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GastkommentarWir brauchen einen Neustart in Asien – jetzt!

Es ist an der Zeit, dass die deutsche Politik den Realitäten ins Auge sieht und die Zeit der Stagnation der Ampelkoalition unter Olaf Scholz hinter sich lässt, meint Heinrich von Pierer.Heinrich von Pierer 20.11.2025 - 04:09 Uhr
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Heinrich von Pierer war mehr als 12 Jahre Vorstandsvorsitzender von Siemens und leitete ebenso lang den Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Er beriet Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel und begleitete Regierungsdelegationen auf zahlreichen Reisen nach Asien. Foto: NurPhoto/Getty Images, Bongarts/Getty Images [M]

Anfang der 90er-Jahre hatten der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Außenminister Klaus Kinkel verabredet, ein stärkeres Engagement in Asien zu zeigen. Es folgte das Asienkonzept der Bundesregierung. Das erklärte Ziel war, die Stellung deutscher Unternehmen in der aufstrebenden Region zu verbessern. Die deutsche Wirtschaft schloss sich unter Vermittlung des Bundeskanzlers im Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft zusammen und rief zum Aufbruch nach Asien auf.

Die Bundesregierung, allen voran der Kanzler, zeigte Flagge in der Region, in China aber eben nicht nur in China, sondern auch in den aufstrebenden Ländern Südostasiens, den damals sogenannten „Tigerstaaten“, und natürlich auch in Indien, der kommenden Supermacht, auch als Gegengewicht zu China. Der Kanzler machte mit seiner großen Wirtschaftsdelegation auch regelmäßig Station in den „Tigerstaaten“, also unter anderem Vietnam, Thailand, Indonesien und Singapur. Auch nach Hongkong ging die Reise. Nur um Malaysia machte er (leider) einen Bogen, weil sich sein angespanntes persönliches Verhältnis zu dem damaligen langjährigen Ministerpräsidenten Mahathir nicht reparieren ließ.

Vor allem die chinesischen Spitzenpolitiker erwiderten die Besuche. Nach den üblichen Treffen in der Hauptstadt folgten Reisen in andere Regionen unseres Landes. Bevorzugtes Ziel war dabei München, zum Beispiel für den chinesischen Staatspräsidenten Zhang Zemin und den erfolgreichen Ministerpräsidenten Zhu Rongji, regelmäßig verbunden mit Besuchen bei BMW und Siemens und manchmal auch in einem Münchner Biergarten.

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Auch Gerhard Schröder pflegte die Reisediplomatie und entwickelte ein gutes Verhältnis zu den Machthabern in Asien. Seine Reisen nicht nur mit den Vertretern der Großindustrie, sondern auch mit vielen, man kann ruhig sagen, begeisterten Mittelständlern waren legendär. Schröder spielte bei diesen Gelegenheiten auch durchaus den Mahner, aber hinter verschlossenen Türen und ohne auf eine besondere deutsche Klientel zu schielen, die politische Missionen gerne zu Lehrstunden mit Schilderung der deutschen Vorbildfunktion in Sachen Klimaschutz, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Förderung von Diversität nutzen will. Feministische Außenpolitik gab es damals nicht, wäre zum Beispiel in China auch schwer zu vermitteln gewesen. Dafür spielten die Förderung eines „Rechtsstaatsdialogs mit China“ und ein institutionalisierter „Dialog der Zivilgesellschaften“ eine positive und von den Chinesen akzeptierte Rolle.

Der deutsche Einfluss in China hielt auch unter Kanzlerin Angela Merkel an, wenngleich die Aktivitäten etwas sehr auf China und mit Abstrichen auf Indien konzentriert, und die anderen wichtigen Länder in Südostasien, in denen Deutschland überall hochwillkommen ist, nur noch in reduzierter Form bedient wurden. Eine Ausnahme bildet sicher Japan: Durch regelmäßige G7-Treffen entwickelte sich ein besonders enger Kontakt zwischen Merkel und dem damaligen japanischen Ministerpräsidenten Shinzō Abe.

