Gastkommentar: Hört auf, den Niedergang zu verwalten – rettet den Wohlstand!
Am Donnerstag trifft sich die Bundesregierung mit Vertreterinnen und Vertretern der Länder und der Stahlindustrie auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin. Arbeitgeber und Arbeitnehmer unserer Branche treten dort geeint auf. Denn dieser Gipfel ist ein Lackmustest: Hat Deutschland die Kraft, seine industrielle Basis zu sichern?
Die deutsche Industrie steht unter existenziellem Druck. Unfaire Handelspraktiken außerhalb Europas und immer noch zu hohe, international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise gefährden den Standort. Monat für Monat gehen zehntausende Industriearbeitsplätze verloren.
Diese schleichende Deindustrialisierung raubt Menschen Perspektiven – und untergräbt das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Deutschland steht vor einer Richtungsentscheidung: Wollen wir Industrie gestalten – oder ihren Niedergang verwalten?
Stahl ist Kern industrieller Wertschöpfung: im Maschinenbau, in der Automobilproduktion, in der Energieinfrastruktur, im Bauwesen und in der Verteidigung. Mit 37 Millionen Tonnen Jahresproduktion ist Deutschland größter Stahlproduzent Europas – und damit ein Fundament der industriellen Stärke des Kontinents. Unsere Zukunftsinvestitionen sind der Schlüssel zur wettbewerbsfähigen Dekarbonisierung fast der gesamten deutschen Wirtschaft.
Wir investieren – jetzt muss die Politik liefern
Die Dekarbonisierung der Stahlindustrie ist deshalb weit mehr als Klimaschutz. Der Umbau zur Klimaneutralität stärkt auch die Unabhängigkeit unserer Volkswirtschaft. Die Unternehmen haben längst begonnen, Verantwortung zu übernehmen: Milliardeninvestitionen fließen in Direktreduktionsanlagen, Elektrifizierung und CO₂-arme Produktionsverfahren.
Doch diese Zukunftsinvestitionen brauchen Planungssicherheit. Wer Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität will, muss Rahmenbedingungen schaffen, die Investitionen ermöglichen – wirtschaftlich und wettbewerblich. Der heutige Gipfel muss deshalb eine industriepolitische Richtungsentscheidung einleiten: konkret, verbindlich und messbar.
Drei Prioritäten für eine starke Industrie
Erstens: Faire Wettbewerbsbedingungen schaffen
Dumpingimporte aus Regionen mit massiven Überkapazitäten bedrohen die europäische Stahlproduktion. Deutschland muss sich in Brüssel klar für einen wirksamen Handelsschutz einsetzen. Die EU-Kommission hat ausgewogene Vorschläge vorgelegt – sie verdienen Unterstützung, kein Zögern.
Zudem muss der CO₂-Grenzausgleich (CBAM) so ausgestaltet werden, dass Wettbewerbsnachteile effektiv verhindert werden. Wenn das nicht gelingt, braucht es eine Verlängerung der freien Zuteilung von Emissionsrechten. Ohne fairen Wettbewerb ist keine Transformation möglich.
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Zweitens: Energiepreise senken
Stahl- und andere energieintensive Produktionen sind in Deutschland nur zukunftsfähig, wenn Energie bezahlbar bleibt. Der Standort ist derzeit schlicht nicht wettbewerbsfähig. Wir brauchen dauerhaft niedrigere Netzentgelte, eine verlässliche Strompreiskompensation und mittelfristig einen Industriestrompreis, der Investitionen ermöglicht.
Das gilt auch für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Grüner Wasserstoff ist Schlüssel für klimaneutralen Stahl – aber nur, wenn er verfügbar und bezahlbar ist. Der Aufbau des Wasserstoffkernnetzes, eine europäische Infrastruktur sowie die anfängliche Absicherung von Preis- und Investitionsrisiken müssen jetzt entschlossen umgesetzt werden.
Drittens: Nachfrage ankurbeln
Die öffentliche Hand hat mit einem Anteil von 15 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ein starkes Steuerungsinstrument. Ihre Vergabeentscheidungen können strategische Unabhängigkeit sichern und die heimische Wertschöpfung stärken.
Die anstehende Novelle des Vergaberechts bietet die Chance, Nachhaltigkeit und europäische Präferenz als Wettbewerbsfaktoren zu verankern. Auch sollte es wirtschaftliche Anreize geben, wenn CO₂-reduzierte Materialien eingesetzt werden – etwa bei Flottengrenzwerten oder in Lieferkettenstandards.
Strategische Industriepolitik ist Standort- und Sicherheitspolitik
Eine starke Stahlindustrie ist Voraussetzung für Wohlstand, technologische Unabhängigkeit und Resilienz. Wer industrielle Wertschöpfung abwandern lässt und Wertschöpfungsketten zerreißt, verliert nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch politische Gestaltungskraft – innen wie außen.
Deshalb braucht Deutschland jetzt eine Industriepolitik mit klaren Zielen, mutigen Entscheidungen und einem realistischen Verständnis internationaler Wettbewerbsbedingungen.
Die Stahlindustrie ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Doch sie kann den Weg nicht allein gehen.
Der Stahlgipfel heute ist die Gelegenheit, gemeinsam zu beweisen, dass Deutschland Industrie nicht nur als Teil seiner Geschichte begreift – sondern als entscheidenden Teil seiner Zukunft.
Die Autoren:
Gunnar Groebler ist Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.
Kerstin Maria Rippel ist Hauptgeschäftsführerin des Verbands.