Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Nachhaltigkeit wird Megathema der Finanzindustrie

Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden für die Akteure der Finanzwirtschaft immer wichtiger. Dieses komplexe Thema muss nun schnell angepackt werden.
01.03.2020 - 20:02 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Global Senior Advisor der internationalen Unternehmensberatung Oliver Wyman und war von 2010 bis 2018 im Vorstand der Deutschen Bundesbank.
Andreas Dombret

Der Autor ist Global Senior Advisor der internationalen Unternehmensberatung Oliver Wyman und war von 2010 bis 2018 im Vorstand der Deutschen Bundesbank.

Das letzte Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos ist lediglich das jüngste einer Reihe von Großereignissen der vergangenen 18 Monate, bei denen die Themen Nachhaltigkeit im Allgemeinen und Klimawandel im Besonderen weit oben auf der Agenda der Finanzwirtschaft gelandet sind.

Die Kombination aus den angekündigten ehrgeizigen Maßnahmen der EU-Kommission („Green Deal“), die zunehmende Beschäftigung von Aufsichtsbehörden mit diesem Thema, wiederholte Äußerungen von Zentralbankern wie Christine Lagarde und Jens Weidmann, die vermehrte Emission von Green Bonds und nicht zuletzt die zunehmende Nachfrage der Kundschaft nach nachhaltigen Finanzprodukten machen dieses Thema für Banken, Versicherer und Asset-Manager immer mehr zu einer unausweichlichen Priorität. An der großen Bedeutung dieses Themas kann also kein Zweifel bestehen.

Trotzdem fällt den meisten Beteiligten und Betroffenen die Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema aus verschiedenen Gründen mehr als schwer. 

Zunächst ist das Thema hochkomplex. Während es derzeit nur wenige harte rechtliche beziehungsweise regulatorische Vorgaben gibt, ist die Menge an möglichen Orientierungshilfen, die von Organisationen wie den Vereinten Nationen, Regierungen, staatlichen Stellen und verschiedenen Interessensgruppen veröffentlicht werden, nahezu unüberschaubar und nimmt darüber hinaus auch noch kontinuierlich zu.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zur Komplexität trägt auch bei, dass es derzeit weder eine einheitlich etablierte Taxonomie noch eine Marktpraxis bezüglich Messwerkzeugen beziehungsweise Maßstäben gibt, die verlässliche Aussagen darüber zulassen, wie nachhaltig bestimmte Aktivitäten zu bewerten sind. Vertrauen in Nachhaltigkeit lässt sich so nur bedingt schaffen.

    Darüber hinaus schwingen bei den Diskussionen um Nachhaltigkeit und Klimawandel oftmals auch persönliche Ansichten und Überzeugungen mit, die zu einer Emotionalisierung der Thematik führen und damit die Kommunikation beeinträchtigen. Und nicht zuletzt ist die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit gekennzeichnet durch Zielkonflikte sowohl zwischen einzelnen Inhalten – so bewerten Deutsche und Franzosen Atomstrom sehr unterschiedlich – als auch zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit: Zielkonflikte, die alles andere als einfach aufzulösen sind.

    Auch wenn die Finanzindustrie inzwischen längst akzeptiert hat, dass Untätigkeit keine Option ist, überrascht es vor dem geschilderten Hintergrund aber auch nicht, dass in vielen Finanzinstitutionen noch keine Klarheit darüber herrscht, wie mit dem Thema Nachhaltigkeit verfahren werden soll. Drei grundlegende Prinzipien können nach meiner Einschätzung die Arbeit und Diskussion leiten:

    1. Risiken kennen

    Zweifelsohne gibt es einen direkten Bezug zwischen den Risiken, die Finanzdienstleister als Teil ihres Geschäftsbetriebs eingehen, und den Themen der Nachhaltigkeit – allen voran muss hier als Thema der Klimawandel genannt werden.

    Waldbrände, Stürme und Überschwemmungen führen zum einen immer häufiger zu hohen Versicherungsschäden, zum anderen werden Produkte und Leistungen bestimmter Branchen vom Kunden nicht mehr akzeptiert, was die Geschäftsmodelle der betroffenen Unternehmen negativ beeinflusst. De facto werden alle Risikokategorien der Finanzdienstleistungsindustrie von veränderten Nachhaltigkeitsbedingungen direkt und indirekt beeinflusst.

    Die Auswirkungen können enorm sein, wie unter anderem eine von einer großen Unternehmensberatung durchgeführte Analyse mehrerer Szenarien des Klimawandels zeigt. In einer Simulation, bei der die Auswirkungen der Einführung einer CO2-Steuer auf verschiedene Kreditportfolios näher untersucht wurde, wurde dabei in einigen Wirtschaftszweigen eine nahezu verdreifachte Kreditausfallrate errechnet.

    Mittelfristig besteht darüber hinaus die Gefahr, dass sich die wachsende Besorgnis der Öffentlichkeit durch ruckartige politische Veränderungen entlädt, die eine tief greifende Neuordnung der Wirtschaft nach sich ziehen kann.

