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Kommentar – Der Chefökonom Die Langzeitarbeitslosen sind die vergessenen Verlierer der Pandemie

Die Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland ist deutlich gestiegen, obwohl die Folgen der Krise noch nicht in der Statistik auftauchen. Es droht ein bitteres Ende.
12.02.2021 - 04:00 Uhr 3 Kommentare
Registrierte die BA Ende 2019 erstmals seit Beginn dieser Datenerhebung im Jahr 2008 noch weniger als 700.000 Langzeitarbeitslose, dürfte im Februar erstmals seit fast fünf Jahren wieder die Millionenmarke überschritten werden. Quelle: dpa
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Registrierte die BA Ende 2019 erstmals seit Beginn dieser Datenerhebung im Jahr 2008 noch weniger als 700.000 Langzeitarbeitslose, dürfte im Februar erstmals seit fast fünf Jahren wieder die Millionenmarke überschritten werden.

(Foto: dpa)

Der deutsche Arbeitsmarkt scheint auf den ersten Blick ohne große Blessuren durch die Coronakrise zu kommen. Nach dem Schock im vergangenen Frühjahr schnellte die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit zwar binnen drei Monaten um 670.000 Personen in die Höhe; doch seit Juli sinkt sie stetig. Nahezu ein Drittel des Anstiegs wurde seitdem bereits wieder abgebaut, Tendenz: weiter fallend.

Im Januar registrierte die Bundesagentur für Arbeit (BA) 2,9 Millionen Arbeitslose – und damit noch 475.000 mehr als im Vorjahresmonat. Dass es nicht schlimmer kam, dürften vor allem die großzügigen Kurzarbeiterregelungen verhindert haben, die es vielen Unternehmen ermöglichten, den Großteil ihres Personals zu halten. So waren im vergangenen April knapp sechs Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit und damit viermal so viele wie im Frühjahr 2009 in den Nachwehen der Rezession in der Folge der globalen Finanzkrise.

Doch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist die Anzahl der Langzeitarbeitslosen sprunghaft angestiegen. Registrierte die BA Ende 2019 erstmals seit Beginn dieser Datenerhebung im Jahr 2008 noch weniger als 700.000 Langzeitarbeitslose, dürfte im laufenden Februar erstmals seit fast fünf Jahren wieder die Millionenmarke überschritten werden.

Binnen eines Jahres erhöht sich damit der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen von knapp 30 auf gut 34 Prozent. Als langzeitarbeitslos gilt, wer länger als zwölf Monate ohne Beschäftigung ist; die jetzt von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffenen haben daher bereits vor dem ersten Lockdown ihren Arbeitsplatz verloren.

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    Die Folgen der Pandemie sind dennoch bereits sichtbar, indirekt zumindest. Anders als in normalen Zeiten ist es für Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, mittlerweile nämlich viel schwerer, eine neue Stelle zu finden. Denn auch in vielen nicht direkt vom Lockdown betroffenen Branchen hat die Einstellungsbereitschaft spürbar nachgelassen.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup
    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.

    Folglich kommt es vermehrt zu einem Abgleiten in die Langzeitarbeitslosigkeit und gleichzeitig zu weniger Wiederaufnahmen einer Beschäftigung. Der bis Ende 2019 erreichte Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit schmilzt jetzt dahin „wie Schnee an der Sonne“, räumt BA-Chef Detlef Scheele ein. Das „ist schon bitter“.

    Geringqualifizierte und Ältere geraten ins Hintertreffen

    Besserung ist nicht in Sicht. Selbst wenn die Pandemie im Sommer überwunden sein sollte, dürften zunächst die Beschäftigten aus der Kurzarbeit zurückgeholt und dann Zeitarbeitskonten wieder aufgefüllt werden, bevor es im großen Stil zu Neueinstellungen kommt. Kommt es nicht zu einer überraschenden Trendwende, ist im Frühsommer ein weiterer markanter Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit zu erwarten. Denn jene, die im ersten Lockdown entlassen wurden, werden dann zu Langzeitarbeitslosen.

    Trotz der Pandemie herrscht kein Stillstand auf dem Arbeitsmarkt. Seit vergangenem April meldeten sich 5,19 Millionen Personen arbeitslos, und 4,62 Millionen kehrten in die Beschäftigung zurück. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum waren das zwar 829.000 weniger Zugänge in die Arbeitslosigkeit, aber gleichzeitig 1,27 Millionen weniger Rückkehrer in die Beschäftigung.