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Und heute? Da sehen wir zu, wie rege Diplomatie zwischen den USA, übrigens nicht zu vergessen: der Schutzmacht Taiwans, und China stattfindet, durchaus streitbar, aber immer wieder auch Lösungen suchend, und zwar nicht nur zwischen den beiden Präsidenten Xi und Trump, sondern auch auf anderen politischen Ebenen. Wie der amerikanische Präsident so mal eben im Vorbeifahren wirtschaftliche Abkommen mit den Ländern Malaysia, Kambodscha, Thailand, Vietnam, Südkorea, Japan, China und zuvor schon Indonesien abschließt, ist bemerkenswert. Wir Deutschen werden mehr oder weniger zum Spielball dieser politischen und wirtschaftlichen Manöver. Siehe nur das Beispiel der seltenen Erden, deren Bezug für wichtige Teile unserer Industrie lebensnotwendig ist.

Außenminister Johann Wadephul hat sich mit nicht gerade geschickten Äußerungen im Vorfeld seiner überfälligen Reise nach China eine Brüskierung durch die Chinesen eingehandelt, nach der ihm verständlicherweise nichts anderes übrigblieb, als seine Reise zunächst abzusagen. Sie ist glücklicherweise nur verschoben, nicht abgesagt und soll bald nachgeholt werden. Und nur nebenbei: Gegenüber China unterwürfig aufzutreten, wird von den Chinesen am Ende nicht honoriert. Die Chinesen verstehen eine gut begründete, selbstbewusste Haltung ihrer Gegenüber sehr wohl. Aber das sollte hinter verschlossenen Türen geschehen. Gesichtswahrung wird in Asien bekanntermaßen großgeschrieben. „Streitbare Kooperation“ hat das einmal der China-Experte Eberhard Sandschneider genannt.

China ist nach wie vor knapp nach den USA unser zweitwichtigster Handelspartner. Das Handelsvolumen betrug bis August 2025 164 Milliarden Euro mit einem deutschen Defizit von 54 Milliarden Euro. Fachleute erwarten, dass das Defizit bis zum Jahresende auf 90 Milliarden Euro anschwellen könnte. Es gibt außerdem riesige Investitionen deutscher Firmen in China, zuletzt zum Beispiel von BASF mit rekordverdächtigen 8,7 Milliarden Euro, die in ein großes Chemiewerk fließen. Xi ist dabei, die Lücken, die sich aufgrund der schwankenden amerikanischen Wirtschaftspolitik international auftun, auch in Südostasien geschickt für sich zu nutzen. Und Indien entwickelt sich trotz aller seiner Probleme zum Wachstumstreiber.

Es ist an der Zeit, dass die deutsche Politik den Realitäten ins Auge sieht, die Zeit der Stagnation der Ära Scholz/Habeck/Baerbock hinter sich lässt und Asien wieder die Aufmerksamkeit zukommen lässt, die den deutschen Interessen gerecht wird. Gegenseitige Reisen von Politikern sind keine touristischen Vergnügungstouren, sondern dienen dem beiderseitigen Verständnis und dem Ausbau und der Stärkung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen.

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Deutschland ist auf diese Verbindungen mehr angewiesen als umgekehrt. Es ist Zeit für einen Neustart. Und das nicht nur mit China, wie es neulich in einer angesehenen Tageszeitung plakativ gefordert wurde, sondern mit Asien insgesamt. Finanzminister Lars Klingbeil hat in diesen Tagen zumindest einen Anfang gemacht und ist nach Peking gereist.

Der Autor: Heinrich von Pierer war mehr als 12 Jahre Vorstandsvorsitzender von Siemens und leitete ebenso lang den Asien- Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Er beriet Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel und begleitete Regierungsdelegationen auf zahlreichen Reisen nach Asien. 

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