Gastkommentar: China und die USA sollten sich annähern statt bekämpfen
Als Ronald Reagan am 30. April 1984 zu Studenten der Fudan University in Shanghai sprach, war er der erste US-Präsident, der China seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen im Jahr 1979 besuchte. 40 Jahre später ist seine Botschaft so aktuell wie damals.
„Wir bekommen nur dann Ärger, wenn wir übereinander reden statt miteinander reden“, sagte er damals. Es war erstaunlich, dass das chinesische Publikum ohne Übersetzung auskam. Anfang der 80er-Jahre war China im „Englisch-Fieber“. „Follow-me“, ein TV-Lernprogramm von BBC und Bayerischem Rundfunk, hatte 1983 in China bis zu 500 Millionen Zuschauer. Der Autor und seine Familie waren darunter.
Mit der Chinareise von Reagan begann die folgenreichste Phase der strategischen Kooperation zwischen den USA und China. Ihren Ursprung hatte sie in der Nixon-Administration, aber Reagan hat mit seiner Rede eine bereite Schicht junger Chinesen bewegt und ihr Weltbild beeinflusst.
Dabei hat er kaum kritische Punkte ausgespart. Individuelle und religiöse Freiheit sprach er deutlich an. Lässig und humorvoll warb er für „sein“ System, von dessen Überlegenheit er vollends überzeugt war.
Mit Blick auf die Ära der Kulturrevolution hätte er Grund genug gehabt, mahnend den Zeigefinger zu erheben. Stattdessen sagte er: „Wir wollen mehr von Ihnen lernen. Auch Sie möchten mehr von uns lernen. Wir laden Sie ein, uns näher kennenzulernen.“
Anders als heute, wo die Versuchung immer größer wird, auf Auslandsreisen primär der Wählerschaft daheim zu gefallen, wollte Ronald Reagan die am besten ausgebildeten jungen Chinesen direkt erreichen. Es ist ihm gelungen.
Sowohl die USA als auch China sind enttäuscht
40 Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen sind beide Seiten tief desillusioniert. „Wir waren naiv“, heißt es in den USA und bei ihren Verbündeten. Gemeint ist die Hoffnung, die wirtschaftliche Liberalisierung werde auch in einer Öffnung des politischen Systems münden. Stattdessen ist China heute die zweitgrößte Wirtschaftsmacht unter dem noch festeren Griff eines Einparteiensystems.
Als jüngst der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger starb – der sich stark für eine Entspannung zwischen China und den USA eingesetzt hatte –, stellten rechte wie linke amerikanische Kommentatoren die gleiche Frage: „War die Hinwendung zu China vielleicht doch der größte geostrategische Fehler?“
China wiederum ist enttäuscht, weil die USA den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes um jeden Preis verhindern wollen, statt anzuerkennen, dass durch das chinesische Wachstum in den vergangenen 40 Jahren 800 Millionen Chinesen von Hunger und extremer Armut befreit wurden.
„Waren wir naiv“, stellen auch chinesische Kommentatoren landauf, landab fest. Man habe nicht erkannt, dass der Westen von Anfang an eine „Hidden Agenda“ hatte, nämlich dass China so werden sollte wie er. „Michail Gorbatschow hat gewollt, dass Russland so wird wie der Westen“, erklären sie dann. „Und, was ist daraus geworden?“
Man fragt sich, was passieren muss, damit die Verhärtung der Fronten – wir wollen realistisch bleiben – sich zumindest verlangsamt. Zunächst müssen sich beide Seiten befreien von dem Denken „Wir, die Guten, gegen sie, die Bösen“. Dieses Muster ist untauglich, um das komplexe Verhältnis beider Länder effektiv zu steuern, das von Partnerschaft bis Rivalität reicht.
Derisking ist Decoupling in weicherer Semantik
Stattdessen sollten die Prioritäten der internationalen Politik wieder dort liegen, wo sie der gesamten Menschheit nutzen und wo eine langfristige Zusammenarbeit zwingend ist. Dazu gehören neben Klimawandel und Umweltschutz auch Themen wie Armutsbekämpfung, Pandemieprävention und KI-Regulierung.
Bei diesen Themen ist nicht nur höchste Eile geboten, sondern sie erfordern auch die größten finanziellen Anstrengungen. Sie bieten deshalb die beste Möglichkeit, die Konkurrenz beider Staaten vernünftig in Schach zu halten.
Rückzug und Abkapselung zementieren nur die Rivalität. Das derzeit leider zu beobachtende ausufernde „Derisking“ ist nichts anderes als „Decoupling“ mit weicherer Semantik. Damit ist niemandem geholfen, schon gar nicht Deutschland.
Dagegen kann eine genuine und kontinuierliche Zusammenarbeit Grundvertrauen schaffen oder wiederherstellen. Die USA und China brauchen dieses Grundvertrauen, um die Rivalität abzubauen. In diesem Zusammenhang ist und bleibt Deutschland ein geschätzter Vermittler. Das ist gut so.
„Wir leben in einer unruhigen Welt (...) Es gibt vieles, was uns von Natur aus trennt (...) und unsere politischen Systeme sind grundlegend verschieden“, sagte Reagan vor 40 Jahren in Shanghai. „Es hat keinen Sinn, diese Tatsache um der Freundschaft Willen zu verbergen. Aber lassen Sie uns für einen Moment die Worte vergessen, die unsere Unterschiede benennen, und denken wir darüber nach, was wir gemeinsam haben.“
Der Autor: Zhengrong Liu war bis Ende 2022 Vorstand für Personal, Nachhaltigkeit und Greater China bei Beiersdorf. Heute arbeitet er als Dozent, Autor und Coach.