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Gastkommentar „Wir leben in einem Moment der echten Transformation“

Die Entwicklung der Covid-19-Impfstoffe zeigt das Potenzial der weltweiten Zusammenarbeit. Diese Art der Globalisierung kann auch zur Lösung anderer Menschheitsprobleme beitragen.
17.12.2020 - 18:02 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Post für den Unternehmensbereich Express. Quelle: imago images/photothek
John Pearson

Der Autor ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Post für den Unternehmensbereich Express.

(Foto: imago images/photothek)

Zu sagen, dass die Welt vor vielen Herausforderungen steht, ist kein Klischee. Es ist harte Realität, zumal die anstehenden Herausforderungen nicht nur sehr komplex sind, sondern obendrein auch noch zunehmen, wie die Pandemie unterstreicht.

Dabei wurden in den letzten zehn Jahren von vielen Beobachtern die Globalisierung und der Kapitalismus oft als doppelte Problemquelle ausgemacht – und nicht etwa als wesentliche Instrumente zur Problemlösung. Für Letzteres bedarf es einer überarbeiteten Version von Kapitalismus und Globalisierung, die den Prämissen des 21. Jahrhunderts entsprechend neben der Nachhaltigkeit auf Synchronisierung und echte globale Zusammenarbeit setzt.

Was diese beiden Kräfte, richtig ausgerichtet und strukturiert, erreichen können, wird gerade durch die beeindruckende weltweite Forschungskampagne zur Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gegen Covid-19 nachdrücklich unter Beweis gestellt. Es zeigt die Globalisierung von ihrer besten Seite. In einer Mischung von intensiver grenzüberschreitender Zusammenarbeit und Datenaustausch in Echtzeit ist dies ein Live-Beleg dafür, wie global vernetzt wir sind und wie sehr uns diese Vernetzung nutzen kann.

Zugleich hat die Notwendigkeit zur sozialen Distanzierung auf internationaler Ebene zu einem kaum für möglich gehaltenen Rückgang des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs geführt. Wie der neue DHL Global Connectedness Index zeigt, ist dafür quasi im Gegenzug der internationale Datenverkehr massiv gestiegen. Dies spiegelt die enorme Zunahme der Internetnutzung, von Telefonanrufen und videobasierter Kommunikation wider, die es den Menschen trotz Covid-19 ermöglicht haben, im intensiven Kontakt miteinander zu bleiben.

Eine besonders ermutigende Entwicklung unserer neuen – wieder in Partnerschaft mit der NYU Stern School of Business der New York University erstellten – Studie ist, dass sich der Welthandel nach einem kurzen, aber sehr prononcierten Rückgang eindrucksvoll erholt hat. In der aktuellen Krisenperiode spielen der Güterhandel und digitale Informationsflüsse also eine entscheidende Rolle, um die Dynamik der Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten.

Ermutigend ist ferner, dass der Grad der weltweiten Vernetzung dem Global Connectedness Index zufolge trotz der erheblichen Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs nicht so stark fallen wird, wie das nach der globalen Finanzkrise 2008/09 zu beobachten war.

Die Welt im Jahr 2020 hat sich trotz der immensen Herausforderungen schnell an die Pandemie angepasst. Die Menschen, Unternehmen und Staaten sind weiterhin bereit, sich zu vernetzen, zusammenzuarbeiten und geschäftlich miteinander zu kooperieren. Sie finden nur andere Wege für diese Kontakte. Insgesamt gilt, dass der Grad der Globalisierung in diesem Jahr etwas zurückgehen wird, sich die Globalisierung als solche aber überraschend widerstandsfähig und robust zeigt.

Als langjähriger Manager in der globalen Logistikbranche hat mich die intensive Suche nach dem Impfstoff zum Schutz vor Covid-19 nachhaltig inspiriert. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass diese Anstrengungen alle Merkmale einer besonderen globalen Symphonie haben.

Die Art und Weise, in der Forscher in wissenschaftlichen Instituten und den Forschungsabteilungen von Unternehmen auf der ganzen Welt im globalen Wettlauf um einen Impfstoff gegen die Pandemie zusammenarbeiten, ist aus einem anderen Grund von Bedeutung: Diese Kampagne zeigt uns, wie wir die Herausforderung des Klimawandels bewältigen können.

Spannungsverhältnis von Globalisierung und Kapitalismus

Das Potenzial einer intensiven und weltweit synchronisierten Zusammenarbeit ist offensichtlich sehr groß. Der menschlichen Kreativität und Leistungskraft sind offensichtlich nur wenige Grenzen gesetzt, wenn die Wirkmächte von Globalisierung und Kapitalismus in einem optimalen Spannungsverhältnis zueinander stehen.

Dabei erweist sich auch, dass eine echte Notlage wie der Ausbruch der Pandemie in zukunftsrelevanten Sektoren unvorhergesehene Chancen eröffnen. So ist aktuell die Produktion neuer Flugzeuge zum Stillstand gekommen. Als Reaktion auf diese völlig unerwartete Entwicklung befassen sich die Flugzeughersteller nun mit einer Intensivierung ihrer Forschungen zum Wasserstoffantrieb.

Keine Frage: Wann auch immer dieser technologische Durchbruch gelingt, wird das die CO2-Emissionen von Flugzeugen erheblich verringern. Ein Hersteller geht inzwischen davon aus, dass Flugzeuge mit Wasserstoffantrieb für Regionaljets bereits 2035 auf dem Markt sein könnten.

Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

Auch im Energiebereich sind enorme Fortschritte zu verzeichnen. Insbesondere die Power-to-X-Technologien – das heißt verschiedene Prozesse, die entscheidend dazu beitragen, die Welt an fossilen Brennstoffen vorbeizubewegen, indem kostengünstige erneuerbare Energien in Wärme, Wasserstoff oder synthetische Brennstoffe umgewandelt werden – können der Industrie weltweit helfen, auf einer nachhaltigen Basis zu arbeiten. Die hierfür erforderlichen Innovationen, die noch vor einem Jahrzehnt als reine Zukunftsmusik angesehen wurden, sind mittlerweile in greifbare Nähe gerückt.

Auch bei der Bewältigung dieser elementaren technologischen Herausforderung gilt das Gleiche wie bei der Suche nach dem Covid-19-Impfstoff. Für bahnbrechende Technologien braucht es die beiden Kräfte von weltweiter Zusammenarbeit und hochgradiger Koordination, um die optimale Synchronisierung der eingesetzten Forschungskapazitäten und Investitionsetats zu erreichen. Gelingt dies, sind Globalisierung und Kapitalismus die essenziellen Instrumente zur Problemlösung.

Optimierung durch maximale Synchronisierung ist auch das Herzstück der gesamten globalen Logistikbranche. Zeitlich eng getaktete sowie operativ belastbare Strukturen für die Lieferketten von Waren – ganz gleich, ob global, regional oder national in Fokus und Reichweite – liefern hierfür täglich fast unendliche praktische Beispiele. Das ist eine Verantwortung, die wir als Logistikmanager jeden Tag spüren, nicht zuletzt mit Blick auf unsere Rolle als Dreh- und Angelpunkt der weltweiten Bemühungen um die zeitlich optimierte Verteilung des Impfstoffs.

Die Risiken der optimierten Effizienz

Offensichtlich ist auch wahr, wie einige Kritiker der Globalisierung alten Stils lange zu Recht gewarnt haben, dass jeder Versuch einer immer engeren Integration zur Steigerung der Effizienz mit Risiken verbunden ist. Diese müssen umsichtig gehandhabt werden. Einfach ausgedrückt bedeutet optimale Effizienz keineswegs nur immer weitere Beschleunigung. Viele Unternehmen haben diese Lektion gelernt, als sie plötzlich mit enormen operativen Störungen umzugehen hatten, die durch die Pandemie ausgelöst worden waren.

Meiner Ansicht nach ist all dies ein schlüssiger Beweis dafür, dass das „alte Spiel“ – vorzugsweise den Sündenbock immer auf andere zu schieben oder die Schuld sogar auf abstrakte Konzepte wie die Globalisierung und den Kapitalismus zu verlagern – vielleicht bequem sein mag, uns aber der Lösung der großen Probleme und Herausforderungen keinen Schritt näher bringt.

Covid-19 sollte Befürwortern wie Gegnern der Globalisierung eines deutlich gemacht haben: Die Lösung für viele unserer größten Herausforderungen besteht darin, die Globalisierung und den Kapitalismus so zu überdenken, dass sie auf die dringenden Probleme der Weltbevölkerung ausgerichtet werden. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, sich auf die schöpferische und auch den Wettbewerb motivierende Kraft der Zusammenarbeit zu konzentrieren. Die spezifische Art und Weise, wie wir eine solche synchronisierte Zusammenarbeit in die Realität umsetzen, ist in jedem Untersuchungsbereich und für jedes zur Lösung anstehende große Problem unterschiedlich.

Blaupause für Problemlösungen

Aber eines steht fest: Alle vielversprechenden Lösungen, ob für globale Gesundheit, Klimawandel, Ungleichheit, Massenmigration oder Hunger, erfordern Anstrengungen, die über nationale und regionale Grenzen hinausreichen. Und in diesem Prozess wird es sicherlich zu vielen verschiedenen Formen einer intelligenten Mischung von Kooperationen von Managern, Forschern und anderen Experten kommen, die im öffentlichen und im privaten Sektor tätig sind.

In dieser Hinsicht ist auch die Tatsache, dass die künftige US-Regierung ganz offensichtlich große Stücke auf die Kraft der internationalen Kooperation setzt, von großer Bedeutung.

Wir leben in einem Moment der echten Transformation. Während die Politik eine wesentliche Kraft der Veränderung sein kann, darf die Unternehmenswelt nicht warten, um die Initiative zu ergreifen. Nur so kann sie ihre eigenen Zielsetzungen umsetzen. Grundsätzlich liegt es in unserer Verantwortung als Geschäftsleute, die Herausforderungen, die seit Langem offensichtlich sind, in praktische Lösungen und vielversprechende Chancen umzusetzen.

Gelegentlich mag dies sogar zu überraschenden Formen von Eigentum führen. Als Jonas Salk im Jahr 1955 gefragt wurde, wem das Patent für den von ihm entwickelten Polio-Impfstoff gehöre, reagierte er wie folgt: „Das gehört der Menschheit, würde ich sagen. So etwas darf man nicht patentieren. Könntest du die Sonne patentieren lassen?“

Mehr: Biden will den Kapitalismus zähmen

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