Reichtum: Das Geschäft mit der Großzügigkeit
„Eine Stiftung kann dafür sorgen, dass dein Wille zählt, auch wenn du selbst nicht mehr entscheidest“, heißt es in der Online-Anzeige einer Großkanzlei. Aber lassen sich Vermögensübertragung, Steuervorteil und öffentliche Bewunderung wirklich mit einer Stiftung verbinden? Die typischen Erfahrungen sehen anders aus.
Da ist das kinderlose Aufsteigerpaar, das die Früchte seiner Karriere zurückgeben möchte. Knapp die Hälfte ihrer sechsstelligen Ersparnisse haben sie bereits in eine gemeinnützige Stiftung gesteckt, bevor sie merken, dass ihr Geld dort nicht grün angelegt wird und nach Kosten fast nichts übrig bleibt für Arbeit gegen den Klimawandel.
Ähnlich ernüchtert ist die Unternehmerin, die den Tod einer nahen Angehörigen erlebt hat und ihr zum Andenken eine Stiftung mit einer fünfstelligen Summe errichtet hat. Das kostet beim Stiftungsverwalter laut Kostenliste drei Prozent auf jede Transaktion – plus stündlich abgerechneten Aufwand.
So geht es vielen, die mehr geben wollen und können. Hinterher ist man klüger, aber redet selten darüber. Ändern kann man es eh nicht mehr: Es ist ja gerade das Merkmal einer Stiftung, Vermögen unwiderruflich zu binden. Und weil sich kaum jemand auskennt im Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht, boomt das Geschäft mit der Großzügigkeit.
Steuerberater, Anwälte und Privatbanken veranstalten kostenlos Luxus-Events für die Klientel, aber die lohnen sich schnell angesichts der unendlich laufenden Gebühren-Abos. Ein philanthropisch-juristischer Komplex lebt davon, Milliarden einzusperren.
Aber was kommt unter dem Strich für die Gesellschaft heraus? Als Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen habe ich es als Erfolg verkauft, dass zu den bestehenden 25.000 rechtsfähigen Stiftungen in Deutschland jährlich etwa 500 dazukommen – aber davon sind nur noch die Hälfte überhaupt gemeinnützig, 20 Prozent weniger als noch vor fünf Jahren.
Und die meisten Neugründungen brauchen selbst Geld. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Tausend Stiftungen keine Nachfolger finden oder ertraglos verwaisen. Auch das ist ein Geschäft, ein doppeltes: Vermögensdienstleister bieten dafür nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Besetzung der Gremien an.
Eine Stiftung ist wie eine Ehe ohne die Möglichkeit zur Scheidung. Wenn die Hälfte aller Ehen geschieden werden, dann kann man schätzen, wie viele Stiftungsvermögen das Schicksal ereilt, in einer unveränderlichen Struktur gefesselt zu sein, wenn sich die Vorstellungen der Stifter oder die Welt (oder beides) verändert haben. Anders als bei der Ehe bindet eine Stiftung aber noch die folgenden Generationen. Die Ewigkeit ist hier doch länger, als man denkt.
Diese Einsicht hatte auch ein Unternehmer auf Sylt. Er berichtete mir neulich, 150.000 Euro für die Beratung rund um eine Nachfolgelösung ausgegeben zu haben. Eine Doppelstiftung sollte es werden: Eine kontrolliert das Unternehmen und versorgt die Familie, in einer zweiten landen steuerbefreit die Erträge. Er hat sich am Ende dagegen entschieden. Auch wenn die Sache in der Gegenwart verlockend aussah, wollte er sein Vermögen nicht dauerhaft festlegen.
Es gibt durchaus Alternativen: Wer ein Unternehmen für immer an Regeln oder einen Zweck binden will, kann es zur B Corp entwickeln oder unwiderruflich in Verantwortungseigentum geben – mit einer versprochenen neuen Rechtsform wird das bald noch einfacher.
Wer erhaltenswerte Vermögensgegenstände wie Kunstsammlungen oder Denkmäler sichern will, kann sie in bestehende Stiftungen einbringen, wo sie weniger laufendes Fundraising erfordern.
Und wer komplexe Vermögen an die Gesellschaft zurückgeben möchte, braucht vielleicht individuelle Hilfe, optiert aber besser für eine Verbrauchsstiftung, die spätestens innerhalb einer Generation alles ausgegeben hat.
Sicher könnte der Staat das alles mit Reformen und Transparenz erleichtern. Denn wenn es in den vergangenen zehn Jahren kaum noch nennenswerte private gemeinnützige Stiftungsgründungen gegeben hat, ist das ein Problem für die ganze Gesellschaft. Für die wäre es am besten, wenn weniger Geld in die Vermeidung von Erbschaftsteuern und mehr in die Bewältigung dringender Gegenwartsprobleme gesteckt würde.
In vielen Familien finden gerade Diskussionen über Geld statt. Vielen täte es gut, die Expertise der Berater und die Aussicht auf den Steuerdeal mit eingebautem Verdienstorden vom Tisch zu nehmen – und stattdessen eine einfache Frage zu stellen: Was würden unsere Enkelkinder tun?
Felix Oldenburg ist Autor ( „Der gefesselte Wohlstand“, 2025) und CEO des Stiftungs-Start-ups Bcause. Zuvor leitete er den Bundesverband Deutscher Stiftungen und das Sozialunternehmer-Netzwerk Ashoka. Mit Unternehmen, Podcast und Newsletter ermutigt er alle, die mehr beitragen können, zu einem neuen Geben.
Erstpublikation: 07.08.2025, 14:53 Uhr.