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Gastkommentar Europa hat seine Deutungshoheit verloren

Die dominierende Sprache der EU ist und bleibt Englisch. Allein damit hat die Union viel Kontrolle verloren. Es ist an Zeit, das Narrativ zu ändern, meint Wolfgang Münchau.
02.04.2021 - 12:56 Uhr 2 Kommentare
Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com. Quelle: Klawe Rzeczy
Der Autor

Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Zum ersten Mal hörte ich das Wort „euroskeptisch“ in den späten 80er-Jahren. Damals habe ich in der Redaktion der britischen „Times“ in London gearbeitet. Der Begriff tauchte in den Tagen der Konfrontation zwischen Margaret Thatcher und ihrem Finanzminister Nigel Lawson über die Mitgliedschaft im Europäischen Währungssystem auf. Zu meiner tiefen Erschütterung sagte drei Jahre später ein Freund von mir beiläufig: Die Euroskeptiker gewinnen.

Irgendwann dazwischen hat ein junger, aufstrebender Star unter meinen Kollegen eine Rezension eines französischen Films verfasst. Er verabscheute ihn. Da habe ich zum ersten Mal das Wort „Eurotrash“ gelesen. Der Begriff „Eurokrat“ war bereits viele Jahre zuvor erfunden worden. Interessanterweise bezeichnen viele britische Zeitungen, egal ob EU-freundlich oder -kritisch, die Europäische Union als einen „Block“, so wie früher Teile der Sowjetunion als Ostblock verschrien wurden.

Aus Worten entstehen Geschichten. Und Geschichten lassen Narrative entstehen – also Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen. Die Euroskeptiker kontrollierten das Narrativ durch die Medien, auf die sich die EU irrigerweise einfach verlassen hat.

Französisch war die Lingua franca der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, als sie nur sechs Mitglieder hatte. Aber je größer die EU wurde, desto mehr wurde Englisch gesprochen. Der Euroskeptizismus wurde zu ihrem vorherrschenden Dialekt.

Diverse Versuche, einen gemeinsamen mehrsprachigen Medienraum zu schaffen, sind gescheitert. Ich war einmal an einem deutsch-britischen Zeitungsprojekt beteiligt. Es scheiterte aus genau demselben Grund, aus dem die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU scheiterte. Echte Integration – das war nicht das, was das Vereinigte Königreich wollte.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die EU letztendlich ihren eigenen Medienraum schaffen muss und sich ihre Worte und Narrative nicht von Außenstehenden aufzwingen lassen darf. Das Vereinigte Königreich ist nicht mehr in der EU. Britische Journalisten sind jetzt Auslandskorrespondenten.

Britische Medien sollten keine Marschrichtung vorgeben

Und doch ist Englisch immer noch die gemeinsame Sprache. Aber so wie London nach dem Brexit nicht das wichtigste Finanzzentrum der EU bleiben kann, kann sich die EU nicht ewig auf das Vereinigte Königreich als passenden Ort für die wichtigsten Medien verlassen.

Die britischen Medien sind immer noch genauso besessen von Europa wie zur Hochphase der Brexit-Debatten. Die eurokritischen Boulevardzeitungen prophezeien immer noch fast täglich den baldigen Untergang der EU. Bei den etwas ernsthafteren Leserreaktionen bemerke ich ein Interesse an der Zukunft Europas.

Die geäußerten Ansichten sind überwiegend negativ. In den europäischen Medien wird dagegen kaum diskutiert. Ich glaube nicht, dass es im Interesse der EU ist, dass Großbritannien in dieser Frage die Marschrichtung vorgibt. Denn die führt vorhersehbar in eine euroskeptische Richtung.

Die EU muss ihren eigenen Medienraum schaffen und darf sich ihre Narrative nicht von Großbritannien aufzwingen lassen.
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Die EU muss ihren eigenen Medienraum schaffen und darf sich ihre Narrative nicht von Großbritannien aufzwingen lassen.

Ich sehe drei Trends, die es der EU leichter machen werden, sich von den britischen und amerikanischen Medien zu entwöhnen.

