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GastkommentarWie Europa zum führenden Biotech-Standort wird

Wir haben zwar viel Erfindergeist, der mündet aber noch zu selten in die Gründung innovativer Unternehmen, analysiert Marianne de Backer. 28.01.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Die Autorin ist Executive Vice President bei Bayer und Leiterin für Strategie, Geschäftsentwicklung und -lizenzierung sowie Open Innovation der Pharmasparte.

Foto: Peter Himsel/Bayer

Die innovative mRNA-Technologie hat das Rennen um einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 klar gewonnen und der Welt das Potenzial von Biotechnologie in der Medizin eindrucksvoll vor Augen geführt. Dabei ist die Entwicklung von Impfstoffen nur ein Bruchteil dessen, was Biotech heute schon leistet und künftig medizinisch noch ermöglichen wird.

Die Verschmelzung von Biologie und Technologie schafft bahnbrechende Innovationen, mit denen Krankheiten nicht mehr nur behandelt, sondern sogar geheilt werden könnten.

Zum Beispiel durch den Einsatz neuer Technologien wie Zell- und Gentherapien. Das ist ein enormer Fortschritt für viele Patienten – zugleich birgt die Verschmelzung aber auch großes unternehmerisches Potenzial. Das gilt es zu nutzen, um Europas wirtschaftliches Gewicht in der Welt zu stärken.

Der „alte Kontinent“ demonstriert bei der Pandemiebekämpfung, dass er im Bereich Biotech viel Know-how und damit auch einen legitimen Führungsanspruch besitzt. Unsere Forschungslandschaft ist vielfältig, die staatliche Förderung naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung exzellent: Fast die Hälfte der Top 100 Life-Science-Universitäten der Welt ist in Europa angesiedelt. Laut dem Onlineportal Statista werden hier im Vergleich zu den USA zweimal mehr und mit Blick auf China sogar dreimal mehr wissenschaftliche Arbeiten im Bereich Biotech publiziert.

Allein von den Max-Planck-Instituten kommen 24 Nobelpreisträger. Das zeigt: Europa ist ein Innovationsmotor. Es fehlen nur leistungsfähige Strukturen, um die Innovationskraft in erfolgversprechende Unternehmen zu überführen, die in der Lage sind, neue Produkte an den Markt zu bringen. Wir haben zwar genug Erfindergeist, scheitern aber immer wieder an der Kommerzialisierung guter Ideen. Europa hinkt hier anderen Regionen deutlich hinterher – allen voran den USA, dem größten Markt für Biotech mit einem Jahresumsatz von zuletzt gut 135 Milliarden Dollar.

Die Pandemie wirkte als Katalysator

Doch das muss nicht so bleiben. Ich bin fest davon überzeugt: Europa kann zum Hotspot für Biotechnologie werden. Dafür müssen wir allerdings zentrale Rahmenbedingungen verändern, um nicht nur in der Forschung Erfolge zu feiern, sondern auch am Markt. Die beispiellos schnelle Entwicklung eines mRNA-Impfstoffs war nur unter Rahmenbedingungen möglich, die in Europa sonst nicht üblich sind. Die Pandemie wirkte als Katalysator und schaffte vorübergehend Verhältnisse wie im Silicon Valley – die wichtigsten Partner aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen stellten sich geschlossen hinter ein Ziel, der Bekämpfung der Pandemie.

Daraus folgt: Will Europa sein großes Potenzial im Bereich der Biotechnologie ausschöpfen, brauchen wir mehr kalifornisches Flair, vor allem mehr Mut zum Risiko. Wir brauchen beispielsweise den Mut junger Wissenschaftler, die Forschungseinrichtungen an der Universität zu verlassen und Unternehmen zu gründen. Wir müssen Unternehmergeist in Europa kultivieren, verbunden mit einer größeren Fehlertoleranz. Denn es sind häufig Rückschläge, die schließlich doch noch zum Ziel führen.

