Gastkommentar: So treibt die Deglobalisierung die US-Inflation in die Höhe
Dambisa Moyo ist eine internationale Ökonomin und Autorin von vier „New York Times“-Bestsellern.
Foto: imago images/ZUMA PressHeute wird weithin akzeptiert, dass die Deglobalisierung – Abbau des Welthandels, Entflechtung der Kapitalflüsse, neue Barrieren für Migration und abnehmender Einfluss multilateraler Institutionen – immer weiter zunimmt.
Noch nicht erkannt haben die Politiker aber, wie dies zur globalen Inflation beiträgt. Um die massiven Preiserhöhungen in den Griff zu bekommen, müssen sich die Federal Reserve und andere Zentralbanken an die Herausforderungen einer sich schnell deglobalisierenden Welt anpassen.
Die Globalisierung hat die Arbeits- und Produktionskosten verringert und so als deflationäre Kraft gedient. Entsprechend sind die Hauptmerkmale der Deglobalisierung – höhere Zölle und andere Handelsbarrieren sowie der Übergang von globalen zu regionalen Handelsflüssen – als Inflationstreiber bekannt. So überrascht es nicht, dass die Kerninflation in den Vereinigten Staaten stark gestiegen ist – von weniger als zwei Prozent Anfang 2021 auf sechs Prozent Mitte 2022.
Kürzlich habe ich argumentiert, die US-Inflation werde bald sinken, da die US-amerikanische Volkswirtschaft bestens in der Lage sei, den Einfluss steigender Preise abzumildern.
Aber wahrscheinlich wird die Deglobalisierung zum Inflationsdruck beitragen, indem sie die Betriebskosten der Unternehmen erhöht. Deshalb wird die US-Inflation wohl zukünftig höher liegen als die ein bis zwei Prozent des letzten Jahrzehnts und sich eher in der Nähe des Fed-Zielbereichs von zwei Prozent bewegen.
Anhaltende Störungen der Lieferketten werden zu weiteren Preissteigerungen führen
Seit Jahrzehnten haben die US-Konzerne enorm von den deflationären Effekten der Globalisierung profitiert. Jetzt allerdings ist zu erwarten, dass die anhaltenden Störungen der Lieferketten – durch Chinas strenge Null-Covid-Politik und Russlands Krieg in der Ukraine – kurz- und mittelfristig zu weiteren Preissteigerungen für Nahrungsmittel, Brennstoffe und Produktionsgüter führen.
Allgemeiner betrachtet drohen die verschärften geopolitischen Spannungen höhere Faktorkosten zum festen Inventar einer sich deglobalisierenden Welt zu machen. Die globalisierte Wirtschaft der letzten drei Jahrzehnte war durch den grenzüberschreitenden Fluss von Waren, Kapital und Menschen gekennzeichnet.
Die wachsende amerikanisch-chinesische Rivalität könnte nun eine Ära einleiten, die von einer stärkeren ideologischen Spaltung und einer balkanisierten Weltwirtschaft geprägt ist. Migrationsbarrieren könnten zu steigenden Arbeitskosten führen und es den US-Unternehmen erschweren, die besten Talente weltweit anzuziehen.
Im Zuge steigender Zinsen und immer noch empfindlicher Lieferketten werden die US-Firmen weniger auf niedrige Herstellungskosten als vielmehr auf Widerstandsfähigkeit Wert legen, was massive Kapitalrückführungen zur Folge hat.
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Laut einem Index der Yale School of Management haben über 1000 Unternehmen – darunter viele amerikanische – ihre Aktivitäten in Russland freiwillig stärker zurückgefahren, als es die internationalen Sanktionen erfordern. In einer deglobalisierten Wirtschaft würde mehr Investitionskapital zurück in die USA fließen, wodurch sich zusätzliche Dollar auf die Suche nach US-Anlagegütern machen und damit preissteigernd wirken würden.
Die Industrieländer kooperieren beim Kampf gegen die Inflation nicht
Und schließlich könnten die weltweiten Preiserhöhungen durch den bemerkenswerten Mangel an geldpolitischer Koordination verstärkt werden – insbesondere zwischen den Industrieländern: Während die Politiker der großen Volkswirtschaften bei ihrer Reaktion auf die weltweite Finanzkrise von 2008 noch an einem Strang zogen, scheinen sie heute zu glauben, jedes Land müsse die aktuelle Inflation für sich allein bekämpfen.
Obwohl die G7-Staatschefs versprochen haben, die globale Inflation zu überwachen, haben sie keine Maßnahmen angekündigt, um den steigenden Preisen gemeinsam etwas entgegenzusetzen, im Gegenteil: Die einzige gemeinschaftliche Politik der G7 der jüngsten Zeit waren die Sanktionen gegen Russland. Die haben den Inflationsdruck möglicherweise noch verschärft, da sie zu stärkeren Unterbrechungen der Lieferketten und höheren Brennstoffpreisen geführt haben.
Dass keine globale Kooperation stattfindet, schadet den verletzlichsten Ländern der Welt am meisten: Erhöhen die großen Zentralbanken ihre Zinsen, exportieren sie die Inflation in kleinere Länder.
Die aggressive geldpolitische Straffung in den USA hat bereits dazu geführt, dass der Dollar gegenüber dem Pfund gestiegen ist, die Parität zum Euro durchbrochen hat und ein Zwanzigjahreshoch gegenüber dem Yen erreicht hat. In Ländern mit schwächerer Währung führt dies zu einer höheren, importbedingten Inflation.
Die Politik muss die Folgen der Deglobalisierung mildern
Der Kampf gegen die Inflation in den USA und in aller Welt erfordert eine koordinierte multilaterale Antwort. Eine solche Antwort würde auch den USA nützen, da sie langfristig weniger anfällig für steigende Importkosten wären.
Umgekehrt erhöht die diplomatische Fragmentierung – ein typisches Merkmal unseres momentanen Zeitalters der Deglobalisierung – die Wahrscheinlichkeit für Vergeltungsmaßnahmen, die bereits in den letzten Jahren zu einer Vielzahl von Handelsbarrieren geführt haben, insbesondere zwischen den USA und China sowie zwischen Großbritannien und Europa.
Gemeinsam führen diese Trends zu einem weltweiten Umfeld, das die US-Inflation weiter anfeuern wird – auch wenn Amerika weniger vulnerabel ist als andere Industrieländer. Die momentanen Bemühungen der Fed, die Inflation durch Zinserhöhungen und Schrumpfung ihrer Bilanz zu senken, werden die Nachfrage verringern und damit dazu beitragen, das Preiswachstum im Rahmen zu halten.
Aber die Politiker müssen auch Maßnahmen treffen, um die Folgen der heutigen deglobalisierten Welt abzumildern.
Die Autorin: Dambisa Moyo ist eine internationale Ökonomin und Autorin von vier „New York Times“-Bestsellern, darunter „Edge of Chaos: Why Democracy Is Failing to Deliver Economic Growth – and How to Fix It“.