Der erste ist der Aufstieg der sozialen Netzwerke. Twitter ist kein Medienunternehmen, aber es fordert das Netzwerk-Oligopol der Zeitungen heraus, indem es einen alternativen Zugang zu Nachrichten und Kommentaren bietet. Europäische Debatten auf Twitter werden immer noch stark von britischen und US-amerikanischen Journalisten und Think-Tankern dominiert. Aber es gibt viel mehr Europäer als noch vor fünf Jahren.

Die Diskussionen finden oft auf Englisch statt – aber zumindest werden sie nicht von englischsprachigen Redakteuren moderiert oder zensiert. Für Normalsterbliche ist es schwierig, einen Brief oder Artikel in einer englischsprachigen Zeitung zu veröffentlichen. Es ist einfacher, die Aufmerksamkeit der größeren Twitter-Gemeinschaft zu erregen. Twitter ist ein demokratischerer Marktplatz für Ideen.

Die zweite Entwicklung, die weiter entfernt ist, ist die verbesserte Nutzbarkeit von Übersetzungssoftware, um Englisch als kleinsten gemeinsamen Nenner in der schriftlichen Kommunikation zu umgehen. Als wir 2007 mit Eurointelligence begannen, war die einzige halbwegs anständige Übersetzungssoftware, die verfügbar war, eine algorithmische. Diese Pakete waren kaum brauchbar und produzierten oft absurde Übersetzungen.

Gemeinsamer Medienraum muss von unten nach oben aufgebaut werden

Mein Lieblingsbeispiel ist die Übersetzung des Namens eines spanischen Zentralbankers, Jose Luis Malo De Molina. Unsere Software übersetzte seinen Namen mit „der Böse“. Schlimmer noch, die Übersetzungen aus mehreren europäischen Sprachen waren Kauderwelsch.

Mit dem Aufkommen der statistischen Übersetzung war es möglich, einen finnischen Artikel ins Spanische zu übersetzen und den Kern des Artikels zu verstehen. Das ist zwar immer noch keine angenehme Lektüre, aber zumindest gut genug für viele professionelle Zwecke.

Es mag zu früh sein, um Medienunternehmen auf der Basis von Übersetzungstechnologie aufzubauen, aber es macht einen Unterschied, dass es eine solche Technologie gibt und dass sie sich ständig verbessert.

Und schließlich sollte man sich darüber im Klaren sein, dass ein gemeinsamer Medienraum von unten nach oben aufgebaut werden muss, nicht von oben nach unten. Euronews war ein Beispiel für den Top-Down-Ansatz. Arte, der deutsch-französische Kulturkanal, ist ein Beispiel für Letzteres. Arte ist zweifellos Elitefernsehen, aber das sind englischsprachige Zeitungen aus der Perspektive eines kontinentaleuropäischen Lesers auch.

Ich verstehe die Gründe, warum sich die EU-Institutionen auf eine kleine Anzahl englischsprachiger Medien verlassen haben, als Großbritannien noch Mitglied war. Ich war selbst viele Jahre lang ein Teil davon. Jetzt, da das Vereinigte Königreich ausgetreten ist, ist es an der Zeit, auch über die Kommunikation nachzudenken, über die Kanäle, durch die sie fließt, und über die Werkzeuge und Technologien, die benötigt werden, damit sie im besten Interesse der EU funktioniert.

Und denken Sie daran, wie es zum Brexit kam. Es begann mit Worten und Geschichten. Die EU braucht ihre eigenen.

Der Autor ist Direktor von eurointelligence.com.

Mehr: Die EU ist überlastet – und das hat gravierende Folgen.

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2 Kommentare zu "Gastkommentar: Europa hat seine Deutungshoheit verloren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wer ist Herr Münchau? Derjenige Journalist, der die Finacial Times Deutschland mit herausgegeben hat , die dann wegen Erfolglosigkeit -vor dem Brexit - eingestellt wurde?´
    Der Autor kommt mir vor wie eine beleidigte Leberwurst, die ihr journalistische Scheitern mit UK-Bashing übertünchen will.

  • Da gibt es eine Sprache, mit der man praktisch in der ganzen Welt zurechtkommt und diese soll dann womöglich durch deutsches Neusprech ersetzt werden? Ich kommentiere das nicht weiter, sonst wird es u.U. gelöscht.

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