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GastkommentarMerz hat die Erwartungen der Deutschen bislang nicht erfüllt

2026 wird kein Jahr des Durchbruchs. Entscheidend ist deshalb, dass Politik und Wirtschaft durch Verlässlichkeit wieder neues Vertrauen schaffen, meint Civey-Chefin Janina Mütze. 04.01.2026 - 13:51 Uhr Artikel anhören
Janina Mütze nimmt Stellung zur aktuellen Lage in Deutschland. Foto: Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa, Civey/Rica Rosa [M]

Der Ton aus der Wirtschaft ist rauer geworden. Zuletzt sprach BDI-Chef Peter Leibinger von „maßloser Enttäuschung“. Er reklamiert damit für sich, die Stimmung von Unternehmerinnen und Unternehmern gegenüber der Bundesregierung zu beschreiben – und trifft zweifellos einen Nerv.

Unsicherheit und Wut sind auch die Begriffe, mit denen die Bevölkerung in unseren Studien ihre aktuelle Gefühlslage am häufigsten beschreibt. Das Stimmungstief ist real und reicht weit über einzelne Branchen hinaus.

Die Hoffnung, dass nach drei Jahren Ampelregierung ein politischer Neuanfang gelingen könnte, ist im vergangenen Jahr schnell verblasst. Heute geben knapp 70 Prozent der Bevölkerung in einer von Civey exklusiv für das Handelsblatt durchgeführten Umfrage an, dass Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner bisherigen Arbeit ihre Erwartungen nicht erfüllt habe. Bemerkenswert ist dabei: Selbst unter den Unionsanhängern teilt ein signifikanter Anteil diese Einschätzung.

Parallel dazu verfestigt sich der Eindruck einer wachsenden Entfremdung zwischen Politik und Wirtschaft. Sichtbar wurde das zuletzt auf dem Arbeitgebertag, als die Ausführungen von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas aus dem Publikum mit Gelächter quittiert wurden. Ein Ausdruck mangelnder Höflichkeit – sicherlich.

Die Szene lässt sich jedoch auch anders lesen: als Ausdruck eines wachsenden Ohnmachtsgefühls. Viele Unternehmer bezweifeln, dass der Ernst der wirtschaftlichen Lage in der Politik ausreichend verstanden wird. Wo dieses Gefühl überwiegt, wächst die Skepsis, ob unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch eine Kehrtwende gelingen kann.

Merz muss 2026 spürbare Fortschritte erzielen

Die Schärfe öffentlicher Kritik ist nachvollziehbar. Problematisch wird sie jedoch, wenn Enttäuschung den Normalzustand beschreibt und Frust in zunehmende Entfremdung umschlägt.

Dass sich die Unzufriedenheit weiterhin zugunsten der AfD auswirkt, während andere Oppositionsparteien kaum profitieren, fügt sich in dieses Bild. Daran ändert auch ein Blick auf eine Partei außerhalb des Bundestags nur wenig: Zwar sagen 32 Prozent der Befragten, die FDP im Bundestag zu vermissen. Und über 40 Prozent geben an, eine an Bürgerrechten, an Marktwirtschaft oder an Haushaltsdisziplin orientierte Politik zu vermissen.

Dennoch bleibt der Weg zurück schwierig. Ohne parlamentarischen Einfluss und bei noch nicht zurückgewonnenem Vertrauen lässt sich diese Zustimmung nicht so leicht in politische Wirkung übersetzen.

Deutschland

„Viele Menschen erleben eine Bedrohung ihres Wohlstands – bis in die gehobene Mittelschicht“

Für den Kanzler wird es im kommenden Jahr darauf ankommen, innenpolitisch spürbare Fortschritte zu erzielen. Als Gründe für die Enttäuschung nennen die Deutschen vor allem seine starke Rücksicht auf den Koalitionspartner, fehlende Führungsstärke und zu wenig Mut zu unpopulären Entscheidungen.

Ob sich daran 2026 etwas ändert, ist offen. Fünf Landtagswahlen, drohende AfD-Erfolge in Ostdeutschland und innerparteiliche Konflikte erschweren die Regierungsarbeit.

Umso mehr wird sich zeigen müssen, ob die Regierung in der Lage ist, Prioritäten zu setzen – und diese auch durchzuhalten. Dabei gilt: „underpromise, overdeliver“.

Zuversicht entsteht durch glaubwürdige Fortschritte

Denn in Krisenphasen verschieben sich Bewertungsmaßstäbe: weg von schnellen Erfolgen, hin zu Verlässlichkeit, Orientierung und sichtbarer Verantwortungsübernahme. Typischerweise lassen sich in der Gesellschaft zwei Reaktionsmuster beobachten.

Ein Teil der Menschen zieht sich zurück und verliert Vertrauen. Ein anderer Teil bleibt reformbereit, reagiert jedoch sensibel auf Alarmismus und das permanente Wiederholen von Krisennarrativen. Für diesen Teil ist entscheidend, ob zentrale Akteure Stabilität ausstrahlen, ohne die Lage zu beschönigen.

Wenn 2026 kein Jahr des Durchbruchs wird, entscheidet sich Vertrauen nicht an großen Versprechen, sondern an der Art, wie Politik und Wirtschaft mit begrenzten Erwartungen umgehen. Führung zeigt sich dann darin, Prioritäten klar zu benennen, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und Verantwortung sichtbar zu übernehmen – auch unter schwierigen Bedingungen.

Dafür wird es nicht genügen, allein auf Kurskorrekturen der Politik zu warten. 2026 wird nicht nur ein Test für die politische Führung des Landes, sondern auch für die Haltung seiner wirtschaftlichen Akteure. Ob es gelingt, Vertrauen zurückzugewinnen, hängt davon ab, ob beide Seiten bereit sind, Verantwortung im eigenen Wirkungsbereich zu übernehmen, statt Enttäuschung weiter zu verstärken.

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Zuversicht entsteht in solchen Phasen nicht durch große Versprechen, sondern durch kleine, glaubwürdige Fortschritte. Sie wächst dort, wo  Akteure zeigen, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Erst wenn Stabilität als glaubwürdig erlebt wird, kann daraus wieder vorsichtige Zuversicht entstehen.

Die Autorin: Janina Mütze ist Gründerin und Geschäftsführerin des Marktforschungsunternehmens Civey.

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