    Die Bandbreite der physischen und der transitorischen Risiken zu analysieren, zu verstehen und möglichst angemessen zu quantifizieren ist komplex und aufwendig. Jedoch kann es sich die Finanzindustrie beim besten Willen nicht leisten, diese Aufgabe nicht zeitnah anzugehen. Dann droht nämlich der Aufbau nicht bewerteter und im schlimmsten Fall nicht erkannter Risiken mit negativen Folgen für Stabilität und Gangbarkeit der Geschäftsmodelle der betroffenen Institute.

    Die Aufsicht hat weltweit bereits erkennen lassen, dass man nicht bereit ist, solch eine Nichtbeachtung dieser neuen Risiken zu tolerieren, und die Aktien- und Kreditanalysten in den Märkten haben ebenfalls ihr kritisches Augenmerk verstärkt auf dieses Thema gelenkt.

    2. Chancen nutzen

    Grundsätzlich ist es die Aufgabe der jeweiligen Geschäftsleitung, das eigene Unternehmen so zu positionieren, dass es zeitnah von neuen Geschäftsmöglichkeiten profitieren kann. Schon jetzt treibt die wachsende Besorgnis der Öffentlichkeit über Klimaveränderung die Nachfrage nach nachhaltigen Anlageprodukten in die Höhe.

    Es wird geschätzt, dass auf dem Markt für nachhaltige Finanzprodukte weltweit bereits ein Umsatz von mehr als 50 Milliarden Dollar erzielt wird und dass es sich um einen der am schnellsten wachsenden Bereiche der Finanzindustrie handelt. Insofern geht es beim Thema Nachhaltigkeit nicht zuletzt um einen hochattraktiven Marktbereich mit großem Chancenpotenzial.

    Es ist außerdem davon auszugehen, dass sich dieser Trend verstärkt und weitere Bereiche des Finanzwesens erfasst. So sind Green Bonds und grüne Pfandbriefe Beispiele für nachhaltige Finanzierungslösungen. Alles in allem kann gesichert davon ausgegangen werden, dass Kunden in Zukunft eine deutlich umfänglichere Beratung von ihren Finanzdienstleistern zum Thema Nachhaltigkeit erwarten.

    Wahrscheinlich wird in der kurzen Frist der Weg hin zu nachhaltigen Finanzprodukten zunächst über spezifische und eng abgegrenzte Aktivitäten führen, und man kann zu Recht davon ausgehen, dass Spezialisten und agile Institute zu den Gewinnern zählen werden.

    3. Dem Wandel dienen

    Dies alles dürfte jedoch nur der Anfang einer viel tiefgreifenderen Entwicklung sein. Nach Schätzungen der EU-Kommission besteht eine Investitionslücke von 180 Milliarden Euro pro Jahr zur Finanzierung des Übergangs hin zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft.

    Da diese Beträge in keinem Fall allein von der öffentlichen Hand bereitgestellt werden können, öffnet sich für Banken, Versicherungen und Asset-Manager eine attraktive Gelegenheit, sich als die natürlichen Intermediäre dieser riesigen Investitionssummen zu positionieren.

    Die damit verbundenen Herausforderungen sind jedoch erheblich, wie sich an folgendem Beispiel erkennen lässt: Wenn Banken den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft durch ihre Kreditvergabe beeinflussen wollen, müssen sie systematisch bewerten, welche Fortschritte ihre Kreditnehmer bei der Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle erzielen.

    Dies stellt die Kreditinstitute allerdings vor erhebliche Herausforderungen, da Daten für solch eine Beurteilung oft nicht vorhanden und die Fälle in der Realität weder „eindeutig grün“ noch „eindeutig braun“ sind, sondern häufig eine Mischform. Um in diesem Umfeld Transparenz zu schaffen, ist eine Offenlegung der Aktivitäten von Banken, die vergleichbar und aussagekräftig ist, von immenser Bedeutung.

    Schließlich hat auch die Politik zweifelsohne eine gewichtige Rolle in diesem Prozess zu spielen. Die derzeitigen Elemente des EU-Aktionsplans und insbesondere die Taxonomie sind eine wichtige Grundlage für verstärkte Investitionen in Nachhaltigkeit. Jedoch schaffen diese im Augenblick noch nicht hinreichend Anreize für Finanzdienstleister, sich als zentrale Kapital- und Liquiditätsdrehscheiben für die Umorientierung der Finanzströme auf nachhaltige Ziele zu positionieren.

    Es besteht also die Gefahr, dass die neuen Regeln eher als eine weitere Form der Regulierung bzw. Compliance wahrgenommen werden und nicht als Treiber für eine Ausrichtung auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Die historische Chance für eine neue Positionierung des Finanzsektors als wichtiger Unterstützer des Wandels hin zu mehr Nachhaltigkeit darf nicht ungenutzt verstreichen. Und wenn die Finanzindustrie den Prozess zu mehr Nachhaltigkeit unterstützt, wird die Welt wesentlich schneller CO2 -neutral.

    Mehr: Die Grünen stehen in Wahlen und in Umfragen gut da, doch in Wirtschaftsfragen treffen sie weiter auf Vorbehalte. Fraktionschef Hofreiter hält dagegen.

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Nachhaltigkeit wird Megathema der Finanzindustrie
    0 Kommentare zu "Gastkommentar: Nachhaltigkeit wird Megathema der Finanzindustrie"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%