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GeoeconomicsEuropa muss Macht ökonomisch denken

Chinas Einfluss wächst, die USA ziehen sich zurück – und Europas wirtschaftlicher Vorsprung schmilzt. Geoökonomie wird zur Schlüsseldisziplin der Außenpolitik, meint Daniela Schwarzer.Daniela Schwarzer 09.10.2025 - 07:37 Uhr Artikel anhören
Daniela Schwarzer ist Vorständin der Bertelsmann-Stiftung und verantwortet dort die Programme und Projekte zur Zukunft Europas sowie Demokratie und Zusammenhalt. Foto: Klawe Rzeczy, Bertelsmann Stiftung

Die geopolitische Tektonik auf dem europäischen Kontinent verschiebt sich – schneller und tiefgreifender, als viele in den europäischen Hauptstädten wahrhaben wollen. Im Schatten von Russlands Krieg gegen die Ukraine und seiner hybriden Angriffe in ganz Europa zeigen nackte Zahlen, was sich politisch längst erspüren lässt: In ihrer Nachbarschaft ist die EU zwar noch die ökonomisch am stärksten vernetzte Kraft – doch ihr Vorsprung schmilzt, vor allem gegenüber China.

Unser neuer Geo-Economic-Interconnectivity-Index (GEOII) belegt: Peking hat seine Präsenz im erweiterten europäischen Raum in den vergangenen zehn Jahren massiv ausgebaut. Seine Belt-and-Road-Initiative findet längst nicht mehr so viel Beachtung wie früher, ihre Wirkung aber wächst.

Mit Infrastrukturinvestitionen von Belgrad bis Tunis, strategischen Beteiligungen in Schlüsselindustrien und Krediten ohne Good-Governance-Bedingungen schafft China gezielt Abhängigkeiten – und dies oft dort, wo Europäer zögern. In Serbien etwa hat China seine Präsenz in den letzten Jahren mit Milliardeninvestitionen in Verkehrs- und Energieprojekte deutlich ausgebaut.

China füllt dabei auch Lücken, die Russland derzeit lässt: Zwischen 2010 und 2023 hat Russland laut GEOII deutlich an wirtschaftlicher und politischer Vernetzung eingebüßt, besonders in Osteuropa, wo China versucht, über Infrastruktur- und Handelsinitiativen weiter an Einfluss zu gewinnen. Dabei bleibt Russland trotz wirtschaftlicher Schwäche und politischer Isolation ein einflussreicher Akteur und nutzt, wo noch möglich, den Energie- und Agrarhandel sowie Arbeitsmigration als Druckmittel.

Europäische Antworten

Die EU versucht seit 2021 mit der Global-Gateway-Initiative – zusätzlich zu ihrer Nachbarschafts- und Vor-Beitritts-Politik – Chinas wachsendem Einfluss etwas entgegenzusetzen: Bis 2027 sollen weltweit rund 300 Milliarden Euro in Infrastruktur, Energie, digitale Netze und Verkehr investiert werden. Europa setzt dabei auf Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und faire Partnerschaften statt auf Abhängigkeiten, um unter anderem Stabilität und Zugänge zu sichern.

Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander: Die verfügbaren Mittel bleiben hinter Chinas Investitionen zurück und komplexe Verfahren bremsen Projekte aus. In die europäische Nachbarschaft fließt nur ein vergleichsweise geringes Budget, und um dort die Interessen Europas stärker zu unterstützen, braucht es eine klare Priorisierung und Fokussierung der Investitionen, Koordinierung zwischen EU-Ebene und Mitgliedstaaten, von denen viele selbst nur unzureichend geoökonomisch denken, ebenso wie eine gezielte Integration der Nachbarschaft in EU-Kapitalmärkte, damit privates Kapital mobilisiert, Investitionen verstetigt und die Bedeutung des Euros gestärkt werden.

Die USA auf dem Rückzug

Während China aufholt, ziehen die USA sich aus Europas Nachbarschaft zurück. Wie der GEOII zeigt, ist das wirtschaftliche Engagement Washingtons bereits vor Beginn der zweiten Trump-Administration deutlich zurückgegangen. Besonders folgenreich sind die USAID-Streichungen: Zwischen 2020 und 2024 flossen noch rund 1,7 Milliarden US-Dollar in den Westbalkan. Ebenso schwer wiegt der Verlust der USA als politischer Leuchtturm für Reformkräfte in der Region und als Orientierung und oftmals Partner für Unterstützer aus der EU.

Das Gebot der Stunde lautet Derisking statt Deengagement – also kritische Abhängigkeiten verringern, ohne wirtschaftliche Verflechtung aufzugeben. Verflechtung ist jedoch nur dann Machtfaktor, wenn sie bewusst gestaltet wird, sonst sinkt trotz wirtschaftlicher Verflechtung der politische Einfluss der EU. Europa muss seine wirtschaftliche Stärke als strategisches Instrument verstehen und nutzen. Das bedeutet: Der Binnenmarkt, regulatorische Standards und finanzielle Ressourcen sollten noch gezielter außenpolitisch wirken.

Gezielte Investitionen in Infrastruktur, Energie und Technologieprojekte können in der Nachbarschaft attraktive Alternativen zu chinesischen Finanzierungen schaffen. Dazu könnte die EU auch ihre Nachbarschaftspolitik industriepolitisch strategischer gestalten, etwa über einen Souveränitätsfonds, der Projekte mit geostrategischer Relevanz priorisiert. Länder, die sich an EU-Standards annähern, sollten deutliche ökonomische Vorteile spüren.

Wenn Europa seine Lieferketten sicherheitspolitisch prüft, muss die Nachbarschaft, insbesondere die Beitrittskandidaten, einbezogen werden. Handelspolitik sollte mit sicherheitspolitischem Denken verknüpft werden, indem Nachbarstaaten, die politisch stabil und partnerschaftlich ausgerichtet sind, als Teil stabiler Lieferketten unterstützt werden.

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Wirtschaftliche Verflechtung ist kein Selbstzweck, sondern ein Machtfaktor und Werkzeug, um Stabilität, Sicherheit und Werte und damit europäische Interessen in der eigenen Nachbarschaft zu sichern.

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