Homo oeconomicus: Firmen müssen ein Gleichgewicht zwischen Kostenoptimierung und Krisenfestigkeit finden
Beata Javorcik ist Chefökonomin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und Professorin für Wirtschaft an der Universität Oxford.
Foto: BloombergMit der Rücknahme der Ausnahmebestimmungen in weiten Teilen Europas zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie ist die Versuchung groß zu glauben, dass einiges wieder so sein wird wie vor der Krise. Ein leitender Manager eines Großunternehmens mit Standort östlich der EU meinte kürzlich, die schwerste Störung, die sein Betrieb zuletzt erlitten hatte, sei nicht Covid-19, sondern ein Brand bei einem Zulieferer in Norditalien gewesen.
Werden wir also ungeachtet aller Vorsätze, die Standfestigkeit zu stärken, bald wieder magersüchtige Lieferketten und „business as usual“ erleben?
Dagegen gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks auch Stimmen, die eine Verringerung der Abhängigkeit der Importe aus China sowie generell eine stärkere Rückverlagerung der Produktion fordern. Während US-Präsident Trump schon seit einiger Zeit „America first“ fordert, spricht nun etwa auch der französische Staatschef Emmanuel Macron von „wirtschaftlichem Patriotismus“.
Für eine Fünf-Milliarden-Euro-Rettung musste Renault ein „deutliches Bekenntnis“ zu „Rückführung mehrwertschaffender Produktion“ abgeben.
Die Wahrheit liegt – wie immer – irgendwo in der Mitte. Es ist zu früh, den Sieg über Covid-19 auszurufen und zum Alltag zurückzukehren. Ernste Sorgen wegen einer zweiten Welle dürfen nicht ignoriert werden.
Aber selbst nach einem Ende der Seuche wird uns der Klimawandel extremes Wetter bescheren, und neue Epidemien sind wahrscheinlich. Sie werden Lieferketten unterbrechen und unser gegenwärtiges Geschäftsmodell, das vor allem auf Kostenoptimierung beruht, infrage stellen.
Keine Immunität gegen Schocks
Gleichzeitig ist auch die Rückführung kein Allheilmittel. Europäische Staaten sind nicht immun gegen Schocks. Die Antwort muss also lauten: Verdoppelung der Versorgung, indem man Zulieferer jenseits der bestehenden Verbindungen findet.
Für Unternehmen bedeutet das, in Zukunft ein Gleichgewicht zwischen Kostenoptimierung und Krisenfestigkeit zu finden. Höhere Standhaftigkeit hat ihren Preis, besonders für Firmen mit Hunderten Zulieferern ersten Grades und noch mehr im zweiten Rang.
Zu einem gewissen Ausmaß können Kosten abgefedert werden durch Investitionen in Automatisierung und Rückführung in neue EU-Staaten, den westlichen Balkan oder Nordafrika. Deutschland kaufte im Vorjahr Monitore im Wert von 1,6 Milliarden Dollar in China. Man hätte ebenso die Wahl gehabt, auf Angebote aus Ägypten, Polen, Slowakei, Slowenien, Tunesien oder Ungarn zurückzugreifen.
Ebenso stellen viele Länder in der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft Transformatoren und zahlreiche andere elektrische Geräte her. Aber auch anderswo bestehen Alternativen: So stammen in Deutschland 70 Prozent der Kinderwagen und der für ihre Produktion erforderlichen Bestandteile aus China.
Sie könnten genauso gut aus Polen kommen, das 2018 solche Güter für 148 Millionen Dollar exportierte. Möglichkeiten gibt es also mehr als genug. Höchste Zeit für Manager, über ihr Revier hinauszublicken.