Prüfers Kolumne: Dünn im Geschäft
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattWer übergewichtig ist, hat oft Probleme, einen Job zu finden. Wer mit weniger Kilo zum Bewerbungsgespräch kommt, hat dickere Chancen auf eine Stelle. Und wer dünn ist, verdient dann auch mehr Geld.
In den Augen vieler gelten Menschen mit starkem Übergewicht als faul und disziplinlos. Sie müssen sich anhören, dass ihr schlechter Umgang mit sich selbst ein Problem für alle ist.
In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde eine Studie des Forschungszentrums zur Zukunft der Arbeit zitiert, wonach Frauen in Deutschland signifikant mehr verdienen, wenn sie untergewichtig sind. Demnach glauben Chefs also, dass Menschen mit unterdurchschnittlichem Gewicht überdurchschnittliche Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, während Leute mit mehr Kilo weniger mentale Stärke liefern.
Dabei kann ein starkes Untergewicht ja sehr wohl mit einem unglücklichen Leben zusammenhängen. Ja, es ist nicht einmal gesagt, dass sehr dünne Menschen weniger Krankheitstage produzieren als sehr dicke Menschen. Man weiß ja auch, dass viele problematische Persönlichkeitsmerkmale mit mangelnder Ernährung zusammenhängen.
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Ich selbst habe immer ziemliches Untergewicht gehabt. Bis heute bin ich eher dünn. Ich müsste, um Normalgewicht zu bekommen, mindestens eine Mahlzeit am Tag mehr essen, also eine kalorienreiche. Das wäre statistisch gesehen sogar gesünder. Untergewichtige Menschen haben ein höheres Sterberisiko, nicht unerheblich weniger als übergewichtige. Aber zum Mehr-Essen fehlt mir leider die Disziplin.
Ich müsste mir, obwohl ich satt bin, noch einen Teller aufladen. Das ist wahrscheinlich ähnlich unangenehm, wie nichts mehr zu essen, obwohl man noch hungrig ist. Nur hat mir noch niemand Disziplinlosigkeit vorgeworfen. Dabei kann wenig essen genauso faul sein wie viel essen. Übergewichtig zu sein heißt auch nicht, dass man deswegen keinen Sport macht oder so. Ich kenne etliche Menschen mit Übergewicht, die viel Sport machen. Sie nehmen deswegen aber noch nicht ab.
Wenn übergewichtige Menschen einfach nur keine Disziplin hätten, dann würde das ja auch bedeuten, dass all die anderen Menschen mehr Kontrolle über ihren Nahrungsmittelkonsum hätten. Also, dass normalerweise alle Menschen einfach die ganze Zeit gern mehr essen würden, das aber nicht tun, weil sie wissen, dass es ihrem Gewicht schadet. Aber das ist ja nicht der Fall, die meisten Leute essen einfach, wie es ihrem Hunger entspricht. Oder setzen auf Hilfsmittel wie zur Diätspritze umgebogene Diabetesmedikamente.
Ich glaube, die Gesellschaft ist nicht gerecht. Sie sucht sich stets jemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen kann. Zurzeit sind das Menschen, die dicker sind als andere. Wenn wir denen erzählen, dass sie ein Problem mit ihrer Zügellosigkeit haben, können wir uns selbst besser fühlen. Wir können uns als diszipliniert sehen, obwohl wir es nicht sind. Für diesen Service müssten Übergewichtige eigentlich extra bezahlt werden.