Gastkommentar: Merkel demontiert mit den Memoiren ihr Bild in der Geschichte
Das Genre politischer Memoiren gibt es seit fast 500 Jahren. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Politiker mit solchen Texten die Geschichtsschreibung prägen konnten.
Winston Churchill gelang dies noch mit seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs, weil ihm Informationen zur Verfügung standen, die der Wissenschaft lange nicht zugänglich wurden. Henry Kissinger versuchte mit zweitausend Seiten Memoiren, sein Bild in der Geschichte des Vietnamkriegs zu steuern. Das gelang nur kurz, die inneramerikanische Debatte um seine Täuschungsmanöver ließ sich nicht unterdrücken.
Seither ist der Instrumentenkasten zur Analyse solcher Erinnerungskonstruktionen stetig gewachsen. Wer heute politische Memoiren schreibt, wie Angela Merkel sie nun veröffentlicht hat, kann wissen, dass der Text in mehreren Perspektiven gelesen wird: als Darstellung der Vergangenheit, wie die Autorin sie gern gesehen wissen möchte; als Ausweis des Nachdenkens über das eigene Handeln im Lichte späterer Entwicklungen und bekannt gewordener Quellen; als Indikator für die Fähigkeit zur intellektuellen Selbstdistanz nach der Zeit im Amt.
Wenn eine Autorin diese Reflexionsvielfalt ernst nimmt, kann sie das Verständnis für ihre Sicht der Vergangenheit fördern. Noch wichtiger: Sie kann ihr historisches Bild durch Zeichen der Nachdenklichkeit in der Gegenwart verankern.
Lesen wir nun die Passagen in Merkels Erinnerungsbuch zur Kernfrage internationaler Politik, zu Krieg und Frieden, zentral also zu Russland und Wladimir Putin: Darin scheint ihr dieser historisch-reflexive Blick gleichermaßen fremd wie gleichgültig.
Wenn Politik mit dem Betrachten der Realität beginnt, wie Merkel selbst betont, dann will sie die historische Realität Putins im vergangenen Vierteljahrhundert – trotz vieler gegenteiliger Formulierungen in ihrem eigenen Text – offensichtlich bis heute nicht aufnehmen.
Verblüffend ist, dass Merkel diesen Zwiespalt selbst präsentiert: Sie schildert einen lügenden Autokraten im Kreml, der die Niederlage der Sowjetunion im Kalten Krieg nicht auf seine Ursachen analysiert, sondern in imperialer Aspiration ungeschehen machen möchte.
Sie beschreibt, wie Putin in Worten, in öffentlichen Reden und privaten Bemerkungen unter vier Augen, seine Weltsicht und seine Methoden klar zur Kenntnis gibt: den fordernden Willen zur Wiederherstellung einer Weltmachtposition.
Merkel schildert in ihren Memoiren viele der diplomatischen Register, mit denen Putin dies in seinem Verhalten unterstreicht. Nur einige Beispiele: Putin ließ die anderen Regierungschefs 2007 in Heiligendamm eine Dreiviertelstunde warten. Die darin sichtbare Machttechnik spricht Merkel nicht an.
Sie schildert, dass Putin um ihre Angst vor Hunden wusste. Über ihren außen- und sicherheitspolitischen Berater Christoph Heusgen habe sie die Bitte kommuniziert, dass Putin das beachte. Der reagierte – und schenkte ihr 2006 in Moskau einen Stoffhund mit dem Hinweis, der beiße nicht. 2007 in Sotschi ließ er seinen Labrador auf Merkel vor laufenden Kameras los.
Privat mag man dies als Kleinigkeiten abtun. Aber Putins Verhalten ist Sprache, ist Text der Diplomatie. Der gelesen und ernst genommen werden will. Es blieb ja nicht bei Gesten. Im Februar 2014 belog Putin Merkel direkt über seine Soldaten auf der Krim. Hier ging es schon real um Krieg und Frieden, nicht mehr nur um Symbolik.
Merkel zeigt, wie Putin Jahr für Jahr aggressivere Machtprojektion übt. Einfachste Methoden des Machtwettbewerbs zwischen Großmächten und politischen Systemen. Merkel sah und tolerierte, Putin verstand und eskalierte.
Putin als heimischer Parteikonkurrent, den man aussitzen kann
Das im Jahr 2024 zu lesen und nicht in seiner Entwicklung und Bedeutung analysiert zu finden, macht ein Stück weit fassungslos. Wie lange hätten Konrad Adenauer, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl sich dergleichen gefallen lassen ohne Signale derselben Güte?
Sie hätten die Aggression sehr wahrscheinlich zurückgegeben – auch mit militärischer Implikation im Nato-Verbund – und ein paar Prozent obendrauf gelegt, damit die Gegenbotschaft im Kreml auch wirklich verstanden wird.
Verblüffend ist nicht nur, dass Merkel zeitgenössisch nicht zu einer reziproken Antwort fand. Sie analysiert auch heute kaum den testenden Aggressor mit seinen kalkulierten Projektionen eines autoritär-kriegerischen Expansionisten im Verhältnis zu ihrem eigenen Regierungshandeln. Sie beschreibt dies in einem Stil, als ähnele Putins Russland dem Verhalten eines heimischen Parteikonkurrenten, den man irgendwie aussitzen kann.
Merkels zeitgenössische Wirkungen sind von vielen Menschen in Wahlerfolgen gewürdigt worden. Vier Bundestagswahlen zu gewinnen, ist eine historische Leistung. Für die Außenpolitik ihrer Einflusszeit liefert Merkel nun allerdings selbst den Stoff einer historischen Dekonstruktion, die, je länger der Rückblick, desto sichtbarer werden dürfte.
Der Autor:
Magnus Brechtken ist stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte.