Gastkommentar – Homo oeconomicus: Koste es, was es wolle: Das sind die Fehler der deutschen Klimapolitik
„Seit 2010 wurden mehr als 340 Milliarden Euro für energetische Modernisierungsmaßnahmen in Wohngebäuden ausgegeben – ohne einen spürbaren CO2-Einsparungseffekt.“
Foto: dpaPolitiker aller Parteien betonen angesichts der Bilder aus überfluteten Regionen, die Anstrengungen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes müssten beschleunigt werden: früherer Ausstieg aus Kohle und Verbrennern, noch höhere CO2-Preise, ein rascher Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. „More of the same“, nur schneller und konsequenter.
Dabei ist es höchste Zeit für einen Neustart. Es muss uns zu denken geben, dass wir trotz Hunderter Milliarden Euro für Klimaschutz und Energiewende im internationalen Vergleich weit davon entfernt sind, als Vorbild zu gelten.
Die wesentliche Ursache für dieses Scheitern liegt in der fehlenden Budgetrestriktion. Wir haben nicht definiert, wie viele Mittel wir als Gesellschaft pro Jahr für dieses Thema ausgeben wollen und können. Stattdessen wird so getan, als rechtfertigte die Herausforderung jeden beliebigen Einsatz an Mitteln. Die Folge: Es fehlt an Effizienz und an Effektivität.
So wurden seit 2010 mehr als 340 Milliarden Euro für energetische Modernisierungsmaßnahmen in Wohngebäuden ausgegeben – ohne einen spürbaren CO2-Einsparungseffekt. Die Ursache sind, neben einem anderen Nutzerverhalten – die Menschen freuten sich, dass es statt 20 Grad nun 22 Grad warm im Wohnzimmer ist –, falsche Sanierungsmaßnahmen. Der Staat fördert, was am teuersten ist, nicht, was am meisten bringt.
Dass es besser gehen kann, demonstriert das Pilotprojekt des Initiativkreises Ruhr in Bottrop. Seit 2009 hat man dort den CO2-Ausstoß von Wohngebäuden um knapp die Hälfte gesenkt. Der CO2-Ausstoß pro Kopf liegt dort heute bei weniger als 40 Prozent des deutschen Durchschnitts.
Der Autor: Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „beyond the obvious“, Unternehmensberater und Autor. Jeden Sonntag geht auf www.think-bto.com sein Podcast online.
Foto: Robert Recker/ BerlinBurkhard Drescher, der Geschäftsführer der zuständigen Innovation-City-Management-Gesellschaft, erklärt das mit der altbekannten Regel: 80 Prozent des Ergebnisses erreicht man mit 20 Prozent des Einsatzes. Hätte ganz Deutschland seit 2009 so gehandelt, stünden wir bei geringerem Mitteleinsatz besser da.
Die Politik sollte nicht die Mittelverwendung definieren
Der Industrieverband BDI hat vorgerechnet, dass 45 bis 70 Milliarden Euro pro Jahr bis 2050 genügen würden, um die Klimaschutzziele zu erreichen, sofern wir dabei effizient und effektiv vorgehen würden. Das sind nur 1,2 bis 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Politik sollte über dieses Budget streiten, nicht die Mittelverwendung definieren.
Wenn wir es dann noch schaffen, statt des Verzichts die Innovation in den Vordergrund zu stellen, könnten wir wirklich einen Beitrag zur deutlichen Reduktion der CO2-Emissionen in der Welt leisten. Technologien, die Kohlendioxid binden oder gar in Produktionsprozessen nutzen – zum Beispiel zur Kunststofferzeugung –, helfen dem Weltklima mehr als der zunehmend teure Weg, unseren eigenen Ausstoß zu senken, vor allem dann, wenn Politiker am Glauben festhalten, am besten zu wissen, wie wir die Ziele erreichen. Sie wissen es nicht.
Der Autor ist Gründer des Diskussionsforums beyond the obvious, Unternehmensberater und Autor. Jeden Sonntag geht auf www.think-bto.com sein Podcast online.