Wir sollten die unternehmerisch veranlagten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Gründung eines Unternehmens ermutigen und sie dabei auch finanziell unterstützen – schon damit sie in Europa bleiben und nicht in andere Länder abwandern. Gerade im Interesse der Patienten brauchen wir in Europa auch mehr Zusammenarbeit. Die Kooperation zwischen Pharma- und Biotech-Unternehmen, Wissenschaft und Regulierern funktioniert unter Pandemiebedingungen so gut wie nie zuvor in der Geschichte.

Es braucht vielfältige Kooperationen

Dieses Momentum gilt es jetzt zu nutzen und auszubauen. Die Sorge um die Gesundheit ist eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Schon deshalb müssen Innovation und Mehrwert der Produkte stärker im Vordergrund stehen, Patentanmeldungen für neue Medikamente sollten beschleunigt werden. Diese Herausforderung kann nicht von isolierten Einzelpersonen oder Gruppen gemeistert werden, dafür braucht es vielfältige Kooperationen, nicht zuletzt zwischen Pharmaunternehmen und Biotech-Firmen.

Ich war bislang für mehr als 200 solcher Allianzen zuständig. Viele davon haben zu Medikamenten geführt, die heute auf dem Markt sind. Zum Beispiel die Medikamente Odefsey, Symtuza und Juluca, alles Präparate für die Behandlung von HIV. Auch Bayer setzt stark auf externe Innovationen. Zum Beispiel haben wir in den vergangenen zwei Jahren mehr als 30 Allianzen im Pharmabereich abgeschlossen und drei Biotechfirmen aus den USA und England akquiriert.

Dabei ist eines klar: Ohne Risikokapital und Offenheit für außereuropäische Investoren wird es nicht gehen. Wir müssen es vermehrt schaffen, dass milliardenschwere Venture-Capital-Fonds die Finanzierung innovativer europäischer Unternehmen übernehmen, auch im Bereich Biotech. Ein Beispiel: Das Unternehmen Moderna ist im Jahr 2010 aus einem Institut für Grundlagenforschung an der Harvard-Universität hervorgegangen. Möglich gemacht haben das spezialisierte Venture-Capital-Fonds.

Investitionshemmnis für den Biotech-Sektor

In Europa stammten 2020 dem aktuellen Deutschen Biotechnologie-Report zufolge bei der Finanzierung von Biotech-Unternehmen lediglich 3,9 Milliarden Euro aus Wagniskapital. Gleichzeitig ist europäisches Wagniskapital in Höhe von 16,8 Milliarden Dollar in die USA geflossen. 2020 gingen in den USA 84 Biotech-Unternehmen an die Börse – in Europa waren es ganze zwei. Dieses Missverhältnis müssen wir schnellstmöglich überwinden.

Um mehr Investoren zu überzeugen, in europäische Unternehmen zu investieren, sollten wir auch bessere Innovationsnarrative entwickeln. Dazu gehört, dass wir offener für außereuropäische Financiers werden. Denn für die wird es immer schwieriger, in europäische Unternehmen zu investieren. Die erforderliche „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ für Investoren ab zehn Prozent Beteiligungsanteil, die nicht in der Europäischen Union ansässig sind, ist ein Investitionshemmnis für dringend benötigtes Kapital im Biotech-Sektor.

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Der Erfolg der mRNA-Technologie bei der Bekämpfung der Pandemie zeigt, was in Europa alles möglich ist, wenn Erfindergeist auf die passenden unternehmerischen Rahmenbedingungen trifft. Diese Möglichkeiten müssen wir jetzt entschlossen nutzen. Ich bin überzeugt, dass Europa das Potenzial hat, führender Innovationshotspot zu werden. Auch weil – und nicht etwa obwohl – der „alte Kontinent“ besonders hohe ethische Ansprüche stellt.

Denn am Ende ist das Vertrauen in Biotech-Innovationen entscheidend für ihre gesellschaftliche Akzeptanz und damit auch für den wirtschaftlichen Erfolg. Kein Zweifel: Biotechnologie gehört die Zukunft – und das nicht nur in der Medizin, sondern auch in vielen anderen Bereichen, zum Beispiel der Landwirtschaft. Es wäre ein kaum wieder gutzumachendes Versäumnis, dieses Potenzial für Europa nicht zu nutzen.

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