaminfastende kennen, rollen viele mit den Augen oder lachen. „Ich kenne die ‚New York Times‘-Geschichte. Das ist das Einzige, was ich darüber weiß“, sagt einer. Im für seine Netzwerkerkultur legendären Silicon Valley gibt es keine öffentlichen Seminare, keine Meet-ups, bei denen sich Praktiker gegenseitig Tipps geben.

    Die einzigen beiden Gruppen in dem bei jungen, internetaffinen Menschen populären Netzwerk Reddit, die sich mit Dopaminfasten beschäftigen, haben zusammen weltweit knapp 200 Mitglieder. Der jüngste Eintrag ist einen Monat alt.

    Psychiater Sepah verweist auf seine Patienten, wenn es um die Frage geht, wer seinen Trend überhaupt zum Trend macht. Mit ihnen übt er zeitlich festgelegten Verzicht. Und er verweist auf China, wo die Regierung den Konsum von Videospielen für Jugendliche eingeschränkt hat. „Quasi ein gewaltiges Experiment in der echten Welt.“

    Dopaminfasten, wie es Sepah definiert, praktizieren vermutlich die meisten Menschen mit Zugang zu einem Smartphone und einem Kühlschrank. Und natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass es den Kult freudloser Unternehmer-Zombies in der Bay Area doch gibt. Immerhin vermeiden sie Gespräche und belebte Straßen.

    Es ist aber genauso gut möglich, dass ein Psychiater und ein Unternehmer, die eine Behandlungsmethode und ein Unternehmen zu bewerben hatten, den Trend erfunden haben. Einen Trend, der für viele fern der US-Westküste so nach Silicon Valley klang, dass er einfach wahr sein musste.

    Mehr: Selbstoptimierung: Diese sechs Bestseller verraten, was Sie über persönlichen Erfolg wissen sollten.

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