Gastkommentar: Die US-Präsidentschaftswahl ist auch für Europa entscheidend
Wenn es ein Ereignis gibt, das das kommende Jahr dominieren wird, dann dürfte es fast mit Sicherheit die US-Präsidentschaftswahl sein. Donald Trump haben seine zahlreichen Skandale und Gerichtsverfahren bisher kaum geschadet – und auch zuletzt seine Disqualifizierung von den Vorwahlen in Colorado nicht.
Sofern also nichts wirklich Unerwartetes geschieht, dürften wir eine Neuauflage der Wahl zwischen Joe Biden und Donald Trump erleben, deren Ausgang gefährlich ungewiss ist. Ein Jahr vorab sehen Meinungsumfragen Trump in wichtigen Swing States vorn.
Die Wahl wird nicht nur für die USA, sondern für die Welt insgesamt von Bedeutung sein. Das Ergebnis könnte von den Wirtschaftsaussichten für 2024 abhängen, die ihrerseits unter anderem davon abhängen, wie sich der jüngste Konflikt im Nahen Osten entwickelt.
Meine Vermutung (und zugleich mein schlimmster Albtraum) ist, dass Israel die internationalen Bitten um einen Waffenstillstand in Gaza, wo 2,3 Millionen Palästinenser seit Jahrzehnten in Armut leben, weiterhin ignorieren wird.
Was ich während eines Besuchs als Chefökonom der Weltbank in den späten 1990er-Jahren dort sah, war herzzerreißend genug, und die Situation hat sich noch verschlechtert, seit Israel und Ägypten vor 16 Jahren in Reaktion auf die Übernahme der Enklave durch die Hamas eine vollständige Blockade verhängt haben.
>> Lesen Sie hier: Wie wird sich der Krieg im Nahen Osten auf den Ölpreis auswirken?
Ungeachtet der von der Hamas am 7. Oktober verübten Gräueltaten werden die Menschen in den arabischen Ländern die Brutalität, die Gaza angetan wird, nicht hinnehmen. Daher ist schwer erkennbar, wie wir eine Neuauflage des Jahres 1973 vermeiden können, als die arabischen Opec-Mitglieder ein Ölembargo gegen die Länder verhängten, die Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützt hatten.
Diese Vergeltungsmaßnahme würde die Ölproduzenten des Nahen Ostens nicht viel kosten, denn der Anstieg der Preise würde den Rückgang der Liefermengen ausgleichen. Kein Wunder, dass die Weltbank und andere bereits gewarnt haben, dass die Ölpreise auf 150 Dollar pro Barrel oder höher steigen könnten. Das würde eine neuerliche Phase angebotsgetriebener Inflation auslösen, just da die postpandemische Inflation unter Kontrolle gebracht wird.
Trump könnte erneut darauf aus sein, die demokratischen US-Institutionen abzuschaffen
In diesem Szenario wird Biden unvermeidlich für die höheren Preise verantwortlich gemacht und des Missmanagements im Nahen Osten beschuldigt werden. Es wird kaum eine Rolle spielen, dass der Konflikt durch die Abraham-Abkommen der Trump-Regierung und Israels Schwenk zu einer faktischen Ein-Staat-Lösung neu entfacht wurde. So oder so könnten die Turbulenzen in der Region das Pendel zu Trumps Gunsten ausschlagen lassen.
Ein hochpolarisiertes Elektorat und Berge von Desinformation könnten die Welt erneut mit einem inkompetenten Lügner belasten, der darauf aus ist, die demokratischen Institutionen der USA abzuschaffen und sich bei autoritären Führern wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban einzuschmeicheln.
Die Tragödie ist, dass Biden bisher objektiv gesehen ein außerordentlich erfolgreicher Präsident ist. Er hat die Situation in der Ukraine besser gemeistert, als vielleicht irgendwer sonst es vermocht hätte. Er hat die USA mit einem großen Infrastrukturgesetz – dem „Chips and Science Act“ – und dem „Inflation Reduction Act“ (der die Mittel für die ökologische Wende bereitstellt) auf einen neuen wirtschaftlichen Kurs gebracht.
Und seit Anfang 2023 musste er sich mit einem Repräsentantenhaus auseinandersetzen, das von Republikanern kontrolliert wird, die sich als unfähig erwiesen haben zu regieren – und auch kein Interesse zeigen, es zu versuchen.
Was die Zukunft angeht, so werden in den Vereinigten Staaten hohe Ölpreise aufgrund der Energieunabhängigkeit der USA in erster Linie eine Einkommensumverteilung von den Verbrauchern hin zu den Ölproduzenten zur Folge haben. Die übrige Welt hat weniger Glück: In Europa, wo die weniger umfangreichen fiskalpolitischen Maßnahmen die kontraktive Geldpolitik nicht ausgleichen konnten, werden sich die höheren Energiepreise verheerend auswirken.
Es bestehen zudem ernste Zweifel in Bezug auf Chinas Fähigkeit, die wachsenden Probleme in seinem Immobiliensektor oder die Auswirkungen des neuen Kalten Kriegs auf seine Exporte zu bewältigen – insbesondere, da die chinesische Regierung derzeit ihre Kontrolle über den Privatsektor verschärft.
Und die hohen Schulden in vielen Ländern des globalen Südens könnten sich bei einer globalen Konjunkturabkühlung als untragbar erweisen, insbesondere im Verbund mit hohen Zinssätzen und höheren Öl- und Nahrungsmittelpreisen.
Vor dem Flächenbrand in Gaza hatte ich eine weiche Landung in den USA erwartet, aber härtere Zeiten für die übrige Welt. Jetzt rechne ich überall mit Schwierigkeiten und sehe eine erhöhte Chance, dass Trump ins Weiße Haus zurückkehrt. Die Welt könnte in ihre gefährlichste Periode seit den 1930er-Jahren eintreten.
Der Autor: Joseph Stiglitz ist Wirtschaftsnobelpreisträger und Professor an der Columbia University in New York.