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GastkommentarWas passieren muss, damit Stahl bei uns eine Zukunft hat

In Deutschland wird künftig weniger Stahl produziert. Das sollte der Beginn einer grüneren Industrie mit mehr Wertschöpfung sein, fordert Swiss-Steel-CEO Frank Koch. 05.11.2025 - 03:44 Uhr Artikel anhören
Frank Koch ist CEO der Swiss Steel Group. Foto: dpa, Marc-Steffen Unger [M]

„Lieber die unbequeme Wahrheit als eine barmherzige Lüge“, ist ein gern zitierter Satz. Mit Blick auf die deutsche Stahlindustrie lautet die unbequeme Wahrheit: Unsere Branche steckt in einer existenziellen Krise.

Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir glauben, der Stahlstandort Deutschland kann in seiner jetzigen Größe erhalten werden. Fakt ist: Deutschland wird in Zukunft weniger Stahl produzieren. Das ist nicht – jedenfalls nicht in erster Linie – die Schuld der deutschen Stahlindustrie.

Dem Herzstück der deutschen Industrie droht der Infarkt durch verschiedene Faktoren. Strom in Deutschland kostet mehr als doppelt so viel wie in Frankreich oder den USA. Erdgas ist hier fünfmal teurer als dort.

Gleichzeitig drücken weltweite Überkapazitäten von über 600 Millionen Tonnen pro Jahr in den Markt. Die US-Zölle schwächen die deutschen Exporte und lenken asiatische Stahlströme nach Europa. Jede dritte in Europa verarbeitete Tonne Stahl kommt von außen, häufig zu Dumpingpreisen.

Gleichzeitig schwächelt die heimische Nachfrage und Industrieproduktion – von der Bauindustrie über Windkraftanlagen bis zum Maschinenbau und zur Autoindustrie. Das Ergebnis für die Stahlindustrie ist bitter: Stellenabbau, Abwanderung von Investitionen, Werksschließungen, schwindende Krisenfestigkeit durch heimische Produktion.

Wettbewerbsvorteil grüner Stahl

Dabei wird unser hochwertiger Stahl dringend gebraucht. Stahl aus Deutschland war nie Masse, sondern immer Klasse. Die hohe Produkt- und Fertigungsqualität zeigt sich insbesondere bei hochfesten Stählen, nichtrostenden Edelstählen und Werkzeugstählen. Rund 17 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung und fünf Millionen Jobs hängen direkt oder indirekt von Stahl ab.

Der geplante Stahlgipfel ist jetzt ein wichtiger und richtiger Schritt. Aber er wird nur helfen, wenn Branche, Politik und verarbeitende Industrien die Lage schonungslos bewerten und notwendige Schritte aus der Krise heraus vereinbaren.

Die bittere Wahrheit ist: Die produzierten Stahlmengen in Deutschland werden wegen der schwachen Nachfrage und des Importdrucks sinken, und zwar deutlich unter die 2024 produzierten 37,2 Millionen Tonnen. Die aktuelle Entwicklung ist kein kurzfristiger Einbruch, sondern Ausdruck eines tieferen Wandels. In der Autoindustrie etwa werden neue Fahrzeugmodelle weniger klassischen Stahl benötigen.

Zugleich verschiebt sich die globale Nachfrage in Wachstumsregionen wie Indien und Südostasien. Und bis 2027 könnten die weltweiten Überkapazitäten auf 721 Millionen Tonnen ansteigen.

Die deutsche Stahlindustrie bleibt dementsprechend nur dann wettbewerbsfähig, wenn wir stärker auf Effizienz, Nachhaltigkeit und Spezialisierung setzen. Deshalb müssen wir – Branche und Politik – entscheiden, welchen Stahl wir künftig produzieren wollen, nach vorherrschender Ansicht am besten grün.

Stahl aus Schrott emittiert deutlich weniger CO2

Die Umstellung der Hochöfen auf wasserstoffbasierte Direktreduktions-Anlagen stockt, erste Konzerne haben angebotene Milliardensubventionen gerade zurückgewiesen oder infrage gestellt, weil man von der notwendigen Wettbewerbsfähigkeit unter den gegebenen Rahmenbedingungen in Europa nicht überzeugt ist.

Die Elektrostahlroute, bei der Stahl aus Schrott hergestellt wird, wird unterdessen wichtiger. Derzeit werden pro Jahr in Deutschland bereits 13 Millionen Tonnen recycelter Stahl produziert, und der ist schon jetzt deutlich grüner: Er emittiert 70 bis 90 Prozent weniger CO2 als die klassische Hochofenroute.

Vor uns liegen harte, aber unausweichliche Diskussionen und Entscheidungen. Unsere Branche muss sich dieser Diskussion stellen. Wir sollten unsere Zukunft und Ausrichtung selbst in die Hand nehmen, statt uns geopolitischen Zwängen unterzuordnen.

Aber dieser Weg braucht zur Begleitung klare Weichenstellungen und verlässliche Rahmenbedingungen der Politik. Wenn Unternehmen investieren sollen, müssen die Energiekosten auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau sinken.

Gleichzeitig braucht es einen wirksamen Handelsschutz und Leitmärkte für CO₂-reduzierte Grundstoffe nach Standards, die wir selbst messbar setzen. Die neuen Pläne der EU-Kommission gehen hier in die richtige Richtung.

Die Zukunft des Stahls entscheidet wesentlich über die Zukunft der Industrie und damit unseres Wohlstands in Europa. Wir dürfen uns nicht länger der Illusion hingeben, dass alles bleibt, wie es war. Deutschland wird weniger Stahl produzieren. Aber das muss nicht das Ende, sondern sollte der Beginn einer sich neu formierenden Industrie sein.

Wenn wir jetzt richtig handeln, die Rahmenbedingungen stimmen und es uns gelingt, quer durch industrielle Branchen Lösungen für eine höhere Wertschöpfung zu finden, kann unsere Branche sogar gestärkt aus diesen multiplen Krisen herauskommen.

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Der Autor:

Frank Koch ist CEO der Swiss Steel Group.

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