    Die Daten zeigen: Vor allem die Chancen, der Arbeitslosigkeit zu entkommen, sind deutlich zurückgegangen. Besonders schwer haben es gering qualifizierte sowie ältere Langzeitarbeitslose. Und selbst wenn Angehörige dieser Problemgruppen eine Anstellung finden, so ist dieses Arbeitsverhältnis oft nur von kurzer Dauer.

    Dass es schwierig ist, Langzeitarbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, ist seit Langem bekannt. Daher wurde Anfang 2019 das „Teilhabechancengesetz“ auf den Weg gebracht. Danach können Arbeitgeber Lohnkostenzuschüsse erhalten, wenn sie einen Langzeitarbeitslosen einstellen. Die Höhe der Zuschüsse hängt davon ab, wie lange ein neuer Mitarbeiter zuvor arbeitslos war. Zudem wird die Weiterbildung der neuen Beschäftigten gefördert.

    Grafik

    Nun mag es in Vor-Corona-Zeiten gute Gründe dafür gegeben haben, diese Zuschüsse erst nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit gestaffelt greifen zu lassen. Doch angesichts der dramatischen Pandemiefolgen scheint diese Frist heute zu lang und die Höhe der Zuschüsse zu gering bemessen zu sein.

    Wer im ersten Lockdown arbeitslos wurde, gilt schon in wenigen Wochen als langzeitarbeitslos – und muss dann noch ein weiteres Jahr warten, um in den Genuss dieser Förderung zu gelangen. Dabei wären Hilfen nicht nur zum Erhalt von Arbeitsplätzen, sondern auch zur Schaffung neuer Arbeitsplätze eigentlich ein Gebot der Stunde.

    Qualifikationsdefizite bekämpfen

    Schließlich wird schon bald ein markanter Alterungsschub der Gesellschaft einsetzen, der weite Teile der deutschen Wirtschaft mit einem gravierenden Arbeitskräftemangel konfrontieren wird. Immer mehr Angehörige der Babyboomer-Jahrgänge erreichen das Rentenalter und müssen durch Angehörige der jüngeren, wesentlich schwächer besetzten Geburtsjahrgänge in Fabriken, Büros und Geschäften ersetzt werden.

    Einen Teil dieser Lücke könnten Arbeitslose füllen. Ob dies gelingt, hängt entscheidend von der individuellen Dauer der Arbeitslosigkeit ab. Denn je länger Menschen arbeitslos sind, desto schwerer ist für sie eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt. Die Politik sollte daher alles daransetzen, den sich abzeichnenden Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit und den damit einhergehenden Verlust von Humankapital zu stoppen.

    Zielführend wäre dabei eine mehrgleisige Strategie. Zum einen gilt es, die Anreize für Empfänger von Arbeitslosengeld II zur Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zu stärken. Dazu müssen die prohibitiv hohen Transferentzugsraten deutlich gesenkt werden. Wer Grundsicherung bezieht und sich mehr als 100 Euro pro Monat hinzuverdient, sieht sich mit demotivierenden Abzügen von 80, 90 oder in Extremfällen gar 100 Prozent konfrontiert.

    Zum Zweiten sollten die Anreize für die Unternehmen gestärkt werden, Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben. Natürlich sind das Verbot von Befristungen sowie Kündigungsschutzvorschriften schützenswerte soziale Errungenschaften. Dennoch sollte es kein Denkverbot hinsichtlich einer zeitweisen Lockerung dieser Regelungen im Falle der Einstellung eines Langzeitarbeitslosen geben. Außerdem sollten die Lohnkosten- und Weiterbildungszuschüsse aufgestockt werden.

    Am wichtigsten ist es jedoch, grundlegende Qualifikationsdefizite zu bekämpfen – und zwar möglichst nicht erst dann, wenn ein Ungelernter bereits mehrere Jahre arbeitslos ist und als kaum noch vermittelbar gilt. Vielmehr gilt es zu verhindern, dass größere Teile der „Generation Corona“ zu einer verlorenen Generation werden, weil sie als Folge von massivem Unterrichtsausfall gravierende Bildungsnachteile hinnehmen müssen.

    Das Ifo-Institut bezifferte die langfristigen Kosten der Schulschließungen auf 3,3 Billionen Euro – was der Wirtschaftsleistung eines gesamten Jahres entspräche. Und mit jeder weiteren Woche Unterrichtsausfall wachsen die Nachteile für die einzelnen Schüler und durch Folgeeffekte auch für die gesamte Volkswirtschaft.

    Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen wird erfahrungsgemäß umso schwieriger, je länger sie andauert. Die Politik geht daher ein großes Risiko ein, wenn sie allein auf die Selbstheilungskräfte des Arbeitsmarktes vertraut. In den vergangenen guten Jahren hat man sich an dessen Robustheit gewöhnt – vielleicht zu sehr.

    Nun gilt es aber, einer Verfestigung von Langzeitarbeitslosigkeit frühzeitig entgegenzuwirken. Die Rezepte liegen auf dem Tisch. Und die Pandemie hat gezeigt, dass finanzielle Mittel auch kein wirkliches Problem sind. Wer hier am falschen Ende spart, der zahlt langfristig drauf.

    Mehr: Wir brauchen eine klügere Schuldenbremse, meint Bert Rürup

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    3 Kommentare zu "Kommentar – Der Chefökonom: Die Langzeitarbeitslosen sind die vergessenen Verlierer der Pandemie"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • @Herr Joachim Zuckschwerdt
      Es ist Ihnen voll zuzustimmen.

    • Es wird immer mehr Erwachsene geben, die Leistungs-Schwächen aufweisen. Vor allem zu langsam sind in der Ausführung. Arbeitsverdichtung hat zugenommen. Mit den zu Langsamen oder zu Denkschwachen könnte man trotzdem Mehrwert schaffen und so deren Unterhaltskosten reduzieren. Beispiel I: Im Herbst, wenn die Blätter fallen, werden Radwege ziemlich gefährlich. Die schmierigen Blätter müssen schnell beseitigt werden, was häufig nicht mit Maschinen gemacht werden kann. Für solche Einsätze könnten Langzeit-Arbeitslose aktiviert werden. Man könnte so verfahren, dass sie ihre monatlichen Stütze-Beträge weiter erhalten und eine Stunden-Prämie zusätzlich bezahlt bekommen, die gut 5 Euro betragen könnte. Es muss ein einfaches Abrechnungs-Verfahren sein. So könnte für die Gesellschaft ein Mehrwert zustande kommen. Beispiel II: Es werden staatliche Textilbetriebe gegründet, die den Auftrag haben, Schulkleidung für die ganze BRD herzustellen. Langzeit-Arbeitslose wird empfohlen, in den Betrieben zu arbeiten. Das bedeutet hauptsächlich einfache Näharbeiten. Langsame können Beschäftigt werden, denn Schnelligkeit spielt keine Rolle, da es nicht auf Konkurrenz und Profitmaximierung ankommt. Sie erhalten wiederum eine Prämie zu ihrer Stütze. Psychologisch trennen sich so die Arbeits-Willigen von den Unwilligen ziemlich bald. Ein weiterer psychologischer Effekt wäre, dass Schulkinder nicht mehr dem Modediktat ausgesetzt wären und arme Eltern diesen Stress loswerden. Wichtig wäre noch, dass es in den Firmen große Kantinen gibt, so dass die meist miserable Ernährung der Armen eingegrenzt wird. Würde man solch ein Konzept von Psychologen und Unternehmensberatern begleiten lassen, könnten interessante Erfolge erzielt werden. China gibt seine staatlichen Firmen, die Massenprodukte herstellen, auch nicht auf. Es gilt erstens Evolution, so werden nicht nur Leistungsfähige geboren, daneben der erfolgreiche Kapitalismus, der Minderleister aussortiert, die in alten Zeiten früh gestorben wären.

    • Der Kommentar ist - entgegen dem ersten Eindruck - eine Verharmlosung des Problems. Langzeitarbeitslose verlernen nicht nur Fähigkeiten. Durch das Abspeisen mit Hartz-IV-Geld ohne Gegenleistung verlernen sie, sich in einem geregelten Alltag zurecht zu finden und verlieren ihre letzte Motivation. Was erstmal sehr human klingt (Geld ohne Gegenleistung) ist in Wahrheit menschenverachtend: "Wir brauchen Dich und Deine Leistung nicht."
      Und das größte Problem ist, dass die Kinder der Langzeitarbeitslosen in einem solchen Umfeld aufwachsen und geprägt werden. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass hier Menschen aufwachsen, die auch bei einfachsten Tätigkeiten mehr Arbeit verursachen als sie erledigen.
      Was wir brauchen sind pädagogisch hochqualifizierte, verständnisvolle, aber strenge Lehrer in Ganztagsschulen. Der Lehrer als frustrierter Halbtags-Fußabtreter in Problemvierteln muss ein Ende haben. Der Lehrer muss wieder eine Respektsperson für Schüler und Eltern! werden. Das sind die (sehr teuren) Maßnahmen, die wir als Zukunftsinvestition brauchen.

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