Unternehmen: Einzigartige Transformationsstudie – So gelingt Firmen der Wandel
- 250.000 wissenschaftliche Studien und Artikel zum Thema Transformation haben Fraunhofer-Forscher mit KI-Unterstützung ausgewertet, um zu klären: Was ist für den erfolgreichen Wandel in Unternehmen wirklich entscheidend? Sie kommen auf fünf Punkte.
- Gerade in Transformationsphasen ist es die wichtigste Aufgabe der Führungskräfte, Orientierung zu geben. Doch nicht alle sind dem gewachsen. Machen Sie den Selbsttest: Sind Sie der richtige Chef, wenn sich alles ändert?
- Wer auf Aktien von Unternehmen in der Transformation setzt, hat Aussicht auf hohe Kursgewinne – oder verliert sein Kapital, wenn der Wandel misslingt. Bei diesen fünf Dax-Konzernen überwiegen die Transformations-Chancen die Risiken.
Berlin, Düsseldorf. Vielleicht würde er heute Glück haben. Mit dieser Hoffnung ging Marius Pfisterer noch vor zehn Jahren in Kundentermine, wenn er im Auftrag von Würth durch den Raum Heidelberg fuhr. Vielleicht würde sein Kunde gleich nach genau den Produkten verlangen, die er kurz vor dem Termin aus dem Kofferraum seines Autos gegriffen hatte – mal ein Klebeband, mal ein Akkuschrauber, mal ein Messer. „Heute würde ich mich nicht mehr trauen, mit einem beliebigen Artikel aus dem Sortiment zu einem Kunden zu gehen“, sagt Pfisterer, der inzwischen als Führungskraft im Vertrieb bei Würth tätig ist. Kunden seien ungeduldiger geworden. „Die sagen: ,Entweder du bietest mir was, das zu meinem Geschäftsmodell passt, oder ich brauche dich nicht.‘“
Würth passte sich an. Heute reicht den Außendienstlern ein Blick in die firmeneigene Datenbank. Sie zeigt ihnen zu jeder Zeit, welche ihrer Produkte zum Geschäftsmodell des jeweiligen Kunden passen – oder was dem womöglich noch fehlt. Pfisterer: „Da sehen Sie zum Beispiel: ,Aha, den Arbeitsschutz kauft er noch nicht bei uns.‘“
Doch das ist nicht der letzte Schritt. Inzwischen schlägt in vielen Fällen die KI dem Außendienstler vor, welche Produkte er empfehlen könnte. Obwohl Würth-Produkte vergleichsweise teuer sind und das Unternehmen mit Internetplattformen konkurriert, hält es seine Stellung als Weltmarktführer für Montage- und Befestigungsmaterial. 2024 lag der Umsatz der Gruppe bei 20 Milliarden Euro – doppelt so hoch wie vor zehn Jahren.
„Würth ist ein gutes Beispiel dafür, dass Unternehmen sich grundlegend verändern können, ohne dabei alles Alte über den Haufen zu werfen“, sagt Moritz Maier, Transformationsforscher am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Bei Würth habe man Vertriebler wie Marius Pfisterer nicht durch Technologien ersetzt.
Stattdessen habe das Management ihnen Zeit für „das Wesentliche“ freigeräumt, sagt Maier, für Kontaktpflege und gezielte Beratung von Kunden: „Möglich war das, weil Würth viele roboterhafte Tätigkeiten automatisiert hat, etwa das Erfassen von Kundendaten.“
Ob radikaler Bruch mit dem Alten oder präziser Umbau einzelner Bereiche: Mehr denn je müssen sich Unternehmen in Deutschland verändern, um im aktuellen geopolitischen, technologischen und demografischen Umfeld nicht unterzugehen. Erratische Zollentscheidungen des US-Präsidenten Donald Trump lassen Absatzmärkte wegbrechen. Künstliche Intelligenz entwickelt sich in atemberaubender Geschwindigkeit weiter und dürfte einige bislang funktionierende Geschäftsmodelle zum Implodieren bringen. 91 Prozent der deutschen Unternehmen sehen generative KI als geschäftskritisch an, ergab jüngst eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG – ein Anstieg um 36 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr.
Und dann ist da noch die Demografie. Bereits 2028, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dürften hierzulande rund 770.000 Fachkräfte fehlen, weil viele Babyboomer in Rente gehen. Das zwingt Unternehmen, ihre Personalstrategien umzustellen, konkret: mehr Tätigkeiten zu automatisieren und parallel die vorhandenen Beschäftigten fortzubilden oder umzuschulen.
Entsprechend hoch ist der Druck in Unternehmen. Ein Fünftel aller börsennotierten Firmen im DACH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) steht aktuell unter akutem Transformationsdruck, im Rest Europas sind es 17 Prozent. Das ergab eine Analyse der Boston Consulting Group (BCG) im Juli. Die Strategieberater haben dafür die wirtschaftliche Situation von rund 1700 europäischen Börsenkonzernen analysiert.
Noch drastischer sind die Zahlen, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Fraunhofer IAO erhoben hat: Mehr als die Hälfte aller Führungskräfte ist demnach der Ansicht, das eigene Unternehmen stehe vor einem starken oder sehr starken Umbruch. 47 Prozent der befragten Managerinnen und Manager empfinden den Innovationsdruck in ihrem Geschäftsfeld als hoch oder sehr hoch.
Doch welche Faktoren beeinflussen, ob ein Unternehmen die nötigen Veränderungen meistert – oder an der Transformation scheitert? Eine Antwort darauf liefern Moritz Maier und sein Forschungsteam im „Fraunhofer Transformationsindex“. Dafür haben die Forscherinnen und Forscher mehr als 250.000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Change in Unternehmen ausgewertet, die in den vergangenen 30 Jahren erschienen sind.
Am Ende machen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 31 Erfolgsfaktoren aus (siehe Grafiken im Folgenden), die über Erfolg oder Scheitern von Transformation entscheiden. Sie unterteilen sich wiederum in fünf Bereiche.