Gastkommentar: Deutschlands Tech-Gründer erleben ihren großen Moment
Auch wenn die europäische und deutsche Wirtschaft kämpft: Das Tech-Ökosystem zeigt, was möglich ist. Die Vorzeichen für 2026 sind so positiv wie lange nicht.
Die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt wurden ausnahmslos mit Venture-Capital (VC) angeschoben. Technologie ist der unbestrittene Motor für zukünftigen Wohlstand – und VC sein Treibstoff. Deutschland ist bereit für seinen eigenen Quantensprung in der Gründungsdynamik – 25 Jahre später, aber mit hoher Geschwindigkeit.
Lange Zeit tat sich das deutsche Tech-Ökosystem schwer, international mitzuhalten. Das gängige Narrativ lautete, dass der Aufbau disruptiver Technologieunternehmen in Deutschland nahezu unmöglich sei – eine Mischung aus Regulierung, Bürokratie, Trägheit und mangelnden Investitionen mache Erfolge kaum erreichbar.
Doch das ändert sich. Ein Blick auf die neue Generation von Gründerinnen und Gründern zeigt: Deutschland kann so einiges.
In Europa gibt es 16 Unternehmen, die seit 2020 gegründet wurden und bereits den „Unicorn“-Status – also eine Bewertung von einer Milliarde US-Dollar – erreicht haben. Ein Drittel stammt aus Deutschland. Historisch brauchten Europas Unicorns sieben Jahre, um diesen Meilenstein zu erreichen. Die jüngsten deutschen Unicorns schafften es in unter zwei Jahren.
Trotz der Schlagzeilen über eine stagnierende Wirtschaft werden Tech-Unternehmen in Deutschland mit einem Tempo skaliert, das international mithalten kann.
Die Bewegung geht weit über bekannte Unicorns hinaus. Daten der KfW zeigen, dass deutsche Start-ups im ersten Halbjahr 2025 rund vier Milliarden Euro eingesammelt haben. Das zweite Quartal lag im Investitionsvolumen 45 Prozent über dem Vorquartal.
Und die jüngste Generation von Tech-Unternehmen entwickelt sich rasant. Sie erzielt ihre ersten Umsätze aktuell dreimal schneller und setzt im ersten Jahr fünf- bis zehnmal mehr um als Firmen, die nur drei Jahre älter sind.
Zwei Schlüsselfaktoren treiben diese Beschleunigung voran. Der erste ist die breite Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI). Früher brachte Deutschland vor allem Fintech- und E-Commerce-Stars hervor. Seit 2020 stammen zwei Drittel der neuen Unicorns aus dem Bereich KI – der wohl bedeutendsten technologischen Entwicklung unserer Zeit.
Sie wachsen schneller als alles, was wir bisher gesehen haben. Und auch Start-ups, die keine eigenen KI-Produkte entwickeln, profitieren – sie nutzen KI, um bessere Produkte mit weniger Ressourcen in kürzerer Zeit und mit stark automatisierten Abläufen zu bauen.
Der zweite Faktor ist die Mentalität erfolgreicher Gründerinnen und Gründer. In der engen Arbeit mit Gründerteams beobachte ich ein neues Maß an Entschlossenheit.
In einer Umfrage unter 1200 europäischen Gründerinnen und Gründern haben wir festgestellt, dass in Deutschland europaweit am härtesten gearbeitet wird: 94 Prozent arbeiten mehr als 60 Stunden pro Woche, 38 Prozent mehr als 80 Stunden.
Und sie streben nach mehr: 80 Prozent geben an, dass sie künftig noch schneller skalieren wollen. Zum ersten Mal wurde die Umsetzungsgeschwindigkeit (44 Prozent) als größere Priorität bezeichnet als der Zugang zu Kapital (40 Prozent).
Diese Moral ist, was wir im KI-Zeitalter brauchen – wenn Geschwindigkeit alles ist und die klügsten, ehrgeizigsten Köpfe weltweit um Kunden konkurrieren.
Deshalb sitzen viele Gründerinnen und Gründer noch lange nach Mitternacht im Büro und arbeiten auch an den Wochenenden. Es ist ein harter und oft gnadenloser Alltag – aber im globalen Wettbewerb können wir nur bestehen, wenn wir bereit sind, das Tempo anderer mitzugehen.
Ein perfektes Beispiel ist Peec AI, dessen Start wir Anfang 2025 in Berlin begleiten durften. Peec AI hilft Unternehmen, ihre Sichtbarkeit und Positionierung auf KI-gestützten Suchmaschinen zu verbessern. Das Unternehmen hat Millionenbeträge von internationalen Investoren eingesammelt und erzielte bereits wenige Monate nach dem Start deutlich über drei Millionen US-Dollar Jahresumsatz – mit stark wachsender Tendenz.
Es ist eindeutig: Große Erfolge sind möglich. Die Herausforderung besteht nun darin, auf diesem Momentum aufzubauen. Dazu müssen unter anderem institutionelle Kapitalquellen erschlossen werden, und die Regulierung muss vereinfacht und die Offenheit für Talente aus aller Welt weiter gesteigert werden.
Wir müssen zudem offen für Wandel bleiben oder teils erst werden – denn die wichtigsten Industrien der letzten hundert Jahre werden voraussichtlich nicht die der nächsten hundert sein. Mit Entschlossenheit und Offenheit kann sich Deutschland als einer der besten Orte der Welt für Unternehmensgründungen behaupten.
Der Autor: Christoph Klink ist General Partner bei Antler, einem globalen Venture-Capital-Investor mit 30 Büros weltweit. Zuvor war er über zehn Jahre bei McKinsey tätig.