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Gastkommentar Prämien für Whistleblower: Wer Missstände aufdeckt, sollte belohnt werden

Wegen des weitgehenden Versagens der Aufsichtsbehörden sollten Anreize geschaffen werden für Mitarbeiter, die Missstände aufdecken. Das nützt auch den Unternehmen.
27.12.2020 - 18:39 Uhr Kommentieren
Axel Wieandt ist Professor an der WHU Otto-Beisheim-School of Management, der Goethe Business School und der Kellogg Graduate School of Management.
Der Autor

Axel Wieandt ist Professor an der WHU Otto-Beisheim-School of Management, der Goethe Business School und der Kellogg Graduate School of Management.

Im Sommer hat der Zahlungsverkehrsspezialist und einstige Fintech-Überflieger Wirecard AG Insolvenz angemeldet. Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro hatten sich in Luft aufgelöst. Der Skandal um die Bilanzfälschung des Dax-Konzerns übertrifft alle bisherigen Skandale am deutschen Aktienmarkt.

Mittlerweile wird der früheren Konzernführung Betrug vorgeworfen. Auch der Aufsichtsrat und Akteure außerhalb des Unternehmens müssen sich unangenehmen Fragen stellen, darunter die Jahresabschlussprüfer, die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung e. V. (DPR), die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), die Politik sowie die finanzierenden Banken und prominente Fondsmanager.

Die Antwort der Bundesregierung ließ nicht lange auf sich warten. Bereits Ende Oktober legten Bundesjustiz- und -finanzministerium den Referentenentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) vor.

Ziel des Gesetzes ist, das Vertrauen in den deutschen Finanzmarkt zu stärken. Gelingen soll dies zum einen durch eine gesetzliche Pflicht zur Errichtung eines angemessenen und wirksamen internen Kontrollsystems (IKS), zum anderen durch ein entsprechendes Risikomanagementsystem (RMS) für börsennotierte Aktiengesellschaften.

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    Außerdem will der Gesetzgeber Unternehmen von öffentlichem Interesse dazu verpflichten, einen Prüfungsausschuss zu errichten. Der Entwurf sieht zudem vor, die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers zu stärken, aber auch seine Haftung zu verschärfen. Zu guter Letzt soll die Prüfungsbefugnis der Bafin ausgeweitet werden.

    Stärkere Zentralisierung der Finanzmarktaufsicht

    Auch auf europäischer Ebene werden Reformen angestoßen. Die European Securities Market Authority (ESMA) hat in ihrem Anfang November vorgelegten Fast Track Peer Review (FTPR) erhebliche Schwachstellen der zweistufigen Finanzaufsicht in Deutschland – DPR und Bafin – im Umgang mit Wirecard aufgedeckt.

    Im Europaparlament wird die Notwendigkeit für eine stärkere Zentralisierung der Finanzmarktaufsicht auf EU-Ebene diskutiert. Die EU-Kommission hatte angekündigt, noch vor Jahresende ein einheitliches Regelbuch für europäische Finanzmarktaufsicht einzuführen.

    Die nationalen und europäischen Reformbemühungen greifen aber noch zu kurz. Sie gehen an den Erkenntnissen der finanzwirtschaftlichen Forschung vorbei. Der Fokus liegt zu stark auf Regulierung, Aufsicht und Haftung.

    Luis Zingales von der University of Chicago und zwei weitere Kollegen legten bereits 2007 eine empirische Untersuchung von größeren Betrugsfällen in den USA im Zeitraum 1996 bis 2004 vor. Nur sechs Prozent aller Fälle wurden von der SEC, 14 Prozent von Wirtschaftsprüfern und 16 Prozent von sonstigen Behörden aufgedeckt.

    19 Prozent aller Fälle wurden von Mitarbeitern aufgedeckt, 14 Prozent von Journalisten, 14 Prozent von Finanzmarktanalysten, sechs Prozent von Leerverkäufern, drei Prozent von Aktionären und der Rest von Wettbewerbern und Klägern.

    Es wäre mithin falsch, sich im Kampf gegen Betrug nur auf Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfer zu verlassen. Bei Reformüberlegungen müssen auch die Marktakteure berücksichtigt werden – und ihre Anreize, Bilanzbetrug aufzudecken.

    Kaufmännische Zivilcourage fördern

    Es ist deshalb erforderlich, angemessene monetäre Anreize für die Weitergabe von Informationen über Bilanzbetrug dort zu stärken, wo sie entstehen. Das bedeutet bei Mitarbeitern, die Kenntnis von systematischer Falschbilanzierung erlangen.

    Konkret müssen wir nicht nur den Schutz von Hinweisgebern aus dem Unternehmen stärken. Wir müssen ihnen auch angemessene monetäre Anreize in Aussicht stellen, Bilanzfälschungen nicht nur anonym über die Presse öffentlich zu machen, sondern auch persönlich den zuständigen Prüfstellen und Behörden anzuzeigen.

    Es geht nicht um die Belohnung von Denunziantentum, sondern darum, kaufmännische Zivilcourage zu fördern – zum Wohle des Unternehmens und seiner Stakeholder. Je früher Betrug aufgedeckt wird, desto geringer ist meist der Schaden, und desto eher kann das betroffene Unternehmen erhalten werden. Eine Gesellschaft, die ehrlichen Findern einen Lohn für gefundene Brieftaschen zahlt, sollte auch dort großzügig sein, wo Finanzskandale mit großer Tragweite verhindert werden.

    Gute Beispiele gibt es in den USA: Der Federal Civil False Claims Act stellt Mitarbeitern in der Gesundheitsbranche 15 bis 25 Prozent des durch Abrechnungsbetrug entstehenden Schadens als Belohnung für sachdienliche Hinweise in Aussicht. Das Prinzip der Belohnung von Hinweisgebern geht auf den lateinischen Rechtsgrundsatz „Qui tam pro domino rege quam pre se ipso in hace parte sequitur“ zurück. Das bedeutet frei übersetzt: „Wer eine Anklage im Namen des Königs vorbringt, soll sie auch zu seinem eigenen Vorteil vorbringen.“ Heute würde man sagen: „Qui tam pro societate!“ – Belohnung von kaufmännischer Zivilcourage.

    Mehr: Zahnloser Tiger: Im Wirecard-Skandal hat die Finanzaufsicht Bafin völlig versagt

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