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Gastkommentar – Global ChallengesOrdnung statt Chaos im Weltall: Wir müssen den Sprung von der globalen zur galaktischen Gesellschaft wagen

Wir brauchen einen umfassenden Weltraumvertrag für das 21. Jahrhundert. Die EU sollte wie beim Klimaschutz zum Motor dieser Entwicklung werden, meint Günther H. Oettinger. 02.03.2023 - 11:50 Uhr Artikel anhören

Günter H. Oettinger ist Präsident von United Europa e.V. Er war Ministerpräsident von Baden-Württemberg und EU-Kommissar.

Foto: Imago, obs

Die Münchner Sicherheitskonferenz wurde von den Krisen unserer Zeit bestimmt: Russlands Überfall auf die Ukraine, Chinas Drohungen gegen Taiwan, Iran auf dem Weg zur Atombombe, Hungersnöte und Bürgerkriege in verschiedenen Weltregionen. Selten gab es zeitgleich derart viele gravierende Herausforderungen.

Bleibt da noch Zeit für einen Perspektivwechsel von der Erde in den Himmel? Macht es angesichts der Tatsache, dass auf unserem Planeten ein Kampf der Systeme tobt, überhaupt Sinn, in eine andere Dimension einzutauchen? Kann ein gemeinsames Verständnis entwickelt werden für eine Ordnung, die immer wichtiger wird – die Ordnung des Weltalls?

Deren rechtlicher Rahmen ist inzwischen weit hinter den technologischen Entwicklungen zurückgeblieben. Das bis heute grundlegende Vertragswerk, der Weltraumvertrag (WVR), stammt aus dem Jahr 1967.

Hinzu kommen das Atomteststoppabkommen von 1963, weitere Verträge und einige Uno-Resolutionen. Eine Ratifizierung und Unterzeichnung durch die Nationalstaaten steht in zahlreichen Fällen aus.

Vor knapp zwei Jahren zählte die Europäische Raumfahrt-Agentur (Esa) schon gut 6350 Satelliten im Orbit, die Hälfte funktionierte noch, der Rest ist potenzieller Schrott. Und der Raumfahrt-Boom hat gerade erst begonnen. Die Kosten für Aktivitäten im Weltraum sinken, gleichzeitig steigt die Zahl der Staaten, die sich in der Raumfahrt engagieren. Darüber hinaus machen Unternehmen aus der Nutzung des Weltalls ein Geschäftsmodell.

Starlink, Weltraum-Bahnhof und Lastenaufzug ins All

Es geht darum, ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschheit aufzuschlagen – wobei die Eroberung des Weltraums neben Chancen auch Gefahren mit sich bringt.

Im Spiel sind politisches Machtstreben und wirtschaftliche Interessen etwa des Unternehmens SpaceX von Elon Musk. Gerungen wird um Rohstoffe auf fernen Planeten, offene Haftungs- und Sicherheitsfragen müssen beantwortet werden.

Um das Internet in Breitbandqualität selbst in den hintersten Winkel der Erde zu bringen, arbeitet Musk mit dem Projekt Starlink am größten Satelliten-Netzwerk der Welt. Von ihm sind bereits 2000 Satelliten im Orbit, 12.000 weitere hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa bewilligt.

Die Europäische Union will in Schweden ihren eigenen Weltraumbahnhof in Betrieb nehmen. Japan baut einen „Lastenaufzug“ fürs All, mit dem wie am Fließband Satelliten und Bauteile für Weltraumplattformen in den Orbit befördert werden sollen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) planen ein Raumfahrtzentrum in Dubai, um beim satellitengestützten, autonomen Fahren mitverdienen zu können. Offen erklären die VAE außerdem: Wer in der Lage ist, Autos zentimetergenau einzuparken, kann ebenso präzise Drohnen ins Ziel lenken.

Auch Saudi-Arabiens Kronprinz Salman baut mit seinen Petrodollars an einem eigenen Raumfahrtzentrum. Nach dem absehbaren Ende des fossilen Zeitalters will Riad beim Rennen um Rohstoffressourcen auf fernen Planeten mitmischen – und das Geschäft nicht den USA, Russland oder China überlassen.

Besitzverhältnisse im Weltraum noch ungeklärt

Aber wem gehören das All, seine Ressourcen und technischen Möglichkeiten eigentlich? Grundsätzlich jedem Land. Das besagt der Weltraumvertrag, auf den sich 1967 unter Federführung der Uno die damaligen Supermächte USA und Sowjetunion geeinigt haben.

Beide mussten damals noch damit rechnen, dass der jeweils andere als Erster auf dem Mond landen und den Himmelskörper für sein Land in Besitz nehmen würde – wie Jahrhunderte zuvor auf der Erde Christoph Columbus, der Entdecker Amerikas.

Der WVR erklärte den Weltraum praktisch zur entmilitarisierten Zone, in der auch keine Atomwaffen stationiert werden dürfen. Vorbild war der Vertrag über das Verbot von Atomtests unter Wasser, in der Atmosphäre und im Weltraum, den die USA, die Sowjetunion und Großbritannien bei den Vereinten Nationen eingebracht hatten.

Angesichts der technologischen Entwicklung weist der WVR inzwischen dramatische Lücken auf. So dachte, als der Vertrag beschlossen wurde, noch niemand über Weltraumschrott nach. Der sowjetische Satellit Sputnik, der 1957 die Welt in Aufruhr versetzt hatte, war nach drei Monaten wieder in der Erdatmosphäre verglüht. Internet und Digitalisierung gab es nicht. Dass Satelliten geschützt sein müssten, weil ihr Ausfall digitalisierte Wirtschaften in Turbulenzen stürzen würde, konnte 1967 niemand ahnen.

Während Tech-Giganten und die großen Raumfahrtnationen sich längst auf den Weg zu fernen Planeten begeben, hat die internationale Staatengemeinschaft sich bislang kaum Gedanken gemacht, wem die Rohstoffe dort gehören.

Dem, der als Erster da ist? Oder sind die Ressourcen gerechter zu verteilen? Einen Rechtsrahmen kann nur die Uno beschließen.

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Wir brauchen einen neuen, umfassenden Weltraumvertrag für das 21. Jahrhundert. Die EU sollte wie beim Klimaschutz zum Motor dieser Entwicklung werden. Gerade in Kriegszeiten auf Erden hofft man zumindest im Weltall auf Frieden.

Der Autor: Günter H. Oettinger ist Präsident von United Europa e.V. Er war Ministerpräsident von Baden-Württemberg und EU-Kommissar.

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