Gastbeitrag: Die Hysterie ist schneller gewachsen als das Angebot
Der Sohn des Gründers der Drogeriemarktkette lobt den Zusammenhalt der Belegschaft in der Coronakrise.
Foto: dpaAbhängig von Branche und Blickwinkel, ob man Arbeitnehmer oder Unternehmer ist, verändert sich die gefühlte Corona-Zeitzone, in der jeder Einzelne von uns aktuell steckt.
Im Zuge der ersten Coronawelle in China trafen uns Anfang Februar die ersten Ausläufer der Krise. Aktionsware wurde verschoben oder aus anderen Ländern bezogen. Ende Februar, mit dem Überspringen des Virus nach Italien, setzte die zweite Phase für uns als Handelsunternehmen ein: Der Verkauf von Seifen und Desinfektionsmitteln zog deutlich an. Erste Mitarbeiter und Journalisten stellten die Frage, ob wir auch in der Krise handlungsfähig sein werden. Am 26. Februar bildete sich unser Krisenstab und verabschiedete erste Hygienemaßnahmen.
Am 25. Februar begann die dritte Phase, die vorerst bis zum 20. März andauern sollte. In dieser Zeit erlebten fast alle Sortimente eine geradezu vorweihnachtliche Nachfrage – aber natürlich unter einem anderen Vorzeichen. Viele Mitarbeiter sahen sich Anfeindungen, Pöbeleien und in einigen Fällen sogar körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Unvergessen bleibt die Anlieferung einer Ladung Toilettenpapier in Duisburg unter Polizeischutz. Trotz solcher Momente, zeigte sich eine nie vorher dagewesene Solidarität und der Stolz darauf, für die Grundversorgung des ganzen Landes sorgen zu dürfen.
In der Firmenzentrale zog dagegen eine unheimliche Ruhe ein. Verwaiste Flure, der sonst so pulsierende Bienenstock war ausgeflogen, aber dennoch ist die auf gefühlte Klassenfahrtgröße zusammengeschmolzene Truppe, die sich täglich sieht, gemeinschaftsstiftend wie es vielleicht nur zu Pionierzeiten von Rossmann der Fall war. Tatendrang ist das beste Mittel gegen Angst.
Viele Mitarbeiter sind im Homeoffice oder ausgerückt, um in unseren Filialen zu helfen. Möglich wurde dies, weil wir alles Unwesentliche einstellten – Werbungen wurden gestrichen, Social-Media-Postings auf die wichtigsten Informationen reduziert, Kampagnen verschoben. Der Schutz der Mitarbeiter und die Sicherstellung des Warenflusses hatten und haben seitdem höchste Priorität. Die Lieferanten produzieren durch zusätzliche Schichten und der Konzentration auf wenige Referenzen so viel wie noch nie – aber die Hysterie wuchs leider schneller als das Angebot.
Der Föderalismus und seine Sonderlocken kommen erschwerend hinzu. Ordnungsämter überbieten sich in erweiterten Allgemeinverfügungen. Die Stadt Leverkusen verlangte die Aufnahme aller Kontaktdaten, Lüneburg schrieb die Benutzung von Einkaufswagen zur Einhaltung von Mindestabständen vor – Handhygiene ade! Einige Bundesländer untersagten zeitweise den Verkauf drogeriefremder Sortimente in unseren Filialen.
Schutzkleidung wird dringend benötigt
In Zeiten des Kalten Krieges und noch lange danach hortete Deutschland tonnenweise Lebensmittel, um für den Fall der Fälle eine Notfallreserve bereitstellen zu können. Das Schreckensszenario des Kalten Krieges war durch die Erlebnisse des 2. Weltkrieges keine abstrakte Bedrohung – ganz anders als die Warnungen heute von Wissenschaftlern und Menschen wie Bill Gates vor einer Pandemie.
Erschreckend ist, dass es kein zentrales Beschaffungsmanagement auf Bundesebene für dringend benötigte Schutzausrüstung gibt, das Pflegekräfte, Ärzte und Feuerwehr mit dem Notwendigsten versorgt. Allein Rossmann vermittelte in den letzten Wochen über 100.000 FFP2-Masken und große Mengen an Handdesinfektion zum Selbstkostenpreis an die Einrichtungen der Region Hannover. Andere, die nicht das Glück eines großen Handelsunternehmens vor Ort haben, wie der Landkreis Heinsberg, wenden sich in ihre Verzweiflung an China.
Seit der Verhängung der Kontaktsperre und der Klarstellung, welche Einzelhändler weiterhin öffnen dürfen, scheint sich die Lage etwas zu beruhigen. Im Gegensatz zu anderen Landesgesellschaften scheint der Rückfall der Umsätze eher geringer auszufallen, da die Kontaktsperre als weniger dramatisch wahrgenommen wird, als die allgemeinen Ausgangssperren anderer Länder. Es bleibt zu hoffen, dass wir einer weiteren Verschärfung entgehen.
Der Sieger dieser Tage steht jetzt schon fest, Amazon! Studiert man die Google-Anfragen der letzten Wochen, wird deutlich, dass Amazon in den USA ein ähnlich starkes Interesse auf sich zieht, wie sonst nur kurz vor Weihnachten. Da der gesamte Spielwarenfachhandel eine Zwangspause einlegt, konzentriert sich das Ostergeschäft fast vollständig auf einen einzigen Händler. Viele Einzelhändler waren bereits vor der Krise angezählt und hatten mit der wachsenden Konkurrenz des Onlinehandels zu kämpfen. Der Traffic-Vergleich verschiedener Portale, wie beispielsweise Douglas.de, zeigt aber auch, dass der Online Handel nicht zwangsläufig von den flächendeckenden Schließungen profitieren kann.
Die Menschen halten ihr Geld zusammen. Die Schließungen der letzten und den noch kommenden Wochen werden für viele stationäre Händler, aller Voraussicht nach, das Ende bedeuten und unsere Innenstädte werden so weiter an Bedeutung verlieren.
Eine Frage bleibt: Wie soll die Menschheit eine angemessene und schnelle Reaktion auf die viel abstraktere Gefahr des Klimawandels finden, wenn bereits eine laufende Pandemie in einer globalisierten Welt bis zuletzt auf so viel Skepsis stößt? Welches Fanal braucht es, dass wir entschlossen auf den Klimawandel reagieren? Vielleicht hilft auch die aktuelle Situation bei der Bewältigung dieser Krise. Meldungen über kristallklares Wasser in den Lagunen Venedigs durch die Aussetzung des Schiffverkehrs und auch die Linderung von Atemwegserkrankungen durch den Rückgang an Smog zeigen, was es zu gewinnen gibt, wenn die Welt in diesen Tagen innehält.
Raoul Roßmann ist Geschäftsführer der inhabergeführten Drogeriemarktkette Rossmann und Sohn von Gründer Dirk Roßmann.